Modelegende Karl Lagerfeld gestorben

    Video19. Februar 2019, 12:41
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    Er war Modemacher, Fotograf, Bücherverleger, Marketingmagier: Mit dem langjährigen Chanel-Designer verliert die Modewelt ihren berühmtesten Spross

    Paris/Wien – Die Farbe des Mantels war eine Mischung aus Zitronen- und Narzissengelb, am Rücken hatte er einen tiefen V-Ausschnitt, am Kragen einen auffälligen Gürtelverschluss. Neun Knöpfe zählte der Mantel aus Merinowolle, mit dem Karl Lagerfeld 1954 ins Rampenlicht der Mode trat. 21 war er damals, und er lebte bereits seit einigen Jahren in Paris. Wie lange genau, darüber wird Lagerfeld im Laufe seines Lebens ganz unterschiedliche Angaben machen. Genauso wie über fast alle anderen persönlichen Details auch (inklusive seines Geburtsjahrs). Die Konstruktion des Mythos Karl Lagerfeld ging in erster Linie von dem Designer selbst aus.

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    Der Modedesigner ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Als Sohn eines deutschen Unternehmers ist Lagerfeld in den 1950er Jahren zu einem der führenden Designer der Welt aufgestiegen. Als Kreativdirektor der Marke Chanel hat er Geschichte geschrieben.

    Im Jahre 1954 war Lagerfeld aber nicht viel mehr als ein junges Pariser Modetalent. Schon damals redete er schneller, als andere denken konnten, vergebens versuchte er seinen deutschen Akzent durch exzessive Kinobesuche abzumildern. Im Laufe seiner Karriere wird man sich oft darüber lustig machen. Gemeinsam mit einer Vielzahl anderer angehender Designer hatte Lagerfeld beim prestigeträchtigen Wettbewerb des Internationalen Wollsekretariats einen Entwurf eingereicht – und prompt den ersten Preis in der Kategorie Mantel gewonnen. Jener für das beste Abendkleid ging an Yves Saint Laurent, damals ein blasser 18-jähriger Schlacks aus Oran in Algerien.

    Der große Karl

    Wie niemand sonst sollten Yves Saint Laurent und Karl Lagerfeld in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Pariser Mode bestimmen, der französische Designgott, dem die Kundinnen zu Füßen lagen, und der deutsche Sonnenkönig, der schon Pop war, bevor es dieses Wort überhaupt gab. "Le grand Karl" wird Lagerfeld von den Franzosen ehrfürchtig genannt, doch bevor er dies werden konnte, musste er erst aus dem Schatten des großen Konkurrenten Saint Laurent treten. Lagerfelds wirklicher Aufstieg begann 1983, als er die kreative Leitung von Chanel übernahm. "Es läuft nicht gut," hatte ihm Chanel-Besitzer Alain Wertheimer damals gesagt, "machen Sie, was Sie wollen, und wenn es nicht klappt, dann verkaufe ich".

    Als Designer der Pariser Modehäuser Patou (1958–1963) und Chloé (1963–1978) war Lagerfeld in den Nachkriegsjahrzehnten zwar eine feste Größe der Pariser Mode, wirklichen Ruhm streiften damals aber nur die "Couturiers" ein, Designer, die für ihr eigenes Haus entwerfen. Lagerfeld aber war im Unterschied zu Saint Laurent ein "Styliste", jemand, der für ein anderes Haus, einen anderen Namen arbeitet.

    Als solcher hatte das wandelnde Lexikon Lagerfeld aber einen entscheidenden Vorteil: Er lernte, wie die Mode in Zukunft funktionieren sollte. Die Mode- und Kunstgeschichte, die kulturelle Gegenwart, die ästhetischen Subkulturen waren für ihn Steinbrüche, derer er sich großzügig bediente. Er perfektionierte die Prinzipien des Recyclings und der Bricolage. Wie kein anderer Designer war Lagerfeld ein ästhetisches Chamäleon.

    Wiedererkennbarer Stil

    Während Yves Saint Laurent den herkömmlichen Designertypus verkörperte, war Lagerfeld schon früh die Blaupause jenes Typus, der heute die Mode dominiert. Als Designer von Chanel, der legendärsten und berühmtesten Modemarke des 20. Jahrhunderts, machte Lagerfeld in den letzten drei Jahrzehnten vor, wie man Geschichte wieder zum Leben erweckt – ohne dabei alt auszuschauen.

    Coco Chanel hatte ein Arsenal an wiedererkennbaren Stilelementen geschaffen. Doch es war Lagerfeld, der daraus wieder ein modernes und hochprofitables Designuniversum schuf. "Man nennt mich auch Logofeld", scherzte Lagerfeld einmal in einem Interview, und auch wenn er damit in erster Linie seine eigene Verwandlung in eine Ikone (Vatermörder, Sonnenbrille, weißgepuderter Pferdeschwanz, Motorradhandschuhe und unzählige Ringe) meinte: Das Wort trifft auch auf seine Arbeit für Chanel zu.

