Kristoffersen schlägt Hirscher im WM-Riesentorlauf

    Video15. Februar 2019, 19:00
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    Norweger gewinnt spannende Entscheidung gegen angeschlagenen Superstar

    Åre – Er schien schon des Öfteren mit seinen Nerven am Ende, immer wieder musste er sich Marcel Hirscher geschlagen geben, doch dieses Mal behielt Henrik Kristoffersen die Oberhand. Der Norweger avancierte am Freitag unter Flutlicht in Åre zum Riesentorlauf-Weltmeister und holte damit nach Silber bei Olympia 2018 und Slalom-Bronze in Sotschi 2014 seinen ersten Titel bei Großereignissen.

    Hirscher, nach dem ersten Lauf nur eine Zehntelsekunde hinter dem Halbzeitführenden Alexis Pinturault, musste sich mit zwei Zehntel Rückstand auf den Norweger mit Silber begnügen. Der 29-jährige Doppel-Olympiasieger von Pyeongchang, WM-Titelverteidiger und Gewinner von vier Saisonrennen in dieser Disziplin, holte zwar seine vierte Riesentorlaufmedaille bei Weltmeisterschaften in Folge, verpasste aber seine siebente WM-Goldmedaille. Dem französischen Kombinations-Weltmeister blieb immerhin Bronze.

    Besonders bitter: Für Österreich stehen zwei Bewerbe vor Ende der 45. Ski-WM lediglich dreimal Silber und zweimal Bronze zu Buche. Der Gewinn der heiß ersehnten Goldenen dürfte zur ultimativen Zitterpartie werden.

    Lange Durststrecke

    Der 24-jährige Kristoffersen, zur Halbzeit mit 18 Hundertstel Rückstand auf Pinturault und acht hinter dem Salzburger nur Dritter, markierte in der Entscheidung mit einem famosen Lauf Bestzeit, die weder Hirscher noch der Franzose unterbieten konnten. Der Norweger lehnte nach vollbrachter Arbeit zunächst gespannt den Berg hinaufschauend an einer Werbebande. Als ihm die Goldene gewiss war, sprang er auf, drehte sich zum Publikum und präsentierte sich – mehr als ein Jahr nach seinem bislang letzten Weltcupsieg am Ganslern in Kitzbühel – dem tobenden Publikum. In seiner Karriere konnte er bei 16 Weltcupsiegen lediglich einen Sieg in einem Riesentorlauf verbuchen, 2015 in Méribel..

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    Eine mehr als nur beachtliche Leistung zauberte Marco Schwarz in den schwedischen Schnee. Der 23-Jährige verbesserte sich mit Laufbestzeit im Finale vom 16. auf den fünften Rang (1,04). Mit Stefan Brennsteiner landete ein weiterer ÖSV-Läufer als Neunter (1,38) in den Top Ten. Manuel Feller (1,97) fand weder im ersten noch im zweiten Lauf die richtige Dosis zwischen Attacke und Kontrolle und musste sich mit Rang 15 begnügen.

    Roland Leitinger, Vizeweltmeister von St. Moritz 2017, musste in der Entscheidung abschwingen, nachdem er ein Tor gerammt hatte. Der Deutsche Stefan Luitz zog sich bei einem Einfädler einen Innenbandriss zu.

    Lieber im Krankenstand

    Hirscher, der erkältet ankam, wäre am liebsten in den Krankenstand gegangen, versicherte jedoch, körperlich 100 Prozent fit an den Start gegangen zu sein. Auf die Erkrankung wollte er sich nicht ausreden. "Natürlich war es nicht lustig in den letzten zwei, drei Tagen, aber da haben wir schon Schlimmeres durchgemacht. Angesichts der Umstände ist es ein cooles Ergebnis. Auf der anderen Seite wird morgen in der Zeitung stehen, zweiter Platz, erster Verlierer, so wird es auch sein, aber damit kann ich sehr, sehr gut leben. Gratulation an Henrik, ein verdienter Weltmeister. Er hat das Gerät heute zweimal gnadenlos runtergedrückt", sagte er mit kratziger Stimme. Seine Medaille sei sehr viel wert, eine weitere im Medaillenkoffer.

    foto: reuters/christian hartmann
    o sieht eine Siegerfahrt aus.

