Unternehmenssanierung: Slow Food statt Heuschrecke

16. Februar 2019, 08:00
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Ein neuer Private-Equity-Fonds verspricht Betrieben in Not den Weg aus der Krise. Sanierer Paul Niederkofler über Turbokapitalisten und Realitätsverweigerer

Wien – Wir sind keine Turbokapitalisten, die Betriebe zerlegen und nach zwei Jahren an jeder Ecke Leichenteile liegen lassen." Für Paul Niederkofler ist die Härte der Entscheidung im Private-Equity-Geschäft vieler Investoren schwer nachvollziehbar. Klar komme man bei Sanierungen um Jobabbau selten herum. Es sei oft die Voraussetzung dafür, dass ein Unternehmen weiter bestehen könne. "Die Alternative wäre eben filetieren und zusperren."

Entscheidend sei es jedoch, Betrieben Zeit zu geben, um wieder auf die Beine zu kommen, und sie nicht noch mit der Aufnahme von Fremdkapital zusätzlich zu belasten. Weil Bankschulden hätten die meisten ohnehin schon genug.

Niederkofler macht in die Krise geschlitterte Unternehmen überlebensfähig. Nicht immer gelingt es. Die Elektrokette Cosmos etwa, die durch seine Hände ging, ist Geschichte. Niedermeyer hielt sich nach der Übergabe an weitere Investoren nur noch kurz über Wasser. Nicht von Dauer blieben auch die Gewinne der Autozubehörkette Forstinger, nachdem sich andere Eigentümer engagiert hatten.

Geänderte Märkte

Manches Geschäftsmodell habe angesichts der Märkte, die sich änderten, ein Ablaufdatum, sagt Niederkofler mit Blick auf die Handelskette Niedermeyer, die ihr Geschäft einst stark auf Mobilfunk aufbaute. Bei 15 großen Unternehmen sei die Sanierung in den vergangenen Jahren aber geglückt – sie seien um ein Dutzend Akquisitionen ergänzt worden. Der Personaldienstleister Völker etwa wuchs von 20 auf 75 Millionen Euro Umsatz. Die Zahl an Mitarbeitern verdreifachte sich. Heute steht Völker unter dem Dach des französischen Branchenriesen Synergie SA.

Bis zu 500 österreichische und süddeutsche Unternehmen in Not werden im Schnitt jährlich an Niederkofler und seinen Geschäftspartner Lukas Euler-Rolle herangetragen. Etwa 100 prüfen die beiden eingehend, bei sechs bis acht steigen sie ein. Zwei ihrer Private-Equity-Fonds brachten Investoren jeweils zweistellige Renditen. Ein neuer dritter Fonds peilt ein Volumen von 70 Millionen Euro bei einer Laufzeit von zehn Jahren an.

Im Fokus stehen kleine und mittlere Betriebe, denen Geld, Personal oder Nachfolger fehlen. Kapitalgeber sind primär institutionelle Investoren.

foto: vms
Niederkofler: "Manches hat ein Ablaufdatum."

Die Aktienmärkte rutschen ab, für Immobilien seien die Preise hoch. Der Zeitpunkt für mehr privates Beteiligungskapital sei also gut, sagt Niederkofler, der sich im Private-Equity-Geschäft nicht den Heuschrecken, sondern der Slow-Food-Bewegung zugehörig fühlt.

Generell führe der Markt in Österreich verglichen zu Deutschland und Großbritannien ein Nischendasein. Unternehmen sind hierzulande weitgehend bankenfinanziert. Strenge Kapitalvorschriften ließen ihre Geldquellen in den vergangenen zehn Jahren jedoch vielerorts versiegen. Auch Versicherungen scheuten im Zuge härterer Vorschriften vor riskanteren Beteiligungen zurück.

An den Gründen für unternehmerische Turbulenzen habe sich über die Jahre wenig geändert, resümieren Niederkofler und Euler-Rolle. "Das Universum möglicher Fehler wächst nicht." Sie reichten von mangelnder Transparenz der Finanzdaten bis hin zu Realitätsverweigerung der Eigentümer und Manager, die das Abdriften einer Firma nicht wahrhaben wollten.

Neues Kapitel für Buchleinen

Jüngster Neuerwerb des Duos ist ein traditionsreicher deutscher Textilveredler: Bamberger Kaliko, 1863 als Färberei gegründet, produziert mit 130 Mitarbeitern unter anderem Buchleinen, Rollos und Schleifmittelunterlagen. Einer der Schlüssel, um den Betrieb aus der Krise zu führen, liege im Einkauf, ist Niederkofler überzeugt, der in Bamberg in zwei Jahren die Kehrtwende schaffen will. Gelungen ist ihm das bei Kufner. Der Spezialist für Einlagestoffe mit 140 Beschäftigten im steirischen Weißkirchen hält weltweit Anzüge in Form. (Verena Kainrath, 17.2.2019)

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