Ein Seziersaal für verrottende Klänge

    24. Februar 2019, 18:11
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    In einem ehemaligen Seziersaal in Wien öffnet demnächst ein spezielles Hörlabor: Das "Auditorium of Rotting Sounds" erkundet die Verfallserscheinungen digitaler Klangwelten

    Die Wahrheit, sagt man, unterliegt keinem Verfallsdatum. Wie auch umgekehrt das (angegebene) Verfallsdatum nicht immer der Wahrheit unterliegt. So wurde etwa die CD Anfang der 1980er-Jahre mit dem Slogan "Pure, perfect sound – forever" in die Warenwelt eingeführt. Ein leeres Versprechen, wie sich bald zeigte.

    "Digitale Daten sind vom Mythos der verlustfreien Übertragung und Umwandlung umrankt, obwohl die tägliche Erfahrung beweist, dass Daten einem Verfallsprozess unterliegen und sich letztendlich auf verschiedene Weise zersetzen", sagt Thomas Grill vom Institut für Komposition, Elektroakustik und TonmeisterInnen-Ausbildung der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien (MDW).

    Man denke nur an die auf SD-Karten gespeicherten digitalen Fotos, die nach zehn, 15 Jahren der Lagerung in diesem vermeintlich sicheren Speichermedium bereits spurlos verschwunden sein könnten. Das Gleiche passiert auch mit Audioaufnahmen, was den meisten Menschen allerdings nicht bewusst ist. "CDs sind der musikalische Schatz des digitalen Zeitalters, der sich irgendwann in Staub verwandeln wird", so der Komponist und Forscher.

    Im Projekt "Rotting Sounds", das vom Wissenschaftsfonds FWF im Rahmen des PEEK-Programms für künstlerische Forschung gefördert wird, beschäftigen sich Thomas Grill und sein Team mit den Ursachen, Mechanismen und Effekten solcher Verfallserscheinungen.

    Aus diesem laufenden Forschungsprojekt ging das "Auditorium of Rotting Sounds" hervor: ein öffentlich zugänglicher Hörraum auf dem MDW-Campus, in dem man mit allen Sinnen den unterschiedlichsten Formen des Verfalls digitaler Klänge nachspüren kann.

    Klangexperimente

    "Wir präsentieren hier sowohl eigene Audioinstallationen und Experimente als auch Werke internationaler Klangkünstler", sagt Grill. Eines davon ist etwa die aus alten Magnetbändern geformte Skulptur Magnetic Room der aus Mexiko stammenden Künstlerin Angélica Castelló. Einige Installationen im "Auditorium" fungieren als Versuchsanordnungen.

    Im Klangobjekt Antenna von Juliana Herrero und Thomas Grill etwa wird Klang mit der physischen Umgebung in Verbindung gesetzt. "Dazu haben wir im Garten vor dem Auditorium ein Netzwerk von Drähten aufgebaut, in dem wir Klänge zirkulieren lassen", berichtet der Künstler. "Auf diesen Drähten breiten sich die Klänge aus und werden wieder eingefangen." Was immer sich in der Umwelt ereignet – ob es regnet oder sich ein Vogel auf einen der Drähte setzt -, wirkt sich in diesem Rückkopplungsprozess auf die Qualität der Klänge aus.

    "Bei den meisten der gezeigten Arbeiten wird die Eigenschaft thematisiert, dass man nichts hören kann, ohne das Gehörte gleichzeitig zu beeinflussen", bringt Grill eine zentrale Botschaft der präsentierten Objekte und Performances auf den Punkt. Ein Faktum, das wie die offenkundigen Verfallserscheinungen der digitalen Medientechnologien und ihres Datenmaterials meist völlig ignoriert wird.

    Selbst wenn man sich dessen bewusst ist, dass auch digitale Klänge im Laufe der Zeit altern, fehlerhaft werden und sogar verschwinden können – wie soll man damit umgehen? Eine Möglichkeit wäre laut Grill, sich diesem Prozess bewusst hinzugeben: "Man könnte Tonaufnahmen beispielsweise so gestalten, dass der Verfall gar nicht auffällt.

    Etwa indem man von Anfang an eine gewisse Unschärfe erlaubt." In manchen Bereichen wie etwa bei improvisierter Musik, die ohnehin nur im Augenblick lebt, könnte man auf Aufnahmen überhaupt verzichten. Auch die ausschließlich mündliche Weitergabe von Musik komme hier ins Spiel.

    Verfall und Kreativität

    Das Thema des Verfalls und der Endlichkeit alles Digitalen zieht eine Reihe von Fragen und Überlegungen nach sich – und zwar nicht nur technische, sondern auch philosophische und künstlerische. "In der westlichen Welt werden diese Fragen aber nicht diskutiert, weil wir Tod und Verfall generell verdrängen", so Grill.

    Deshalb finden rund um das "Auditorium" auch Vorträge und Workshops statt, in denen sich die forschenden Künstler von unterschiedlichsten Seiten an das Thema annähern. Zur Eröffnung des "Auditorium of Rotting Sounds" am 29. März wird etwa der deutsche Komponist, Pianist und Improvisationskünstler Reinhold Friedl über den Verfall elektroakustischer Musik und die "Suche nach dem Original" referieren.

    Der "Psychogeophysiker" Martin Howse leitet einen Workshop über die Interaktion von organischer Materie mit digitalen Klangerzeugern, und der Transmedia-Künstler Till Bovermann wiederum lädt das Publikum zu einer Live-Coding-Performance, in der er in Echtzeit programmiert und so elektronische Musik generiert.

    Eine weitere Projektmitarbeiterin, die Restauratorin Almut Schilling, präsentiert ihre Langzeitexperimente mit Materialien digitaler Medien auf einem zentral positionierten Seziertisch.

    Geburt, Leben, Altern und Sterben digitaler Klänge bergen eine Reihe komplexer Themen, deren künstlerische und philosophische Bearbeitung auch ein tiefes Verständnis der beteiligten Technologien voraussetzt. "Um sie zu verstehen und in sie eingreifen zu können, müssen wir bis auf die Ebene der Algorithmen und Schaltkreise vordringen", sagt Grill.

    Spannend, was aus diesen wissenschaftlichen Expeditionen erwachsen kann. Vielleicht auch eine neue Ästhetik des Verfalls und des Unperfekten. (Doris Griesser, 24.2.2019)

    • Raum für Sounds aller Art bietet das Auditorium an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Es gilt dem Leben und Sterben digitaler Klänge nachzuspüren.
      foto: till bovermann

      Raum für Sounds aller Art bietet das Auditorium an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Es gilt dem Leben und Sterben digitaler Klänge nachzuspüren.

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