    Mit Silber hat Hirscher seine zehnte Medaille bei Weltmeisterschaften geholt. Vor ihm liegen nur noch die Norweger Kjetil André Aamodt (12) und Lasse Kjus (11), sowie Marc Girardelli (11). Benjamin Raich hält ebenso bei zehn. Für Kristoffersen sei es an der Zeit gewesen, eine Goldene zu gewinnen. "Wir haben so hart gearbeitet, ich war so oft so nahe dran, habe heuer kein Rennen gewonnen, aber heute war es ziemlich gut." (Thomas Hirner aus Åre, 15.2.2019)

    Ergebnis:

    1. Henrik Kristoffersen (NOR) 2:20,24
    2. Marcel Hirscher (AUT) 2:20,44 +00,20
    3. Alexis Pinturault (FRA) 2:20,66 +00,42
    4. Loic Meillard (SUI) 2:21,16 +00,92
    5. Marco Schwarz (AUT) 2:21,28 +01,04
    5. Zan Kranjec (SLO) 2:21,28 +01,04
    7. Leif Kristian Nestvold-Haugen (NOR) 2:21,32 +01,08
    8. Alexander Schmid (GER) 2:21,43 +01,19
    9. Stefan Brennsteiner (AUT) 2:21,62 +01,38
    10. Marco Odermatt (SUI) 2:21,63 +01,39
    11. Ted Ligety (USA) 2:21,78 +01,54
    12. Tommy Ford (USA) 2:21,80 +01,56
    13. Rasmus Windingstad (NOR) 2:21,84 +01,60
    14. Victor Muffat-Jeandet (FRA) 2:21,96 +01,72
    15. Manuel Feller (AUT) 2:22,21 +01,97
    16. Matts Olsson (SWE) 2:22,24 +02,00
    17. Mathieu Faivre (FRA) 2:22,25 +02,01
    18. Trevor Philp (CAN) 2:22,72 +02,48
    19. Filip Zubcic (CRO) 2:23,05 +02,81
    20. Luca de Aliprandini (ITA) 2:23,33 +03,09
    21. Ryan Cochran-Siegle (USA) 2:23,88 +03,64
    22. Stefan Hadalin (SLO) 2:23,93 +03,69
    23. Simon Maurberger (ITA) 2:23,98 +03,74
    24. Tomoya Ishii (JPN) 2:24,20 +03,96
    25. Samu Torsti (FIN) 2:24,33 +04,09
    26. Sam Maes (BEL) 2:24,34 +04,10
    27. Pawel Trichischew (RUS) 2:24,81 +04,57
    28. Maarten Meiners (NED) 2:25,32 +05,08
    29. Albert Popow (BUL) 2:26,58 +06,34
    30. Simon Fournier (CAN) 2:26,68 +06,44

    Ausgeschieden im 1. Durchgang: Stefan Luitz (GER), Gino Caviezel (SUI), Thomas Tumler (SUI), Aleksander Aamodt Kilde (NOR), Riccardo Tonetti (ITA)

    Ausgeschieden im 2. Durchgang: Roland Leitinger (AUT), Thomas Fanara (FRA)

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    Stimmen:

    Henrik Kristoffersen (NOR/Gold): "Von der ersten Zwischenzeit bis unten war es voll am Limit. Es ist ein Jahr nach dem letzten Sieg, 2015 war der letzte Riesentorlauf-Sieg in Meribel. Wir haben seitdem alle so viel gearbeitet für diesen Sieg gegen die 'odds'. Der Sieg ist für dieses Team. Ich bin im Ziel mehr nervös als am Start. Unten kann ich nur warten. Es ist wirklich cool, wenn man am Stockerl mit Marcel und Alexis steht. Sie waren die zwei besten Riesentorläufer der letzten Jahre."

