"Lords of Chaos": Härter als Satans älteste Schwester

    20. Februar 2019, 17:01
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    Die Geschichte des norwegischen Black Metal wurde mit Blut geschrieben. Auch Kirchen brannten nieder. Der Spielfilm von Jonas Akerlund zeichnet die Ereignisse nach

    Fehlgeleitete männliche Energie führt oft zu bedrückenden Ergebnissen. Jeder, der einen Testosteronbolzen zu Hause hat, weiß, dass gerade in jungen Jahren die Gefahr groß ist, dass sich so ein Fetzenschädel im günstigsten Fall beim Deppertsein selbst in die Luft jagt. Im ungünstigen Fall nimmt er dabei noch ein paar Kameraden mit auf den Weg. Peng, peng! Aaarrghh! Schwärzestes Schwarz.

    An der Grenze von Selbsthass, Nihilismus, pathologischem Widerstand gegenüber der Zivilisation, jeder Menge existenzieller Angst sowie scheißblödem Satanismus, Walhalla-Ballaballa und Nazidreck wurde diesbezüglich vor gut einem Vierteljahrhundert in Norwegen ein Fass aufgemacht. Das durch Morden und Brandschatzen in Wikingerzeiten und später durch Erdöl reich gewordene Land, das aufgrund etwas längerer Dunkelphasen an Vitamin-D-Mangel leidet (Müdigkeit, Muskelschwäche, Depression, frühzeitiger Tod...) und sich also mit der Lebensfreude immer schon ein wenig schwertut, beherbergt von den späten 1980er-Jahren herauf die schlimmste Kunstform aller Zeiten.

    De Mysteriis Dom Sathanas

    Zumindest ist es davor historisch gesehen nur in der verwunschenen Stadt R‘lyeh, in der H.P. Lovecrafts Gottheit Cthulhu einst darauf wartete, aus der Menschheit Blunzengröstl zu machen, zu einem derart schlimmen Grunzen und weltverdammenden Gekeife gekommen, wie es um 1993 auf den streng außermusikalisch angelegten Black-Metal-Alben der Bands Mayhem (De Mysteriis Dom Sathanas) oder Burzum (Filosofem) dargespieben wird. Black Metal ist in der Geschichte des Rock‘n‘Roll die absolute Niedertracht. Der sich an realen Ereignissen orientierende Spielfilm Lords of Chaos stellt in dieser Geschichte nun eine Bocksfussnote dar.


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    Regisseur Jonas Akerlund ist auch bekannt vom derzeit auf Netflix populären Brutalofilm Polar mit Mads Mikkelsen. Zuvor drehte er Videos für Madonna, Beyoncé oder Rammstein. Noch davor drosch er bis 1984 die Felle bei den schwedischen Black- und Viking-Metal-Vorreitern Bathory. Die Verfilmung des Sachbuchs Lords of Chaos – The Bloody Rise of the Satanic Metal Underground schildert nun die Entstehung des norwegischen Extremsports Black Metal Anfang der 1990er-Jahre auf zünftig geschmacklose Weise. Es geht darin um eine Jugend gegen Gott sowie eine zart homophile Freundschaft zwischen Oystein Aarseth alias Euronymous von der Band Mayhem (im Film dargestellt von Rory Culkin, dem Bruder von Macaulay Kevin – Allein zu Haus Culkin) und Varg Vikernes von der One-Man-Band Burzum.

    Kirchen niederbrennen

    Im Wettbewerb, der größte Widerling seit Satans ältester Schwester zu sein, endet das Ganze im Niederbrennen von christlichen Kirchen sowie dem Brudermord von Vikernes an seinem Kumpel Euronymous im Jahr 1993. Vikernes fasste dafür 15 Jahre Haft aus. Er kam 2009 frei. Derzeit lebt er als weißer "Suprematist" in Frankreich. Er war einer der "Auserwählten", die 2011 vor dessen Massenmord auf der norwegischen Insel Utoya Anders Behring Breiviks irres "Manifest" zu lesen bekamen.

    whoretoachainsawtaim

    Die Bluttaten in Jonas Akerlunds Verfilmung von Lords of Chaos sind recht drastisch ausgefallen. Beim Drehbuch und der psychologischen Personenführung wurde ein wenig gespart. Produziert wurde der Film vom internationalen Junggesellenmedium Vice. Jetzt ist alles klar. (Christian Schachinger, 20. 2. 2019)

    Jetzt im Kino

    • "Lords of Choas": Anfang der 1990er-Jahre brennen in Norwegen Kirchen nieder.
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      "Lords of Choas": Anfang der 1990er-Jahre brennen in Norwegen Kirchen nieder.

    • Rory Culkin (zweiter von rechts) spielt in "Lords of Chaos" Euronymous, den Gitarristen der norwegischen Black-Metal-Erfinder Mayhem.
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      Rory Culkin (zweiter von rechts) spielt in "Lords of Chaos" Euronymous, den Gitarristen der norwegischen Black-Metal-Erfinder Mayhem.

    • "Lords of Chaos": Ein gelungener Nachmittag in Oslo, Anfang der 1990er-Jahre.
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      "Lords of Chaos": Ein gelungener Nachmittag in Oslo, Anfang der 1990er-Jahre.

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