Der Streit um Huawei als Paradigmenwechsel

    16. Februar 2019, 13:11
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    Digitalisierung und Cybersecurity als die zentrale Frage diese Jahrhunderts

    Bruce Schneier ist ein Mann, der die Dinge auf den Punkt bringen kann: "Die zentrale Frage unseres Jahrhunderts ist: Wie groß wird der Teil unseres Lebens sein, der von Technologie definiert wird." Wenn es nach der Einschätzung des amerikanischen Verschlüsselungs-Gurus geht, sehr groß. Denn die Grenzen zwischen digitalem und analogem Leben verschwinden bereits. "Die Computer von morgen beeinflussen unser Leben bereits", sagt Schneier. Ob dies nun im Internet of Things verbundene Thermostate seien oder eben die kritische Infrastruktur ganzer Staaten.

    Auf Basis dieser Analyse kamen herausragende Experten beim Cybersecurity-Teil der Münchner Sicherheitskonferenz zur Sache. EU-Sicherheitskommissar Julian King (siehe Interview) erklärte: "Wir müssen in Europa eine Entscheidung treffen: Wollen wir unsere kritische Digital- und Kommunikationsinfrastruktur auslagern oder selbst die Hand darauf haben." Gemeint war die derzeit heftig geführte Debatte um den Aufbau des 5G-Mobilfunknetzes mit Gerätschaften des chinesischen Ausrüsters Huawei.

    Quellcodes offenlegen

    "Dabei geht es um viel Geld", sagte der Chief Information Officer von Samsung, Terry Halvorsen. Aber eben auch um einen ökonomischen Paradigmenwechsel, die Geschäftsmodelle in den meisten Branchen würden sich dramatisch ändern. Aus Sicht der US-Regierung sei ein Bann Huaweis richtig. Aber, so der frühere Digitalchef des Pentagons, "reden wir doch über Datensouveränität, über Sicherheitzertifikate von Zulieferern und darüber, dass die Quellcodes offengelegt und überprüft werden müssen". Dann lasse sich der Antagonismus zwischen den USA und China überwinden.

    Soweit ist es derzeit schlechterdings nicht. US-Außenminister Mike Pompeo hat eben erst eine Rundreise in Europa gemacht, um vor allem den Osteuropäern zu verklickern, dass sie weniger Daten aus den Vereinigten Staaten bekommen werden, wenn sie Huawei-Bauteile in ihren Regierungsnetzwerken benutzen. Experten zufolge haben sich bisher nur jene Staaten für einen Bann der Chinesen ausgesprochen, die ohnehin keine Hardware des Unternehmens verbaut haben. Huawei hat etwa 70 Prozent der Weltmarktanteile unter den Telekomausrüstern, die teureren Europäer Nokia und Ericsson teilen sich den Rest auf. Ohne Huawei würden die Europäer in der entscheidenden 5G-Technologie weit zurückgeworfen werden – was Zeit und Kosten betrifft.

    Auch Gundbert Scherf, Partner bei McKinsey in Berlin und zuletzt Berater im Beschaffungswesen des deutschen Verteidigungsministeriums, wies noch einmal auf anstehenden Paradigmenwechsel hin: "Jetzt geht es nicht mehr nur um die Peripherien, sondern um die Kernwirtschaft. Um Produktion und Produkte selbst, um Logistik und Einkauf." Bis 2030 könnte Europa in diesem Innovationsprozess seiner Wirtschaft 2.700 Milliarden Euro an Wertschöpfung hinzufügen. Dafür müsste es allerdings viel mehr europäische Zusammenarbeit geben: "Europa hat sechs Millionen Entwickler. Mehr als die USA." Diese Kräfte gelte es zu bündeln. (Christoph Prantner aus München, 16.2.2019)

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