Habt keine Angst, es wird groß: "Acht Tage" von Stefan Ruzowitzky

    Ansichtssache23. Februar 2019, 16:00
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    In der Dystopieserie des Oscar-Preisträgers rast ein Komet auf Deutschland zu. Die Grenzen sind dicht, die Bunker voll. Unheimlich und realistisch

    Vor rund 66 Millionen Jahren schlug im Golf von Mexiko ein Asteroid ein und sorgte für das Aussterben zahlreicher Arten, unter anderem der Dinosaurier. Wie man heute weiß, folgte nach der Katastrophe die Kälte. Die Jahresdurchschnittstemperatur fiel um fast 26 Grad.

    Ab 1. März 2019 steht Ähnliches bevor. Ein 60 Kilometer großer Komet rast mit 60.000 km/h auf die Erde zu. Wie Berechnungen ergeben, soll er in Kasachstan aufschlagen und für apokalyptische Zustände sorgen. Wie das Leben danach weitergeht? Keiner weiß es. Die Uhr tickt, die Angst steigt.

    sky deutschland

    "8 Tage" – so der Titel der Endzeitserie von Stefan Ruzowitzky und Michael Krummenacher, zu sehen ab kommendem Freitag auf Sky, und exakt so viel Zeit haben die Menschen, sich in Sicherheit zu bringen. Das ist einfacher gesagt als getan, denn in den Bunkern ist nicht Platz für alle.

    Die Grenzen sind dicht

    Auswandern? Geht nicht, die Grenzen sind dicht. Nicht nur hier geht "8 Tage" von einer in diesen Tagen realistischen Situation aus. Eine Handvoll Leute führt vor, dass sich beim Weltuntergang recht schnell jeder der Nächste ist und dass vor allem das soziale Gewissen auf die härteste Probe gestellt wird.

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    foto: sky/neuesuper/stephan rabold

    Auf das Recht des Stärkeren sieht sich bald auch jene kleine Gruppe Menschen zurückgeworfen, die "8 Tage" in acht Folgen begleitet. Noch bis vor kurzem waren es "ganz normale" Bürger aus Deutschland, angesichts der drohenden Apokalypse kommt das wahre Gesicht zum Vorschein.

    Die braven Kleinbürger schlagen zu, der Baumeister baut sich eine Privatarmee, der Politiker missbraucht seine Macht, die Jugendlichen feiern, als gäbe es kein Morgen mehr.

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    foto: sky/neuesuper/stephan rabold

    "Der Druck war enorm", erinnert sich Nora Waldstätten an ihre Figur, die hochschwangere Marion, die mit ihrem Ehemann, einem korrupten Politiker (Fabian Hinrichs), in die USA flüchten will.

    Die Rolle war nicht einfach, sagt Waldstätten: "Es geht immer um alles, weil dir die Zeit durch die Finger rinnt. Das ist eine große Herausforderung, immer noch die richtige Temperatur zu finden, nicht zu überdrehen, aber auch nicht darunter zu liegen." Das Drehbuch schrieben Rafael Parente, Peter Kocyla und Benjamin Seiler. Hinter der Kamera standen Benedict Neuenfels und Jakob Wiessner.

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    foto: sky/neuesuper/stephan rabold

    Christiane Paul ging als Ärztin und Mutter an Grenzen: "Wenn du jeden Tag so extreme Szenen hast, dann kannst du irgendwann nicht mehr", sagte die deutsche Schauspielerin in Wien. Paul spielt die Ärztin Susanne Steiner, die mit ihrem Mann Uli (Mark Waschke) vorerst im Bunker unterkommt und kurz einer sicheren Zukunft entgegenblickt. Pool, Kino, Fitnessstudio, alles ist da, weil "lebensnotwendig für die mentale Verfassung", wird erklärt. Ein Jahr, womöglich länger ist veranschlagt. Schaut gut aus. Paradiesisch?

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    foto: sky/neuesuper/stephan rabold

    Mitnichten. In der Apokalypse steckt der Wahnsinn, und der schlägt in "8 Tage" zu. Denn nur kurz später ist Susanne wieder draußen, getrennt von Ehemann und Sohn, die nach Russland wollten. Unterdessen vollstreckt der feiste Baumeister Klaus (Devid Striesow) das Kriegsrecht.

    Den türkischstämmigen Polizisten (Murathan Muslu) lädt er in seinen Bunker ein. Weißer Mann sorgt vor: "Typen wie Sie haben es verdient zu überleben." Die Bürgerwehr steht bereit – auch für die Zeit danach. Die ist allerdings auch für ihn nicht gesichert.

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    foto: sky/neuesuper/stephan rabold

    Denn die eigene Tochter Nora (Luis Gaffron) holt zum Befreiungsschlag aus und fügt dem Vater körperliche Schmerzen zu. Auf Panikattacken im Umfeld reagiert sie mit Coolness: "Im Moment passiert hier nur eine Sache: gar nichts."

    Das heißt nach der guten, alten Lebensberatungsschule: Lebe im hier und jetzt. Das heißt im Teenagerleben zunächst: Weg mit der Zahnspange! Freiheit ist möglich!

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    foto: sky/neuesuper/stephan rabold

    Anderswo wird dem Herrgott ab- und geschworen. Ein Klaus-Kinski-Double, der schrägste Charakter in "8 Tage" (David Schütter), wird im Angesicht des rasenden Irrsinns zum Guru, an den man glauben kann, wo es nichts mehr zu verlieren gibt: "Habt keine Angst, es wird groß."

    "Jetzt drehen sie alle durch", findet Egon (Henry Hübchen) und legt sich mit Theo ins Hotelbett. Die beiden kennen einander aus DDR-Zeiten, bevor sie ihre Homosexualität verstecken mussten. Und der Traum von der besseren Welt? Träumt weiter.

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    foto: sky/neuesuper/stephan rabold

    Seit geraumer Zeit lässt das Serienbusiness gesteigerte Lust an der Apokalypse erkennen. In "How It Ends" stürzt eine Gesellschaft ab und ins Chaos. "Occupied" zeigt ein von Russland besetztes Norwegen im Krieg um Gas und Öl.

    Dystopien rauf und runter

    Die ganze Bandbreite von Dystopien spielen Serien wie "Black Mirror", "The Handmaid’s Tale", "Altered Carbon" und das dänische "The Rain" durch, das in seinem realistischen Anspruch "8 Tage" vermutlich am ähnlichsten kommt. Was fasziniert, sind die Handlungen der Menschen in moralischen Freiräumen. Solche Fragen zu stellen, ohne Moralinsäure zu versprühen, ist für deutsche Fernsehserien erst seit kurzem möglich.

    Deutsche Serien im Aufwind

    "Die machen gerade auf", sagt Paul. Beispiele wie "Bad Banks", "Babylon Berlin" und demnächst "Bauhaus". "Die letzten zwei, drei Jahre gibt es eine Tendenz, wonach das Fernsehen wieder mutiger wird", stimmt Waschke zu. Für Schauspieler sei das Klima ein Glücksfall, sagt Paul, die mit "Unterm Radar" sogar schon einen Emmy gewann und demnächst in einer Netflix-Serie spielen wird: "Die ganze Branche verändert sich." (Doris Priesching, 23.2.2019)

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