Ich schäme mich (ein wenig), weil ich so viel fliege. Aber was soll ich tun?

    10. März 2019, 14:00
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    Ich fliege gerne und oft. Der Schaden für das Klima ist enorm. Lässt sich Vielfliegen 2019 noch rechtfertigen?

    Ich bin mitschuld an der Klimakrise. Im Vorjahr bin ich sechsmal geflogen. Ich liebe es, in kurzer Zeit irgendwo anders, weit weg, zu sein. Nur damit habe ich genauso viel CO2 in die Luft geblasen wie ein durchschnittlicher Österreicher mit Heizen, Auto, Urlaub und allem Drum und Dran im ganzen Jahr. Wir sind auf dem besten Weg zu vier Grad Erderwärmung. Muss ich aufhören zu fliegen?

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    foto: reuters / david gray
    Die Emissionen aus dem Flugverkehr gehen steil nach oben.

    Fangen wir von vorn an, damit, wie schlecht Fliegen für das Klima ist. Das ist schnell beantwortet: sehr. Flugzeuge verbrennen Kerosin, dadurch entsteht CO2. Sie tragen damit pro Kilometer und Passagier doppelt so viel zur Erhitzung der Erde bei wie ein benzinbetriebener Pkw (auch kein Klimavorbild). Stickoxide und Kondensstreifen treiben die Erhitzung mit an.

    Weil ein Flugzeug weiter fliegt, als das durchschnittliche Auto fährt, ist seine Klimabilanz eine einzige Katastrophe. Ich bin fast nur mit dem Rad unterwegs und esse kaum Fleisch, das bessert meine Bilanz aber nur wenig auf. Doch: Nur 17 Prozent der Österreicher fliegen mehr als einmal im Jahr, der Rest selten bis nie. Kaufen sie mich frei?

    Tatsächlich ist das Fliegen laut dem Weltklimarat IPCC nur für drei Prozent der globalen Erhitzung verantwortlich. Und: Wenn wir für irgendetwas CO2 in die Luft pumpen, dann ist die Welt anzuschauen vielleicht einer der besten Gründe dafür. Leider mache ich es mir damit aber zu einfach.

    Denn auch Häuser zu heizen, in die Arbeit zu kommen oder eine Fabrik zu betreiben ist nützlich und erhitzt den Planeten. Weil die Dekarbonisierung dort nicht von heute auf morgen geht, ist Fliegen ein großes Problem. Um das wichtige Paris-Ziel von 1,5 Grad mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln zu erreichen, haben wir nur mehr 420 Gigatonnen CO2 übrig – und wir blasen an die 40 Gigatonnen im Jahr in die Luft.

    foto: apa/helmut fohringer
    Windkraft: ein Teil für die Lösung der Klimakrise.

    Wir – und das schließt mich leider mit ein – müssen also so schnell wie möglich so viel CO2 wie möglich einsparen. Noch fliegen global nur ein paar Prozent der Menschen, aber das ändert sich gerade rasch. Immer mehr haben das Geld, um in den Urlaub zu fliegen, das ist toll, aber für das Klima schlecht. Die Emissionen aus dem Flugverkehr dürften sich, trotz effizienterer Maschinen, bis 2030 verdoppeln.

    Weniger zu fliegen würde mir aber extrem schwerfallen, der Kurzurlaub mit Freunden nach Bukarest oder die Reise nach Kolumbien im Winter: Was ist, wenn ich mein CO2 einfach kompensiere? Anbieter dafür gibt es seit vielen Jahren. Man gibt an, wohin man geflogen ist, und zahlt für das angefallene CO2 Geld. Je nach Anbieter mehr oder weniger, ein Tipp von Auskennern: je teurer, desto seriöser.

    Mit dem Geld werden dann wie beim angesehensten Anbieter Atmosfair alte Holzöfen in Ruanda ausgetauscht oder Windparks in Nicaragua finanziert. Die Idee ist, dass das CO2, das ich mit meinen Flügen verursache, anderswo kompensiert wird. Das Problem: Wir können schlicht und einfach nicht so viel kompensieren, wie wir CO2 in die Atmosphäre blasen. "Das wir unsere Flugemissionen ganz kompensieren können, ist recht unwahrscheinlich", sagt Lena Boysen vom Max-Planck-Institut für Meteorologie.

    foto: apa/afp/jim watson
    Trump und Kurz: Müssen sie die Klimakrise lösen oder wir?

    Das geht, wenn es einige machen, ist aber kein wirkliches Modell für einen sinnvollen Umgang mit der Klimakrise. Ansonsten müsste man die ganze Erde mit Bäumen vollpflanzen. Helga Kromp-Kolb von der Wiener Boku sagt, der Fokus müsse sein, CO2 erst gar nicht zu verursachen. "Wenn man seine Flüge so stark reduziert hat wie nur möglich, ist es besser, man kompensiert, als man tut es nicht." Gefährlich sei das Gefühl, das Fliegen dann eh okay sei, "das verträgt der Planet aber nicht".

    Ich habe vergangenes Jahr knapp 1.700 Euro für Flüge ausgegeben. Dafür muss ich bei Atmosfair um 210 Euro kompensieren. Ziemlich günstig. Aber warum sollte eigentlich ich mich um die Rettung des Klimas kümmern? Gibt es dafür nicht die Politik? Die Klimakrise ist eine enorme Bedrohung für die Art und Weise, wie wir leben. Wenn freiwilliger Verzicht und Kompensation unsere klügste Antwort darauf sind, wäre das ziemlich traurig. Nun ja.

