Tod des irakischen Autors Mashzoub: Dreizehn Schüsse in Kerbala

    Kolumne18. Februar 2019, 10:48
    8 Postings

    Der Mord an Alaa Mashzoub wird von seinen Verwandten, darunter ein Milizführer, dem Iran zugeschrieben

    Ein Mord in Kerbala, der den Schiiten heiligen irakischen Stadt, spaltet die Iraker: Die einen sind sich sicher, dass iranische oder Iran-freundliche Killer den Schriftsteller Alaa Mashzoub getötet haben – während die anderen, auch die Behörden, den Fall gerne möglichst schnell unter "normale Kriminalität" zu den Akten legen würden. "Al-Monitor" zitiert Kulturminister Abdul Amir al-Hamdani, der sich eine schnelle Ergreifung der Täter wünscht, "damit die politischen Spekulationen aufhören". Immerhin hatte der Minister aber die 46. Bagdader Buchmesse, die am Wochenende ihre Pforten schloss, nach Mashzoub benannt. Der Irak war zumindest früher ein großes Land der Literaturliebhaber. In der arabischen Welt pflegte man zu sagen, dass Bücher in Ägypten geschrieben, im Libanon verlegt und im Irak gelesen würden. Aber der Irak hat auch selbst eine reiche Schriftstellertradition.

    foto: ahmad al-rubaye / afp
    Eine Demonstration in Erinnerung an den ermordeten Schriftsteller Alaa Mashzoub und für das freie Wort am 6. Februar in Bagdad.

    Alaa Mashzoub, 50, war am 2. Februar mit dem Fahrrad auf dem Weg nach Hause, als er mit 13 Schüssen in den Kopf getötet wurde. Dass es angeblich genau 13 waren – so meldeten es zumindest lokale Medien –, stützt die Version jener, die einen Zusammenhang mit dem Iran behaupten. Denn kurz vor seinem Tod hatte Mashzoub auf Facebook daran erinnert, dass der iranische Revolutionsführer Ruhollah Khomeini 13 Jahre lang im Exil im Irak gelebt hatte, bevor er nach Paris ging und später "einen Krieg gegen das Land begann, das ihn früher beherbergt hatte".

    Wenn damit der Irak-Iran-Krieg gemeint sein sollte, so ist das natürlich nicht korrekt: Den hat 1980 Saddam Hussein vom Zaun gebrochen. Aber in den Augen Mashzoubs, und vieler anderer irakischer Iran-Kritiker auch unter den Schiiten, ist es ein fortwährender Krieg: eine schleichende Übernahme der irakischen Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur.

    "Bastard und Feigling"

    "Nur ein Bastard und Feigling kann einen Unbewaffneten erschießen, der nichts hat außer Wörtern und Träumen", schrieb Ahmed Saadawi, der Autor von "Frankenstein in Bagdad", als Reaktion auf den Mord. Ein paar Tage nach dem Mord fand in Bagdad eine Demonstration im Gedenken Mashzoubs und für die Freiheit des Wortes statt. Mashzoub war bekannt und beliebt, Autor von etwa zwanzig Büchern, Romanen, Lyrik und Werken über die Geschichte und Kultur Kerbalas. Sein bekanntestes Buch ist "Das jüdische Badehaus", in dem er an die einst florierende jüdische Kultur im Irak erinnerte. Auf der Buchmesse wurde sein letzter Roman, "Eine schwarze Straße", vorgestellt.

    screenshot: memri tv
    Der Milizenführer Aws al-Khafaji, hier auf einem Screenshot von Memri-TV. Damals sagte er, dass seine Miliz auch in Syrien eingreifen werde, wenn die USA das Land angreifen. Nach dem Mord an seinem Cousin, dem Autor Mashzoub, äußerte er sich Iran-kritisch – und wurde festgenommen.

    Morde an kritischen Künstlern und Intellektuellen und an Menschen, die einem islamischen Lebensstil abgeschworen haben, gibt es immer wieder im Irak. Im vergangenen Jahr traf es vor allem Frauen: die politische Aktivistin Suad al-Ali in Basra, aber vor allem solche in der Mode- und Kosmetikbranche wie Models und Beauty-Bloggerinnen, Tara Fares, Rafif al-Yassiri und Rasha al-Hassan.

    Der Cousin, ein Milizenführer

    Die Geschichte des Mordes an Mashzoub hat aber auch noch einen Nebenstrang, der zeigt, dass der Streit darüber, welche Rolle der Iran spielen soll, auch die schiitischen Milizen spaltet. Manche Milizenführer geben ja offen zu, dass ihre Befehlshaber nicht in Bagdad, sondern in Teheran sitzen. Anders Aws al-Khafaji: Das ist ein Cousin des toten Schriftstellers und Anführer einer Miliz, der Abul Fadl al-Abbas. Sie ist eine Splittergruppe der Sadristen, der Anhänger des einstmals wilden jungen Mullahs Muqtada al-Sadr – der heute als irakischer Nationalist ebenfalls die iranische Einmischung kritisiert.

    Aws al-Khafaji hatte nach dem Mord an seinem Verwandten nicht nur Rache geschworen, sondern als Täter jene, "die in diesem Land den Iran verteidigen", benannt. Woraufhin er verhaftet wurde. Sogleich hieß es, dass das auf Order der anderen mächtigen – Iran-freundlichen – Milizen geschehen sei. Die bestreiten das, angeblich geht es um vier Büros, die Khafaji beziehungsweise seine Miliz widerrechtlich in Bagdad geöffnet hatte.

    Aber weil wir im Irak sind, nimmt die Geschichte wieder eine andere Wendung: Aws al-Khafaji ist, wie der Name schon sagt, ein Mitglied des großen Khafaja-Stammes. Und dessen Oberhaupt drohte, werde sein Verwandter nicht sofort freigelassen, via soziale Medien mit einem Aufstand – wie jenem gegen die Briten 1920, sagte er. Soziale Medien und historisches Gedächtnis, Stämme, Milizen, der Iran – aber auch Künstler und Schriftsteller, die darum ringen, den Irak zu einem Ort geistiger und politischer Freiheit zu machen: Das ist der Irak. (Gudrun Harrer, 18.2.2019)

    Share if you care.