Ein Heim ohne Barmherzigkeit

    16. Februar 2019, 13:00
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    Ehemalige Angestellte einer Tiroler Behinderteneinrichtung klagen über systemische Missstände, unter denen Mitarbeiter wie Bewohner leiden. Es ist nicht das erste Mal, dass dieses Großheim auch zum Tatort wurde – und wohl nicht das letzte Mal. Denn die kirchlichen Betreiber halten an den alten Zuständen fest

    Die unauffällige Frau im bescheidenen Ordenskleid ist eine der mächtigsten Unternehmerinnen Tirols. Generaloberin Schwester Maria Gerlinde Kätzler lenkt vom Mutterhaus in Zams aus die Geschicke der Kongregation der Barmherzigen Schwestern des Heiligen Vinzenz von Paul.

    Dahinter verbirgt sich ein Konzern, allein in Tirol unterstehen der Generaloberin fast 1.600 Mitarbeiter in Spitälern, Behinderten- und Pflegeeinrichtungen. Die Unternehmen des Ordens erwirtschaften dort einen Umsatz von jährlich über 100 Millionen Euro. Liegenschaften und Einrichtungen in Südtirol und Peru sind da noch gar nicht mitgezählt, denn das Imperium der Barmherzigkeit ist kaum zu durchschauen.

    Kätzler führt ein strenges Regiment, nichts passiert ohne ihren Sanctus. Das spüren vor allem jene, die in dieser Hierarchie ganz unten stehen: die Mitarbeiter und die Klienten in den Einrichtungen des Ordens. Und wenn, so wie jetzt zum wiederholten Male, Zeugen über Missstände in einem der Heime unter Kätzlers Kontrolle berichten, empfindet sie das als Angriff gegen den Orden.

    Körperliche Übergriffe

    Im Zentrum der Kritik steht einmal mehr das Netzwerk St. Josef in Mils. Dort betreiben die Barmherzigen Schwestern eine der letzten großen Behinderteneinrichtungen Tirols. 135 Erwachsene werden hier von über 200 Mitarbeitern betreut, davon 43 in ausgelagerten Wohnungen.

    Ehemalige Mitarbeiter, die bis zum vergangenen Jahr in Mils tätig waren, haben sich jetzt an den STANDARD gewandt, um von aktuellen Missständen im Heimalltag zu berichten, die sie letztlich zur Kündigung bewogen hatten. Es geht um körperliche Übergriffe wie "Schoppen", also das erzwungene Verabreichen von Nahrung oder das Herumschubsen von Bewohnern.

    Auch schwarze Pädagogik soll regelmäßig angewandt worden sein. Einer Bewohnerin sei etwa damit gedroht worden, dass sie ihre Eltern am Wochenende nicht sehen dürfe oder dass man ihr das Lieblingsspielzeug wegnehme, wenn sie nicht gehorche.

    foto: florian lechner
    Große Heime wie jenes in Mils in Tirol sind für die Betreiber rentabler, aber zugleich anfällig für strukturelle Gewalt.

    Die chronische Personalnot, so erzählen sie, habe dazu geführt, dass auch Pädagogen Aufgaben übernommen hätten, die eigentlich nur Pflegefachkräfte ausführen dürfen, und sie berichten von mangelnder Hygiene.

    So seien etwa Badewannen nach Gebrauch nicht desinfiziert worden. Insgesamt zeichnen sie ein tristes Bild ihres ehemaligen Arbeitsplatzes, sowohl für die Bewohner als auch die Angestellten. Das erkläre auch die hohe Mitarbeiterfluktuation im Heim in Mils, das in der Branche als "verschrien" gelte.

    "Als ich mich schließlich nach drei Jahren zur Kündigung entschlossen habe, weil ich schon jeden Tag mit Bauchweh in die Arbeit gefahren bin, war der einzige Kommentar von der Heimleitung: Du bist heute die Fünfte", so die Schilderung.

    Vorwürfe großteils wahr

    Mit den Vorwürfen konfrontiert bestätigte der Geschäftsführer des Ordensunternehmens, Bernhard Guggenbichler, dass vieles davon wahr ist. Es habe im Sommer 2018 dementsprechende Meldungen an die Bereichsleitung gegeben, und man sei dem nachgegangen. Die betreffenden Mitarbeiter seien verwarnt oder ermahnt worden.

    Zugleich weist er Kritik zurück, dass diese Missstände strukturelle Ursachen hätten. Er spricht von Einzelfällen. Dass es an der fachgerechten Ausstattung und Hygiene fehle, bestreitet er. Ebenso die Kritik chronischen Personalmangels.

