Mobilität und Migrationen in der Bronzezeit

Blog21. Februar 2019, 07:45
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Moderne Analysen alter Gene, Isotopen und Artefakte bringen frische Einblicke in die dynamische, vernetzte Welt der Bronzezeit in Europa

Mitte Dezember 2018 fand am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften die Konferenz "Genes, Isotopes and Artefacts" statt. Es war eine seltene Gelegenheit, Spezialistinnen und Spezialisten verschiedenster Fachdisziplinen zusammenzubringen, um Bewegung in die Bronzezeitforschung zu bringen. Denn auch vor drei- bis viertausend Jahren waren Menschen und Güter weit mobiler als lange Zeit angenommen. Der modernen Archäologie steht heute eine Vielzahl an Analysemethoden zur Verfügung, die vor Jahrzehnten noch undenkbar waren. Untersuchungen des menschlichen Erbguts lassen Verwandtschaftsmuster, Abstammungen und genetische Herkunft rekonstruieren. Isotopenanalysen prähistorischer Zähne bieten wertvolle Informationen über Ernährung und Ortswechsel.

Mobilität und Migration können heute direkt am prähistorischen Menschen erforscht werden, und nicht nur indirekt über materielle Hinterlassenschaften. Die Erforschung des Handels mit Rohstoffen und fertigen Produkten wie Schmuck, Geräten und Waffen aus Bronze hat durch neue Analysemethoden ebenfalls Impulse erfahren. Trotzdem bleibt die Erfassung von Artefakten, deren räumlicher Verteilung und chronologischer Entwicklung – die Kernkompetenzen der Archäologie – unerlässlich für die Kontextualisierung und Interpretation der Ergebnisse.

foto: orea-öaw, felix ostmann
Teilnehmende der Konferenz im Theatersaal der ÖAW.

Dialog der Disziplinen

Moderne Archäologie ist vielfältig. Die Analyse menschlicher Knochen und Zähne sowie Funde verschiedenster Materialien erfordert interdisziplinäre Zusammenarbeit. Dies gestaltet sich nicht immer einfach, da jede Disziplin ihre eigene Sprache, Arbeitsweise, Methoden, erkenntnistheoretischen Ansätze und Erwartungen hat. Die Archäologie saß dabei immer schon zwischen den Stühlen von Natur- und Geisteswissenschaft. Auch die Archäologie bedient sich hypothesengeleiteter Forschung, misst und macht messbar. Trotzdem geht es immer wieder darum, komplexe Zusammenhänge dazustellen und zu interpretieren. Nicht immer lassen sich eindeutige Antworten auf Fragen an die Vergangenheit finden.

Die Forschungsgruppe "Prähistorische Identitäten" und das Institut für Orientalische und Europäische Archäologie verfolgen systematisch einen diskursiven Weg in der Forschung, der kulturelle und kontextuelle Informationen gleichwertig mit bioarchäologischen Daten diskutiert.

Erforschung alter DNA – des Kaisers neue Kleider?

Die Erforschung unserer genetischen Geschichte hat Dynamik in die Landkarte bronzezeitlicher Kulturen gebracht. Großräumige Wanderungsbewegungen wurden zwar bereits aufgrund von Fundverteilungen postuliert, doch nun verdichten sich die Hinweise auf zahlreiche Migrationswellen vom eurasischen Steppenraum und dem Nahen Osten nach Europa. Das Bild von reinen Populationen, die über längere Zeit in einem Raum gelebt haben, musste revidiert werden.

