Fußball: "Groundhopper leben gerne unentdeckt"

    Interview19. Februar 2019, 14:56
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    Wer ein Groundhopper ist, das bestimmen die Groundhopper selbst. Die Fußballreisenden stehen nicht gern im Mittelpunkt und erst recht nicht in der ersten Reihe, sagt Nicole Gabriel, die über Groundhopping geforscht hat

    Gürteltasche und dunkle Kleidung, das könnten typische Merkmale sein, um Groundhopper auf Fußballplätzen zu erkennen, sagt Nicole Gabriel. Sie hat in ihrer Masterarbeit untersucht, was die Menschen verbindet, die sich auf ausgetüftelte Touren begeben, um Kreuze zu machen und Ligen zu komplettieren. Dabei stützt sie sich nicht nur auf Interviews mit Hoppern, sondern auch auf eigene Erfahrungen. Als Mitarbeiterin des Fanprojekts Chemnitz ist sie beruflich in der deutschen Regionalliga Nordost unterwegs, privat auch über die Landesgrenzen hinaus. "Ich mache keinen Urlaub, ohne ein Fußballspiel zu schauen", sagt sie.

    Es gibt viele Vorurteile über Fußballfans, welche Reaktionen erleben Hopper?

    Unterschiedliche. Es ist eine außergewöhnliche Beschäftigung. Du hebst dich damit ab, dass du schon an vielen Orten gewesen bist. Das ist faszinierend, dennoch ist es manchmal nicht so leicht zu erklären. Hopper kennen auch Reaktionen wie "Du bist ja völlig bescheuert" oder "Wie? Du gehst an einem Tag zu drei Fußballspielen?" Wenn man über Groundhopper spricht, geht schnell die Schublade auf – das sind Leute ohne Familien und Freunde, die keinen ordentlichen Job haben und durch die Welt tingeln.

    Ist an dem Klischee etwas dran?

    Nein, nicht viel. Groundhopper haben ein hohes Verantwortungsbewusstsein und sind gut organisiert. Es gehört ja einiges dazu, solche Reisen durchzuführen, das Geld muss irgendwo herkommen. Sie beobachten genau und nehmen ganz viel auf. Sie lernen, sich in anderen Ländern zu verständigen und sich zu helfen, wenn etwas schiefgeht. Für Hopper ist es normal, die Einheimischen nach dem nächsten Restaurant zu fragen. Sie achten darauf, nicht in ein Touristenlokal zu geraten – auch wegen der Kosten.

    Aber so richtig viel Zeit bleibt für Freunde und Familie doch nicht.

    Sicher sind manche am Geburtstag der Mutter hoppen, aber sie schaffen es, das soziale Umfeld und das Hoppen auszubalancieren. Die Zeit für Treffen mit Freunden wird vielleicht knapper, aber sie finden auch unter den Groundhoppern Freunde, mit denen sie gemeinsam unterwegs sind.

    Was macht einen Groundhopper aus?

    Das hängt von der persönlichen Definition ab. Angefangen bei der Zählweise, also gibt es erst ein Kreuz, wenn du das ganze Spiel gesehen hast, oder reicht eine Halbzeit? Es hängt mit der Frequenz der Reisen zusammen und damit, was mich beeindruckt – ist es das Stadion, der Verein, das Spiel, das Land. Oder geht es darum, Ligen vollzumachen? Was ist, wenn in einem Stadion zwei Mannschaften spielen? Zähle ich Testspiele, zähle ich Länderspiele?

    Es gibt also viele mögliche Regeln, ich kann mir aber meine Definition selbst zusammenbauen?

    Genau. Die Antwort, ab wie vielen Punkten und Spielen im Jahr du ein Groundhopper bist, musst du dir selbst geben. 1992 hat sich die "Vereinigung der Groundhopper Deutschlands" gegründet, die versucht hat, einen Standard festzulegen. Das ist ihr nicht gelungen. In England gibt es den "92 Club" für alle aktiven Spielstätten der Profiklubs, aber ansonsten gilt, dass sich jeder seine eigenen Regeln macht.

    Schummeln lohnt sich also auch nicht?

    Nein, es ist ja kein Wettbewerb. Wozu solltest du erfinden, dass du mehr Länderpunkte hast als die anderen? Manche spielen es sogar herunter. Mir hat ein Hopper gesagt: "Früher habe ich das intensiver betrieben, aber heute schaue ich mir nur noch 200 Spiele im Jahr an." Die meisten sind einfach nicht scharf darauf anzugeben. Hopper leben gern unentdeckt.

    Wie wird jemand Groundhopper?

    Das entwickelt sich. In der Regel sind es Vereinsfans, denen der eigene Klub nicht mehr ausreicht und die sich auf die Suche nach einem ursprünglichen Fußballerlebnis machen. Oft lecken sie bei Geschichten von anderen Groundhoppern Blut. Dann fängt es mit einer Fahrt an, daraus werden ganze Touren und ein Interesse für Stadien, Vereine oder Fankulturen in anderen Ländern. Die Sammelleidenschaft kann sich dann steigern, manchmal auch über finanzielle oder gesundheitliche Grenzen hinaus. Häufig gibt es eine Wendung von der Quantität zur Qualität, und die persönlichen Motive bekommen eine größere Bedeutung.

    Welche sind das?