    Allein für das legendäre französische Modehaus entwarf Lagerfeld acht Kollektionen im Jahr. Dazu kamen noch zwei für das römische Pelz- und Luxushaus Fendi, für das er ohne Unterbrechung seit 1965 (!) arbeitete, und bis zu zehn Kollektionen im Jahr für das Label Karl Lagerfeld. Bei letzterem wechselten in Laufe seiner Geschichte genauso oft die Besitzer wie die Labelnamen. Multitasker ist das Wort, das im Falle von Lagerfeld besonders oft fällt.

    Designer als Selbstoptimierer

    Der Modemacher, der Fotograf, der Bücherverleger, das Katzen-Herrl, der Selbstoptimierer, der Marketingmagier: Lagerfeld war schon immer berühmt dafür, dass er auf vielen Hochzeiten gleichzeitig tanzt. Bis heute weiß man nicht, für welche Modefirmen er im Laufe seiner langen Laufbahn im Geheimen sonst noch arbeitete. Sich in das Designrepertoire anderer Marken hineinzuversetzen und es neu zu erfinden – darin war Lagerfeld Weltmeister. Nur bei seiner eigenen Marke war dem Designer nie wirklicher Erfolg beschieden. Vielleicht, weil es so etwas wie einen bestimmten Lagerfeld-Stil nie gegeben hat.

    Es ist sein eigener Stil, der über die Jahre hinweg zu seinem Markenzeichen geworden ist. Als H&M im November 2004 die erste Designerkooperation seiner Geschichte einging, war es eine Reproduktion von Lagerfelds eigener Garderobe, die die Massen in Hysterie versetzte. Bereits in den 1970ern hatte der 1933 in Hamburg als Sohn eines Kondensmilch-Fabrikanten Geborene seinen flamboyanten Stil zu seinem Markenzeichen gemacht. Ähnlich wie Yves Saint Laurent hatte er eine Clique um sich geschart (darunter auch Partner Jacques de Bascher, der 1989 an Aids verstarb), mit der er winters in Pariser Cafés und Clubs und sommers in Saint-Tropez Hof hielt. Sie war die Urform jener Lagerfeld-Familie aus Aristos, Models und Lebemenschen, die ihn in wechselnder Besetzung bis zu seinem Tod umgab.

    Typische Silhouette

    Die charakteristische Lagerfeld-Uniform sollte aber erst später geboren (und je nach Leibesumfang regelmäßig generalüberholt) werden. Die Wiedererkennbarkeit der typischen Lagerfeld-Silhouette stand dabei in einem merkwürdigen Kontrast zur Vexierbildhaftigkeit seiner Person.

    Die Mythen und Zitate rund um "Kaiser Karl" füllen ganze Bücher, da ist der Alleswisser und Pointendrücker, der Bibliotheksbesitzer (300.000 Bücher) und Musikkenner (70 iPods mit Musik). Die Publikation einer auf Fakten basierenden Biografie wusste Lagerfeld aber immer zu verhindern. Die Vergangenheit interessiere ihn nicht, behauptete Lagerfeld oft und gerne. Lieber schaue er in die Zukunft.

    Im Jänner erschien Lagerfeld nicht wie üblich am Ende seiner Modeschau. Spekulationen über seinen Gesundheitszustand hatten bereits seit längerer Zeit die Runde gemacht. Am gestrigen Montag wurde er laut französischen Medienberichten ins Krankenhaus eingeliefert. Am Dienstagmorgen ist er im Alter von 85 Jahren gestorben. Lagerfelds Nachfolgerin bei Chanel wird die bisherige Vize-Kreativdirektorin Virginie Viard. (Stephan Hilpold, 19.2.2019)

    • Sein Look war sein Markenzeichen: Vatermörder, Sonnenbrille, Pferdeschwanz.
      foto: reuters/gonzalo fuentes

      Sein Look war sein Markenzeichen: Vatermörder, Sonnenbrille, Pferdeschwanz.

    • Lagerfelds Auftritt für Chanel im Oktober am Arm seiner Mitarbeiterin sorgte damals bereits für Spekulationen.
      foto: apa/afp/guay

      Lagerfelds Auftritt für Chanel im Oktober am Arm seiner Mitarbeiterin sorgte damals bereits für Spekulationen.

    • Der letzte Auftritt für Chanel anlässlich der Métiers-d'Art-Show im Metropolitan Museum in New York.
      foto: reuters/caitlin ochs

      Der letzte Auftritt für Chanel anlässlich der Métiers-d'Art-Show im Metropolitan Museum in New York.

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