Heute diskutieren Genetiker über Mischverhältnisse des Genoms und den prozentuellen Anteil geografisch zugeordneter Abstammungslinien, der in jedem analysierten Individuum zu finden ist. So könnte zum Beispiel die Herkunft des Genoms eines bronzezeitlichen Menschen aus Österreich zu je einem Drittel europäischen Jäger-Sammlern, neolithischen Bauern aus Anatolien und Reitern aus der eurasischen Steppe zugeschrieben werden. Zu wenig wird diskutiert, wie genau die Zuordnung bestimmter Cluster von Genen zu archäologischen Kulturen und Völkern funktioniert. Alte DNA zu erforschen ist schon längst von einer Labor- zu einer Computerwissenschaft geworden. Mitunter sind die Vorgänge der Datenbearbeitung und Statistik auch für den geübten Betrachter nicht mehr nachvollziehbar.

Die Faszination von Ethnizität scheint ungebrochen. Bisweilen fragt man sich, ob die Erforschung von Clustern alter Gene nicht einfach nur Rassenforschung in neuer Gestalt ist. Die Archäologie hat nach den Schrecken des Nationalsozialismus lange gebraucht, um sich neu zu orientieren und über ihre eigene Fachgeschichte zu reflektieren. Des Potenzials politischen Missbrauchs archäologischer und nun auch genetischer Daten sowie der daraus resultierenden Verantwortung sind sich Archäologinnen und Archäologen sehr bewusst. Wie also neue Wege einschlagen?

Menschen sind das Produkt von Natur und Kultur. Die biologische Herkunft ist nur ein Aspekt des Menschseins, und das Genom alleine erklärt noch lange nicht soziale Beziehungen, menschliches Verhalten und kulturelle Entwicklungen. In welchen gesellschaftlichen Gruppen Menschen lebten, wie sie sich und andere kategorisierten, ist nur aus dem archäologischem Zusammenhang – dem Kontext – erkennbar.

Auch Krankheitserreger sind mobil

Die Bevölkerungsdynamik der Bronzezeit (circa 2200 bis 800 v. Chr.) ist nicht nur durch Migrationen, sondern auch durch Wachstum unter guten Umwelt- und Klimabedingungen und zahlreichen Rückgängen gekennzeichnet. Der Erforschung der DNA von Pathogenen, also Krankheitserregern, kommt eine immer größere Rolle dabei zu, diese oft kleinräumigen Entwicklungen nachzuzeichnen. Quasi als Nebenprodukt der Analyse alten menschlichen Erbguts werden Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten untersucht, die seit Jahrtausenden mit dem Menschen interagieren. In dem ständigen Wettkampf zwischen Krankheitserregern und ihren Wirten findet Evolution statt.

Das Herpesvirus etwa wurde erst kürzlich in einer Art steinzeitlichem Kaugummi – einem 5.000 Jahre alten Stück abgekauten Birkenharzes – entdeckt. Der Ursprung, die Verbreitung und die Genealogie des Pestbakteriums (Yersinia pestis) konnte anhand von zahlreichen Proben prähistorischer Individuen nachvollzogen werden. Durch Handel und Mobilität über die Seidenstraße kamen immer wieder neue Stämme des Bakteriums nach Europa. Besonders interessant ist dabei, dass das Bakterium anfangs relativ harmlos war und erst im Lauf seiner Evolution zu einer tödlichen Bedrohung wurde.

foto: public domain
Großaufnahme des Pestbakteriums.

Spannend ist auch, dass der genetische Code spezifischer Krankheitserreger nun zunehmend in bereits publizierten Datensätzen wiederentdeckt wird. Dass Archäologie in alten Computerdaten wertvolle Ergebnisse liefert, zeigt den Wert vom freien Zugang zu Daten und umfangreichen Datensammlungen (Stichworte: Big Data, Open Access).

Die Erforschung historischer Pandemien und deren Ausbreitung kann durch ein besseres Verständnis der Mutationsmechanismen dazu beitragen, auch beim Wettlauf mit modernen Krankheitserregern die Oberhand zu behalten.