    Derzeit wird bestraft, wer klimafreundlich unterwegs ist. Mit dem Zug zu fahren ist häufig teurer als zu fliegen. Die Anreize sind völlig verfehlt. Wenn Sie ihren Opel tanken, zahlen sie Mineralölsteuer, die AUA zahlt für ihr Kerosin keine. Außerdem sind Tickets von der Mehrwertsteuer ausgenommen. In Österreich geht es sogar in die gegensätzliche Richtung: Im Vorjahr wurde die Ticketsteuer halbiert. Aus ohnehin niedrigen sieben Euro für Kurzstreckenflüge wurden mickrige 3,50 Euro.

    foto: reuters / pascal rossignol
    Eine Airbus A321. Vor allem das Starten und Landen ist energieintensiv.

    Aber gerade Kurzstreckenflüge wie mein Wochenendtrip nach Bukarest im Vorjahr sind am schlimmsten. Beim Starten und Landen der tonnenschweren Flieger fallen laut Nasa ein Viertel aller CO2-Emissionen des Flugverkehrs an. Wenn es um politische Lösungen für die Klimakrise geht, wird zudem oft ein Preis für CO2 gefordert. In der EU gibt es den schon. Betriebe, die viel CO2 verursachen, müssen Zertifikate dafür kaufen. Auch Airlines.

    Die billigen Flüge nach Berlin, Paris oder Brüssel zeigen aber, wie gut das funktioniert. Um die Industrie zu schonen, wurden viele Papiere verschenkt. Airlines erhalten 82 Prozent gratis. Und auch wenn der Preis für die restlichen Papiere zuletzt gestiegen ist, ist er mit derzeit gut 20 Euro viel zu niedrig. "Das Ziel war, Firmen damit zu motivieren, in innovative Technologien zu investieren. Das ist nicht erreicht worden", sagt der Ökonom Stefan Schleicher. Dass der Preis bis 2030 stark steigt, etwa auf 40 Euro, sei sehr unwahrscheinlich.

    Die Luftfahrt hat es außerdem geschafft, sich sowohl aus dem Kyoto- als auch aus dem Pariser Klimaabkommen hinauszulobbyieren. Die Industrie hat einen eigenen Pakt verhandelt, die Corsia-Resolution. Sie legt fest, dass die Airlines das CO2, das über das Niveau von 2020 hinausgeht, kompensieren müssen. Flieger tragen auch über Stickoxide zur Erhitzung bei, das ist nicht berücksichtigt, sagt Martin Cames vom Öko-Institut. Und selbst wenn die CO2-Emissionen auf dem Niveau von 2020 blieben, sei das noch immer sehr viel CO2.

    foto: apa/afp/str
    Tesla will den Automarkt revolutionieren. Wo bleiben E-Flieger?

    Die Politik scheint also zu schlafen. Und neue technische Lösungen? Wenn wir E-Autos bauen, damit wir weiterhin Autofahren können, warum bauen wir nicht einfach auch E-Flieger? Weil die Batterien zu schwer sind, sagt Andreas Schafer vom University College London. "Derzeit würde ein Passagierjet damit wohl nicht einmal abheben." Würden Akkus aber weiter so schnell besser werden wie zuletzt, könnten wir vielleicht in ein paar Jahrzehnten einen Teil der Luftfahrt elektrisch betreiben.

    Zeit, die wir in der Klimakrise nicht haben. "Wir brauchen radikalen Wandel", sagt Schafer. Eine andere Idee: Biokraftstoffe. Kerosin soll künstlich hergestellt werden, etwa indem man aus Wasserstoff und CO2 wieder Kerosin macht. Auch diese Technologie steht aber noch am Anfang, und so kriege man das CO2 beim Fliegen nicht ganz weg, "mindestens 20 Prozent CO2-Ausstoß bleiben. Wenn die Zahl der Flüge so wächst wie derzeit, bleiben die Emissionen damit hoch."

    Technische Lösungen sind also Zukunftsmusik, und bevor ich in Pension gehe – ich bin 28 – kein Ausweg, "die Luftfahrt ist anders als Elektrizität sehr schwierig zu dekarbonisieren", sagt Schafer. Und jetzt? Ist die Antwort auf die Klimakrise kaum noch zu fliegen?

    foto: apa / öbb
    Züge als Alternative zur Kurzstrecke?

    "Ich sehe das so", sagt der Klimaökonom Stefan Schleicher, "wir haben immer noch einen gesellschaftlich berechtigten Bedarf an Flügen." Im Berufsleben seien persönliche Kontakte oft schlicht notwendig. "Das müssen wir akzeptieren. Ich fahre in zwei Wochen von Wien nach Zürich und werde die Bahn nehmen. Wien–Berlin wäre aber ein Problem."

    "Ein Ärgernis ist der Freizeitverkehr", sagt Schleicher. "Etwa der Shopping-Ausflug nach Mailand." Oder mein Kurztrip nach Bukarest. Wir hätten auch mit der Bahn woanders hinfahren können, denke ich mir. Ich war zweimal in Berlin, mit besserer Planung hätte ich Busse nehmen können. Der Einzelne sei gefragt, weil die Politik das Problem allein nicht stemmen könne, sagt Schleicher. "Das lösen wir nicht mit einer Kerosin- oder CO2-Steuer. Dann kommen zum 50-Euro-Flug nach Malaga vielleicht 20 Euro dazu."

    Die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb von der Boku sagt, Konferenzen könne man auch über das Internet machen, manchmal sei es trotzdem notwendig zu fliegen, "aber wir müssen einfach unseren Lebensstil ändern. In Schweden fangen die Leute an, sich für das Fliegen zu genieren", sagt sie. "Diese geänderte Stimmung ist das, was wir brauchen." (Andreas Sator, 10.3.2019)

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