    Marcel Hirscher (AUT/Silber): "In Anbetracht der Umstände ist das heute gewaltig. Ich muss ich sehr zufrieden sein. Zweiter Platz ist aber auch erster Verlierer und hilft mir nicht weiter. Aber es ist sicher mehr als das Maximum rausgeholt worden. Ich muss sagen, es passt. Aber natürlich hätte ich gerne meinen Titel verteidigt. Die Erkrankung ist beim Fahren auf keinen Fall eine Ausrede. Sicher ist so eine Vollbelastung nicht super, ich hoffe, ich kann am Sonntag im Slalom wieder voll angreifen. Zumindest gehe ich nicht davon aus, dass es wieder schlechter wird. Ich bin happy, dass ich am Start war und es so runterbekommen habe. Irgendwann morgen werde ich mich sicher auch freuen. Das mit Henrik war zu erwarten und hat mich nicht überrascht. Er hat das mit Bravour gemeistert und verdient gewonnen. Er war so oft Zweiter, heute ist er Erster. Das ist sicher eine große Genugtuung und passt auch so. Wenn man zwei Zehntel sucht, wird man die sicher finden, das bringt aber nichts. Ein Nackler zu viel ist zweiter Platz, so eng ist das beinander. Aber wir haben eine Medaille. Summa summarum, waren wir mannschaftlich okay, ich bin echt froh, dass es so runtergebracht habe."

    Alexis Pinturault (FRA/Bronze): "Ich bin sehr glücklich. Im Riesentorlauf bin ich noch ein bisschen hinter Hirscher und Kristoffersen, die beiden waren besser. Ich war nicht imstande, wirklich um den Sieg zu kämpfen und muss mich noch steigern. Vielleicht war ich auch schon ein bisschen zu müde. Es war ein toller Kampf mit den beiden. Wir versuchen, unsere Grenzen immer weiter hinauszuschieben, das ist gut für ganzen Skisport."

    Marco Schwarz (AUT/5.): "Ich habe bei der Besichtigung gesehen, dass man im Mittelteil voll ans Limit gehen muss. Das habe ich gemacht und es hat sich ausgezahlt. Im zweiten Durchgang hat die Piste weniger nachgelassen, ich bin sehr zufrieden. Ich habe Marcel nichts gefunkt. Er kann eh im Fernsehen sehen, dass man im Mittelteil voll ans Limit gehen muss."

    Stefan Brennsteiner (AUT/9.): "Ich war im zweiten knapp am Einfädler und drauf und dran, es Roland nachzumachen. Gottseidank ist der Ski auf die richtige Seite gesprungen. Mein Lauf war von Fehlern geprägt."

    Manuel Feller (AUT/15.): "Der Lauf hat nichts Anderes offengelassen, so ist es dahingegangen. Mit sauber Fahren kriegst du eine Vollklatsche. Ich habe mein Bestes gegeben heute. Ich kann nicht böse seinn, habe alles probiert, ich tue mir hier immer schon schwer, habe nicht mein bestes Skifahren gezeigt. Ich hoffe, es geht im Slalom besser."

    Roland Leitinger (AUT/out): "Ich war ein bisschen zu eng unterwegs und habe kurz hingeschnitten. Aber die Geräte gehen halt gut um die Kurve. Schade, ich wollte alles geben, Gas geben. Das Risiko musste und wollte ich eingehen. Dass ein Einfädler rauskommt, schaut tollpatschig aus, passiert aber nur alle zehn Jahre."

    • So sieht Freude aus.
      foto: ap photo/alessandro trovati

      So sieht Freude aus.

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