Geschlechterspezifische Mobilität

Bis vor kurzem dominierten männliche Handwerker, Händler und Krieger das Bild bronzezeitlicher Mobilität. Die zunehmende Anwendung von Isotopenanalysen ergab jedoch, dass auch Frauen in weit größerem Ausmaß als angenommen mobil waren. Die Isotopenverhältnisse des lokalen geologischen Untergrunds, besonders von Strontium, werden während der Entwicklung im Zahnschmelz gespeichert. Ihre Analyse kann Einblicke liefern, wo Menschen aufwuchsen, ob und in welchen Lebensabschnitten sie ihren Wohnort wechselten.

Betrachtet man nun die Anteile lokale und nichtlokaler Individuen in Bezug auf ihr Geschlecht, erhält man Hinweise auf geschlechterspezifische Mobilität. Im späten Neolithikum, der Glockenbecher- und Schnurkeramikzeit, dürften besonders Männer sehr mobil gewesen sein. Die spätneolithisch-frühbronzezeitliche Migrationswelle aus dem Steppenraum umfasste einen hohen Anteil von Männern.

foto: katharina rebay-salisbury
Frühbronzezeitlicher Kinderschädel aus Schleinbach mit Spuren von Gewalteinwirkung.

In der frühen Bronzezeit jedoch ist der Anteil nichtlokaler Frauen fast überall in Europa höher als der der Männer. Das könnte durch eine neue gesellschaftliche Ordnung erklärt werden, in der weibliche Exogamie und Patrilokalität eine besondere Bedeutung erfahren. Frauen dürften ihre Kinder in der Gemeinschaft ihrer Männer aufgezogen haben. Es bleibt zu diskutieren, in welcher Form die gesellschaftliche Einbindung fremder Frauen passierte – durch Liebesbeziehungen, Heiratskreise oder gar Frauenraub? Die Hinweise auf Krieg und Gewalt in der Bronzezeit häufen sich in der Form von erschlagenen und getöteten Menschen, die begraben oder in Gruben beseitigt gefunden wurden.

Das weibliche (mitochondriale) Genom ist auch durch eine wesentlich höhere Diversität gekennzeichnet als das männliche (Y-Chromosom). Das könnte wiederum für Polygamie sprechen, da einige wenige Männer Fortpflanzungserfolg mit zahlreichen Frauen gehabt haben müssen. Die zunehmende soziale Stratifizierung der bronzezeitlichen Gesellschaft ermöglichte einigen wenigen nicht nur den Zugang zu materiellen Ressourcen wie Gold und Bronze, sondern auch Macht über andere Menschen.

foto: rasmus christiansen
Lebensbild der Bronzezeit aus dem Jahr 1907.

Ein neues Bild der Bronzezeit

In der europaweiten Zusammenschau der Fallstudien zeigte sich die unglaubliche zeitliche und kulturelle Vielfalt prähistorischer Entwicklungen. So wird es immer schwieriger, ein einheitliches Narrativ für die Bronzezeit zu formulieren. Doch darin liegt auch die Erkenntnis, dass die Vergangenheit genauso komplex war wie das Leben heute. Mehr denn je sind wir in der Lage, spezifische (Ur-)Geschichten zu rekonstruieren. Das Bild der statischen, archäologischen Kulturen wird zunehmend durch ein Bild vernetzter, mobiler, kreativ und aktiv agierender Menschen ersetzt. Dabei können wir aus dem archäologischen Kontext Fragen an die Vergangenheit beantworten, die auch heute gesellschaftlich relevant sind. Themen wie Migration, Ethnizität, Geschlechterverhältnisse, Mutterschaft, Epidemien und Gewalt verbinden die Bronzezeit mit der Gegenwart und bieten ein breites Potenzial für neue Forschungen. (Katharina Rebay-Salisbury, 21.2.2019)

Katharina Rebay-Salisbury ist Archäologin und forscht am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Als Spezialistin für die europäische Bronze- und Eisenzeit untersucht sie derzeit im Rahmen eines ERC-Starting-Grant-Projekts biologische und soziale Auswirkungen von Mutterschaft in den letzten drei Jahrtausenden v. Chr.

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