Historiker Peschanski: "Antizionismus zu ahnden ist keine gute Lösung"

    20. Februar 2019, 06:00
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    Der französische Historiker Denis Peschanski ortet bei den Gelbwesten zahlreiche antidemokratische Tendenzen – und auch eine hohe Bereitschaft, antisemitischen Verschwörungstheorien zu glauben

    Der 69-jährige Philosoph Alain Finkielkraut wurde bei einem Umzug der Gelbwesten im Pariser Viertel Montparnasse am Wochenende von mehreren Aktivisten auf dem Gehsteig wüst beschimpft. Einer schrie: "Wir sind das Volk, Frankreich gehört uns!", gefolgt von: "Hau ab, Scheißzionist!" Sowohl die sozialen wie auch die anderen Medien in Frankreich berichteten seither über die zunehmend düstere Kehrseite der Bürgerbewegung.

    STANDARD: Müssen Frankreichs Juden heute in Angst leben?

    Peschanski: Einzelne haben Angst, aber noch mehr sind wütend. Sie wollen nicht zulassen, dass die Französische Republik eine neue Welle von Antisemitismus erlebt.

    STANDARD: Wer sind die Urheber dieser neuen Welle? Rechts-, Linksextremisten oder Islamisten?

    Peschanski: Es ist ein Gemisch von all diesen Strömungen, ausgehend von dem jahrhundertealten Antisemitismus. Der gemeinsame Nenner ist die Suche nach einem Sündenbock. Die Juden sind neben Freimaurern, Ausländern oder Immigranten nicht die einzigen Betroffenen, aber sie sind jedes Mal betroffen. Jetzt ist gerade wieder eine solche Spitze erreicht.

    STANDARD: Sie meinen die Gelbwesten-Bewegung. Ist sie unterschwellig antisemitisch?

    Peschanski: Das würde ich so nicht sagen. Aber eine ganz aktuelle Studie zeigt klar, dass sie stärker als andere anfällig für Komplotttheorien ist – seien das die Illuminati, die zionistische Weltverschwörung oder die "große Ablösung". Diese rechtsextreme These unterstellt der Regierung und den intellektuellen Eliten, sie wollten Migranten aufnehmen, um die Bevölkerungs- und politische Mehrheit zu gewinnen. Die Gelbwesten glauben doppelt so oft als andere an diese Theorien.

    actu médias

    STANDARD: Ist Frankreich diesbezüglich ein Sonderfall?

    Peschanski: Nein, solche Tendenzen gibt es auch in Österreich, Polen, Ungarn und Italien.

    STANDARD: In Frankreich wächst auch der Antiparlamentarismus.

    Peschanski: Einzelne Gelbwesten lehnen die repräsentative Demokratie ab – das heißt die gewählten Vertreter der Bevölkerung. Das zeigt sich auch in den vielen Anschlägen auf Büros und Wohnungen von Abgeordneten. Es ist schon erstaunlich, dass eine Bewegung, die mehr demokratische Beteiligung verlangt, die repräsentative Demokratie verwirft und sich undemokratischer Methoden bedient.

    STANDARD: Verkörpert die Bewegung der Gelbwesten nicht auch einen jener Fieberschübe, die Frankreich gelegentlich erfassen?

    Peschanski: Ja, Frankreich hat die Eigenheit, eine "Konfliktgesellschaft" darzustellen, die ihre Probleme nicht konsensuell löst, sondern per Kraftakt. Das bringt Gewalt mit sich, und diesmal auch einen eigentlichen Hass. Ich habe das in Frankreich so noch nie erlebt. Die Präsidentschaftswahl 2017 ist in eine Legitimitätskrise gemündet, Emmanuel Macron wurde von Beginn weg angefochten. Das Ausmaß des Hasses auf ihn schlägt alles. Bei Demos wird Macron als Nazioffizier karikiert, Macron-Puppen brennen.

    STANDARD: Wer ist verantwortlich für diese Stimmung?

    Peschanski: Der rechte Rassemblement National von Marine Le Pen, aber auch das linke Unbeugsame Frankreich. Der von ihnen vermittelte Hass ist inakzeptabel. Am stärksten ist er in den sozialen Medien. Gegen sie ist Frankreichs Gesetzgebung ziemlich schwach. Wer rassistische Sprüche von sich gibt, kann zwar verfolgt werden. Doch Portale wie Facebook, Twitter oder Instagram bleiben davon unberührt. Sie müsste man in Frankreich stärker zur Verantwortung ziehen, wie das auch in Deutschland der Fall ist.

    STANDARD: Ein paar Macron-Abgeordnete wollen Antizionismus als eine "Form von Antisemitismus" unter Strafe stellen ...

    Peschanski: Antizionismus zu ahnden ist keine gute Lösung. Natürlich bemäntelt der Antizionismus oft nur den Hass auf die Juden. Aber wenn er sich so äußert, kann er auch jetzt schon verfolgt werden. Wenn man antizionistische Aussagen generell verbietet, erlaubt man den Urhebern, sich als Opfer zu inszenieren. Dann würden sie rasch ein neues Tarnwort für ihre Judenfeindlichkeit finden. (Stefan Brändle aus Paris, 19.2.2019)

    foto: cnrs
    Denis Peschanski (64) ist Historiker am französischen Forschungsinstitut CNRS und arbeitet zu individueller und kollektiver Erinnerung. Er war in der Kommunistischen und Sozialistischen Partei aktiv, bevor er 2017 mit Kollegen zur Wahl Emmanuel Macrons aufrief.

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