Berlinale-Resümee: Kluges Kino gegen Nationenkonzepte

    Video17. Februar 2019, 16:10
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    Filme, die auf Zukunft des Festivals verweisen: Der Goldene Bär ging an den Israeli Nadav Lapid für "Synonymes"

    Die Preisverleihung der 69. Berlinale akzentuierte den Übergang in eine neue Ära. Einerseits wurde am Samstagabend Direktor Dieter Kosslick verabschiedet, der dem Festival mit Hut und Schal seinen Stempel aufgedrückt hatte. Der Pforzheimer hatte sich in 18 Jahren als Netzwerker profiliert, als Festivalchef lagen seine Kompetenzen mehr auf der Management- als auf der kuratorischen Seite. Zum Abschied streute man ihm Rosen und beschenkte ihn mit der Patenschaft für einen Brillenbären.. Dass es in der Rede der deutschen Kulturstaatsministerin Monika Grütters einen kulinarischen Einschlag gab – ein Herzensprojekt Kosslicks war "Kulinarisches Kino", also Kino mit Gastronomie –, konnte man aber auch so verstehen: Nach ihm folgt härtere Kost.

    Mit dem Italiener Carlo Chatrian als Programmchef und seiner Geschäftsführerin Mariette Rossenbeek soll das größte deutsche Filmfestival kommendes Jahr wieder eine fokussiertere, manche sagen auch cinephilere Ausrichtung bekommen. Die Jury unter der Schauspielerin Juliette Binoche zeigte mit ihren Entscheidungen schon einmal vor, wie so etwas aussehen könnte, indem sie den zwei "schwierigeren", aber künstlerisch herausragendsten Filme mit wichtigen Preisen bedachte. Der israelische Regisseur Nadav Lapid wurde für Synonymes mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, die deutsche Filmemacherin Angela Schanelec erhielt für Ich war daheim, aber hochverdient den Preis für die beste Regie.

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    Synonymes ist ein konzeptueller Film, der vom Identitätswechsel des jungen Isareli Yoav (ein exzellenter Tom Mercier) erzählt. In atemlosen Bildern begleiten wir den Helden durch Paris, wo er sich neu erfinden will; unter anderem auch dadurch, dass er kein Hebräisch mehr spricht und mit Haut und Haaren die französische Kultur umarmt. Lapids Film hat autobiografische Bezüge, auch er suchte einmal Distanz vom harten Zugriff Israels auf seine Kinder. Die Konfusion des Helden bringt er in einer frenetisch sprunghaften Montage zum Ausdruck, in der sich kulturelle Prägungen unaufhörlich ineinanderschieben und verbarrikadieren. Yoav erlebt, wie schwierig es ist, seine (jüdischen) Wurzeln und all jene Geschichten einfach abzulegen, die ihn prägten. Gleichzeitig macht Synonymes deutlich, dass auch das neue Land kein gelobtes ist. Nationen haben alle die Tendenz, unsere Freiheiten einzuschränken

    Umsichtig, mysteriös

    Eigentlich hätte man sonst nur Angela Schanelec diesen Preis gegönnt, die in Ich war daheim, aber auf ähnlich offene Weise die Krise einer allein erziehenden Mutter (Maren Eggert) zum Ausgangspunkt einer Befragung der Selbstverständlichkeiten macht, in denen sich Menschen in ihrem Alltag einrichten. In umsichtig komponierten szenischen Miniaturen, die sich keinem dramatischen Geschehen überantworten, verlängert sie das Private ins Universelle. Keine Rolle gilt hier als gegeben, die Figuren rätseln selbst über ihr Sein.

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    Klug verteilt hat die Jury auch die restlichen Preise: Der Franzose François Ozon erhielt für Grâce à Dieu, sein couragiertes Drama um sexuellen Missbrauch in der Katholischen Kirche – der beschuldigte Priester Bernard Preynat steht noch vor Gericht – den Großen Preis der Jury. Das wäre der klassische Kompromisskandidat für den Hauptpreis gewesen – so aber hat die Entscheidung für einen eher klassisch inszenierten Film mit starken Schauspielern durchaus Berechtigung. Die deutsche Nachwuchsregisseurin Nora Fingscheidt wurde für Systemsprenger mit dem Alfred-Bauer-Preis prämiert, einen Film über ein Kind, das durch seine nicht zu bändigende Art jegliche pädagogische Anstrengung zum Erliegen bringt.

    Schön auch die Wahl der beiden Hauptdarsteller aus einem Film: Wang Jingchun und Yong Mei spielen im epischen So Long, My Son von Wang Xiaoshuai auf stille und eindringliche Weise ein Ehepaar, dessen Lebensplanung durch die Kinderpolitik ihres Landes beeinträchtigt wird. (Dominik Kamalzadeh, 17. 2. 20199

    GOLDENER BÄR: "Synonymes" von Nadav Lapid (Israel)

    SILBERNER BÄR, GROSSER PREIS DER JURY: "Grâce à Dieu (Gelobt sei Gott)" von Francois Ozon (Frankreich)

    SILBERNER BÄR, ALFRED-BAUER-PREIS für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet: "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt (Deutschland)

    SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE REGIE: Angela Schanelec für "Ich war zuhause, aber" (Deutschland)

    SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE DARSTELLERIN: Yong Mei in "So Long, My Son" (China)

    SILBERNER BÄR FÜR DEN BESTEN DARSTELLER: Wang Jingchun in "So Long, My Son" (China)

    SILBERNER BÄR FÜR DAS BESTE DREHBUCH: Maurizio Braucci, Claudio Giovannesi, Roberto Saviano für "Piranhas" (Italien)

    SILBERNER BÄR FÜR HERAUSRAGENDE KÜNSTLERISCHE LEISTUNG: Rasmus Videbäk, Kamera für "Pferde stehlen" von Hans Petter Moland (Norwegen)

    GLASHÜTTE ORIGINAL DOKUMENTARFILMPREIS: "Talking About Trees" von Suhaib Gasmelbari (Frankreich)

    BESTER ERSTLINGSFILM DER GESELLSCHAFT ZUR WAHRNEHMUNG VON FILM- UND FERNSEHRECHTEN (GWFF): "Oray" von Mehmet Akif Büyükatalay (Deutschland)

    GOLDENER BÄR FÜR DEN BESTEN KURZFILM: "Umbra" von Florian Fischer, Johannes Krell (Deutschland)

    SILBERNER BÄR FÜR DEN BESTEN KURZFILM: "Blue Boy" von Manuel Abramovich (Argentinien, Deutschland)

    AUDI SHORT FILM AWARD: "Rise" von von Bárbara Wagner und Benjamin de Burca (Brasilien, USA, Kanada)

    • Der chinesische Schauspieler Wang Chinjun wurde für seine Rolle im Ehedrama "So Long, My Son" ausgezeichnet.
      foto: afp

      Der chinesische Schauspieler Wang Chinjun wurde für seine Rolle im Ehedrama "So Long, My Son" ausgezeichnet.

    • Der Israeli Nadav Lapid erhielt für seinen Film "Synonymes" den Goldenen Bären.
      foto: apa

      Der Israeli Nadav Lapid erhielt für seinen Film "Synonymes" den Goldenen Bären.

    • Prämiert als beste Regisseurin: Angela Schanelec für "Ich war zuhause , aber".

      Prämiert als beste Regisseurin: Angela Schanelec für "Ich war zuhause , aber".

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