"Elias": Todesküsse im Theater an der Wien

    18. Februar 2019, 08:00
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    Regisseur Bieito erspart dem "Elias"-Oratorium jeglichen Kitsch und verführt Bariton Gerhaher zu großem Kammerspiel

    Wien – Das Alte Testament ist nicht unbedingt ein Kompendium Toleranz lehrender Gutenachtgeschichten. Der "gütige" Schöpfer greift ja gerne zu schmerzhaften Argumenten, so es darum geht, seine Schäfchen vom Glauben an konkurrierende Götterkollektive abzubringen. Im Theater an der Wien schickt er gleich eine dreijährige Dürre nach Israel, die Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy im Oratorium Elias tiefsinnig in düstere Orchesterfarben taucht.

    Denn es begab sich: Unter Anleitung von König Ahab (Michael J. Scott) und der ihm angetrauten Isebel huldigt das Volk dem Baalkult, was ihm harte Askese beschert: Es drehen die Massen um das aus Trockeneisnebeln hereingeschobene kleine Gotteshaus ihre erschöpften Hungerkreise. Göttergüte will durch Leid verdient sein.

    Peitsche Gottes

    Elias, jener, der die Gemeinde von dem einen da oben überzeugen soll, ist jedoch nicht nur Peitsche Gottes: Der Prophet bewirkt mitfühlend die Heilung eines Jungen. Im Grunde ist Elias ein Zerrissener, eine multiple Persönlichkeit. Empathie durchzieht sein Wesen.

    Gleichzeitig ist er nicht zimperlich, so es darum geht, Gegner vorzuführen. Versuchen die Propheten Baals, durch ein letztlich ausbleibendes Feuermirakel einen Gottesgegenbeweis zu erbringen, übergießt Elias die religiöse Konkurrenz wiederholt mit giftigen Verhöhnungen, denen körperliche Züchtigung folgt.

    Alien in Elias

    Die Überzeugungsaufgabe, die ihm auferlegt wird, ist jedoch eine tonnenschwere Bürde. Und der Glaube scheint mitunter gar ein Alien zu sein, der Elias‘ Körper benutzt: Zur Statue mit entrücktem Blick lässt ihn Regisseur Calixto Bieito mitunter erstarren.

    Bariton Christian Gerhaher vermittelt diesen Aspekt der Figur als subtiles Kammerspiel, bei dem seine sensible Stimme für emotionale Vertiefung sorgt. Das fahle, vibratolose Hauchen einer melancholischen Seele hat etwas Narkotisches. Gerhaher schafft allerdings auch, das Dramatisch-Zornige kultiviert umzusetzen. Da ist kein Verlust zu beklagen: Klar und eindringlich wirkt Gerhaher auch im Expressiven.

    Bald wird bei dieser Inszenierung grundsätzlich evident: Bieito entwirft eine psychologische Studie über das Verhältnisses von Kollektiv und Individuum. Existenzen in manipulativen Grenzsituationen werden durchleuchtet; sogar jedes Mitglied des hervorragenden Schönberg Chor ist individuell charakterisiert.

    Zugleich wird der Einzelne bei Bedarf aber zum Element einer Masse, die ihre Meinungs- und Stimmungslage je nach Manipulator wechselt.

    Kahles Ambiente

    In einer Art szenischen Fuge mutieren die Chorcharaktere dann von leidenden Individuen zu Tätermassen. Konflikte und deren letale Konsequenzen finden sich klar durchchoreografiert und münden in packenden Bildern: Wenn Prophet Elias von einem Meer an Händen verschluckt wird, ergibt das ein Gemälde von hoher Intensität.

    Das schmucklose Ambiente, das mit Gitterwänden auskommt, befeuert die Fokussierung auf die individuelle und die kollektive Psyche (Bühne: Rebecca Ringst). Mit dem Video eines in Zeitlupe fliegenden Raben verdichtet Bieito die Atmosphäre zusätzlich, ohne den Einzelnen aus dem Regieauge zu verlieren:

    Da wäre Kai Rüütel als Todesküsse verteilender Engel. Da sind Carolina Lippo (als seltsame Seraph), Anna Marshania (als Wartende) und Florian Köfler (Verlorener). Da sind die wunderbar singende Maria Bengtsson (Witwe) und Maximilian Schmitt (als Obadjah). Sie alle profitieren von Bieitos Präzision.

    Tolles RSO-Wien

    Zum großen Abend wird Elias vor allem auch durch das RSO-Wien. Unter der Leitung von Dirigent Jukka-Pekka Saraste versprüht es frühromantische Leichtigkeit, gepaart mit Klarheit kontrapunktisch-barocker Stilisierungen. Mit unaufdringlicher Präsenz trägt das Orchester eine Premiere, an deren Ende sich der Engel die Flügel ausreißt und der Lastenträger Elias mit Selbstverbrennung kokettiert. Eine kitschige Himmelfahrt wäre nach all den Szenen ja auch eher unpassend.

    Todesküsse und ein Prophet, der an der Bürde seines Amtes leidet: Regisseur Calixto Bieito erspart dem "Elias"-Oratorium jeglichen Kitsch und verführt Bariton Christian Gerhaher zu großem Kammerspiel. (Ljubiša Tošić, 18.2.2019)

    Aufführungen am 18., 20., 23., 25. und 27. Februar, jeweils 19 Uhr

    • Regisseur Calixto Bieito entfesselt elegant und intelligent szenische Dramatik: Der Prophet Elias (Christian Gerhaher) wird von der Massen verschluckt.
      apa

      Regisseur Calixto Bieito entfesselt elegant und intelligent szenische Dramatik: Der Prophet Elias (Christian Gerhaher) wird von der Massen verschluckt.

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