    Das kann die Alltagsflucht sein – du freust dich aufs Wochenende, an dem du machen kannst, was du willst. Die Atmosphäre spielt eine große Rolle, die Stimmungen in verschiedenen Ländern. Und natürlich geht es auch um das Selbstbewusstsein, sagen zu können "Ich hab 68 Länderpunkte." Es ist ja nicht alltäglich, so viel unterwegs zu sein. Eine große Rolle spielt der Wunsch, etwas Neues zu sehen, eine Kultur kennenzulernen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Es gibt das Spannungsmoment, verbunden mit dem Gefühl der Befriedigung, wenn alles klappt – die Zeitplanung, die Ticketorganisation. Und es ist auch ganz schlicht ein Zeitvertreib.

    In der Fankultur wird oft das Kollektiv betont, Groundhopping scheint eher etwas für Individualisten zu sein. Täuscht der Eindruck?

    Groundhopper sind eine deutlich kleinere Gruppe als aktive Fans, dennoch ist es auch ihnen wichtig, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Manche sind gerne alleine unterwegs, weil sie dadurch den Eindruck haben, mehr zu erleben. Aber es gibt auch den Faktor Finanzen – es ist günstiger, das Auto mit vier Leuten zu teilen.

    Sie haben gesagt, Groundhopper suchen nach dem Ursprungsfußball. Finden sie den?

    Hoppen bedient eine Abenteuerlust. Du weißt vorher nicht, was dich auf den Reisen erwartet. Es ist die Suche nach etwas Verlorenem und nach etwas, das mehr ist als der Alltag. Bei deinem Verein gibt es keine Überraschungen mehr, du spielst jahrelang in der gleichen Liga gegen die gleichen Vereine. Wenn du schon 15-mal in Osnabrück warst, bist du für das 16. Mal vielleicht nicht mehr so motiviert.

    Hoppen ist also ganz anders als die Heimspiele des eigenen Vereins, bei denen ich die Lieder kenne und weiß, wer neben mir steht?

    Genau, es ist eine Palette voller Überraschungen. Vielleicht willst du Pyro sehen, aber es passiert überhaupt nichts. Oder du hast geringe Erwartungen, und dann macht die Heimkurve total Stimmung. Sportlich ist es vielleicht ein Kellerduell, aber das Spiel geht in die Geschichte ein. Oder das Flutlicht fällt aus. Die Überraschungen machen den Reiz aus.

    Worin liegen Unterschiede zwischen klassischen Fans und Hoppern?

    Fans unterstützen einen Verein, indem sie sich beteiligen – als Mitglied, als Stadionbesucher oder als organisierte Fans. Hopper lehnen sich eher zurück und nehmen sich Zeit, auf Details zu achten – im Stadion, in der Kurve, bei der Gastronomie und so weiter. Am liebsten ist es ihnen, wenn sie niemanden kennen – und es kein Spiel ist, zu dem 80 andere Hopper kommen. Sie wollen nicht auffallen. Bei manchen Kurven gilt es ja auch, sensibel damit umzugehen, wo man sitzt oder steht. Nicht jede Szene mag Hopper in ihrem Fanblock.

    Nach den Spielen zeigen Hopper aber schon Sichtbarkeit. Wie wichtig ist es ihnen, ihre Aktivität zu dokumentieren?

    Das machen sehr viele, und es kann ganz unterschiedlich aussehen − Fotos, Berichte, gesammelte Eintrittskarten. Teilweise veröffentlichen sie in unterschiedlichen Medien, manche kleben ihre Erinnerungen aber auch ganz old school in private Fotobücher.

    Wie hat sich das Hoppen durch das Internet verändert?

    Die gesamte Organisation ist einfacher geworden. Du kannst dich im Vorfeld informieren, wie du an Tickets und zum Stadion kommst, dir bei Google Earth deinen Platz auf der Tribüne anschauen, Youtube-Videos aus der Kurve studieren. Das nimmt zwar etwas vom Überraschungseffekt, gleichzeitig kannst du ganz andere Touren planen, an einem Tag vier Spiele sehen und entsprechend Punkte machen. Ich habe erst kürzlich in Italien an einem Tag drei Spiele gesehen, das hätten wir ohne Internet, Navi und Erfahrung nicht geschafft.

    Sind Groundhopper ein interessanter Markt für Unternehmen? Es gibt mittlerweile ja sogar schon organisierte Reisen.

    Bei diesen Reisen musst du dich um nichts mehr kümmern. Wer schon länger Groundhopping macht, lehnt das ab. Da fehlt ja der Reiz des Planens, und die Atmosphäre geht auch verloren, wenn du mit 50 Leuten im Bus am Stadion vorfährst. Vielleicht ist so etwas interessant, wenn du möglichst schnell die erste englische Liga komplettieren willst und mit einer organisierten Reise in vier Tagen zehn Kreuze machen kannst.

    Was sind besonders attraktive Hopperziele?

    Das können Orte sein, die als besonders leidenschaftlich gelten und wo Fankultur freier gelebt wird. Oder Grounds, die etwas Besonderes bieten – eine sehr alte Holztribüne zum Beispiel. Spiele, bei denen man schwer an Tickets kommt, oder Stadien, die nicht mehr bespielt werden. Ich war in Rijeka, als die dortige Szene in dem eigentlich nicht mehr benutzten Stadion ein Spiel organisiert hat. Das war für viele Hopper ein Muss. Ich habe bei meinen Interviews auch gefragt, welche Gefühle das Hoppen auslöst. Einer hat mir gesagt: "Wenn ich in so einer richtig alten Bruchbude stehe, bin ich glücklich." (Nicole Selmer, 19.2.2019)

    Nicole Gabriel (29) hat Soziologie und Soziale Arbeit studiert und ihre Masterarbeit über das Phänomen Groundhopping verfasst. Derzeit leitet sie das Fanprojekt Chemnitz.

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