Ornament als Versprechen: Das Revival dekorativer Kunst in den 1970ern

    21. Februar 2019, 16:00
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    Die Künstlerbewegung "Pattern and Decoration" sagte den Feinden dekorativer Kunst den Kampf an: Ein Besuch in New York im Vorfeld der großen Mumok-Ausstellung

    Entspannt wie ein Buddha sitzt Robert Kushner in seinem New Yorker Atelier und lässt sich von seinem Schoßhündchen die Künstlerhände liebkosen. Hinter dem 70-Jährigen lehnen zwei Meter hohe Leinwände. Sie sind beklebt mit bunten und gold glitzernden Stoffstücken, die der Künstler in Collagetechnik zu blumigen, organischen Mustern neu zusammengesetzt hat. Gefallen geht hier vor Provozieren, das ist klar. "Nennen wir es ruhig Kitsch", sagt Kushner, "aber diese Bilder hier, die sind mir fast schon zu geschmackvoll." Sein Grundsatz sei eigentlich ein anderer: "Bad taste is timeless."

    Nicht immer geschmack-, aber definitiv zeitlos ist auch das Ornament, das dekorative Element, das in der Kunst seit den frühen Hochkulturen seinen festen Platz hat. Mit der Moderne, in der Künstler die Befreiung des Individuums in den Mittelpunkt stellten, entflammte ein Kreuzzug gegen jede Form der Verzierung und Behübschung. Als Fanal gilt etwa die 1908 erschienene Polemik Ornament und Verbrechen des Wiener Modernisten Adolf Loos. Der Architekt war in seinem Eifer so weit gegangen, jede Verzierung zu kriminalisieren. Der Zug der Moderne hin zu glatten Oberflächen und einfachen Formen in der Architektur ging analog zur Abstraktion und Reduktion in der Malerei.

    Orientreisen als Inspiration

    Als Robert Kushner, aufgewachsen auf einer kalifornischen Farm, in den 1970er-Jahren nach New York übersiedelte, dominierte in der dortigen Szene monochrome, minimalistische Malerei. Nichts, womit Kushner hätte glücklich werden können. Er unternahm Reisen, nach Istanbul, in den Iran, nach Afghanistan, und seine Welt "explodierte", wie er sagt. Ihn interessierte die reiche Ornamentik des Orients, japanische Dekorationskunst und die westlichen Klischees davon.

    foto: robert kushner
    "Pink leaves" (1979) von Robert Kushner.

    Seine Performances, in denen Kushner Striptease und Mode thematisierte, führten ihn auch nach Wien, wo er auf die hiesigen Aktionisten traf: "Alles war so depressiv, überall Dreck und Blut. Ich habe mich gefragt: Warum soll ich das Unangenehme zeigen, wenn ich das Schöne in mir zeigen kann? Ich wollte dagegen vorgehen, dass nur das Unangenehme ernst genommen wird. Das wirklich Schockierende war, dass ich sagte, ich bin ein glücklicher Mensch, und will das mit euch teilen." Die Wiener Aktionisten, offenkundig vollbeladen mit postfaschistischen und katholischen Traumata, sollen den allzu positiv gesinnten Ami belächelt haben.

    Gleichgesinnte in Soho

    Doch zu Hause im entstehenden Künstlerstadtteil Soho fand Kushner Gleichgesinnte. Rund um die damals bereits etablierte, 2015 verstorbene Künstlerin Miriam Schapiro scharte sich eine Gruppe junger Frauen und Männer, die sich nicht abfinden wollte mit der Verächtlichmachung dekorativer Kunst. Aus politischen Sesselkreisen unter dem Eindruck des Watergate-Skandals und Feminismus entstand die Bewegung "Pattern & Decoration" (P&D). Treibende Kräfte waren Joyce Kozloff und Valerie Jaudon, die noch heute in New York leben. Sie sammelten Zitate aus der Kunstgeschichte, mit denen sie den Hass auf das Ornament als mitunter rassistisch, machistisch und allem voran frauenfeindlich motiviert entlarvten. P&D trat an, das Dekorative politisch umzudeuten, es als feministische Selbstermächtigung zurück in die Kunst zu holen. Mit raschem Erfolg.

    foto: bildrecht wien, 2019
    Valerie Jaudons "Hattiesburg" von 1979.

    Zu den Sammlern, die angebissen haben, gehörte Peter Ludwig. Im großen Stil kaufte der Deutsche Werke der rund ein Dutzend deklarierten P&D-Protagonisten. Nach der Herbstausstellung im Ludwig-Forum Aachen zeigt nun auch das Wiener Mumok die erste umfassende Aufarbeitung der P&D-Bewegung unter dem Titel Ornament als Versprechen. Auf zweieinhalb Ebenen verteilen sich die großformatigen Werke, die im postmodernen Stil-, Material- und Formenmix Ornamentik aus aller Welt aufgreifen: Blumig wie der Jugendstil, verschnörkelt wie islamische Kunst, poppig-ungeordnet wie im abstrakten Expressionismus.

    Getauschte Stereotypen

    Als stilistisches Gegengewicht zu Robert Kushner kann Valerie Jaudon gelten. Ihre präzisen Raster, meist in Schwarz-Weiß-Grau gehalten, schlagen Brücken zur Architektur. Unbewusst, meinen die P&D-Künstler, hätten sie geschlechterspezifische Klischeevorstellungen, wonach Männer eher mathematisch-geometrischen und Frauen organischen Formen anhängen würden, getauscht. Jaudons wie auch Schapiros Arbeiten leben einerseits von Präzision in der Wiederholung, aber noch viel mehr von jenen kleinen Abweichungen, den bewussten "Fehlern", die sich im Detail verstecken. Kein am Computer generierter Raster würde dem je gerecht werden, sagt Jaudon.

    Die ganz große Anerkennung blieb den P&D-Künstlern freilich verwehrt. "Damals stellte niemand Fragen nach unseren Motiven. Das kommt alles erst jetzt", sagt Jaudon. Hinter dem aufgeregten Hype am Kunstmarkt sei die politische Dimension der "schönen Kunst" rasch verblasst. Mitte der 1980er-Jahre nahm auch das kommerzielle Interesse ab. "Decoration and Pattern" habe eben mitTemperament zu tun, argumentiert Kushner demonstrativ gelassen: "Die einen mögen es, die anderen nicht." (Stefan Weiss, 21.2.2019)

    Ausstellung bis 8. 9., Podiumsdiskussion mit P&D-Künstlern am 23. 2., 17 Uhr. Die Reise nach New York wurde vom Mumok ermöglicht.

    • Miriam Schapiro, Grande Dame der P&D-Künstler, zitierte in ihren Werken "typisch weiblich" besetzte Muster und Formen  als stolzes Statement gegen den männlich dominierten Kunstkanon: "Geometry in Flowers" (1978).
      estate of miriam schapiro / bildrecht wien

      Miriam Schapiro, Grande Dame der P&D-Künstler, zitierte in ihren Werken "typisch weiblich" besetzte Muster und Formen als stolzes Statement gegen den männlich dominierten Kunstkanon: "Geometry in Flowers" (1978).

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