    Guggenbichler, der für das Mutterhaus spricht, versichert eine Überprüfung: Sollten sich weitere Kritikpunkte als wahr herausstellen, etwa dass Bewohner in Gruppen und ohne Privatsphäre gebadet werden, sei diese Praxis sofort abzustellen.

    Es ist nun das bereits dritte Mal in vier Jahrzehnten, dass die Einrichtung in Mils mit Vorwürfen konfrontiert ist. Das deutet auf ein tiefergehendes, strukturelles Problem und nicht bedauerliche Einzelfälle hin. 1980 wandten sich zwei junge Pflegerinnen, die über die grausame Behandlung der Kinder mit Beeinträchtigung schockiert waren, an die Öffentlichkeit.

    Ihre Schilderungen sind nicht mit den aktuellen Vorwürfen zu vergleichen: Sie handelten von Schlägen, bis Blut floss, eiskalten Duschen oder Kindern, die gezwungen wurden, das eigene Erbrochene aufzuessen. Damals taten noch die Ordensschwestern Dienst im Heim, und sie waren alles andere als barmherzig.

    Konsequenzen nur für Aufdeckerinnen

    Doch Konsequenzen bekamen nur die Aufdeckerinnen zu spüren. Sofort stellten sich die in Tirol regierende ÖVP, die Kirche und die auch Medien hinter die Schwestern. Die Frauen wurden als verräterische "Kommunistinnen und linken Emanzen" beschimpft.

    Eine der beiden, Brigitte Wanker, war 2010 trotzdem wieder zur Stelle, als im Zuge des Losbrechens des Heimskandals auch Mils wieder in den Fokus rückte. Basierend auf ihren Schilderungen nahm die Staatsanwaltschaft Vorerhebungen auf. Der Orden, jetzt bereits unter Leitung Kätzlers, versuchte, die Schuld zu individualisieren. Man schickte eine Schwester vor, die aussagen musste. Die Taten waren aber allesamt verjährt, es gab also erneut keinerlei Konsequenzen.

    Auf diese Vergangenheit an gesprochen, legt Guggenbichler Wert auf eine strikte Trennung: Denn die aktuellen Vorwürfe in einen Kontext mit den "historisch bekannten Formen der Gewaltanwendung" zu setzen sei aus seiner Sicht unzutreffend und relativiere das einst erlittene Unrecht. Zudem habe der Orden "an alle vier ehemaligen Klienten" Zahlungen geleistet. Wieso er von nur vier Betroffenen spricht, bleibt offen. Ebenso unbeantwortet bleibt die Frage, ob, wie eine Zeugin behauptet, zwei der einst Betroffenen immer noch in Mils sind.

    Die Recherchen des STANDARD weisen darauf hin, dass bisher höchstens zwei der damaligen Bewohner von der kirchlichen Opferschutzkommission entschädigt wurden. Ein dritter Fall datiert auf eine frühere Zeit zurück.

    foto: florian lechner
    Ehemalige Mitarbeiter des Netzwerk St. Josef in Mils wandten sich an den STANDARD, um über aktuelle Misstände im Heim zu sprechen.

    Was den Kindern damals angetan wurde, kann nicht mit den aktuellen Vorwürfen verglichen werden. Doch es sind dieselben Strukturen, die solche Übergriffe begünstigen.

    Davon will man seitens des Ordens nichts hören. Dass Mils für heutige Verhältnisse "unzumutbar" sei, bestätigt aber auch Erich Wahl von der gesetzlichen Bewohnervertretung, die den Auftrag hat, Heime regelmäßig hinsichtlich freiheitsbeschränkender Maßnahmen zu prüfen. Zwar sei ein Bemühen des Personals spürbar, doch die Struktur der Großanstalt widerspreche den Grundlagen der UN-Behindertenrechtskonvention.

    Widerstand gegen Kontrollen

    Auch Volksanwalt Günther Kräuter, der ebenfalls für die Kontrolle solcher Heime zuständig ist, kennt Mils: "Schon im Jahr 2017 habe ich das Land Tirol dringend ersucht, den Umzug der Bewohner in kleinere Wohneinheiten zu forcieren." Denn in derartigen Großeinrichtungen sei die Gefahr struktureller Gewalt potenziell höher. Doch diese Dislozierung geht nur schleppend voran.

    Denn für die Betreiber bedeuten große Heime weniger Personalaufwand und damit Kostenersparnis. Die jüngste Forderung der Wirtschaftskammer, die Prüfungsbereiche der Volksanwaltschaft in Heimen zu "verschlanken", ist daher auch vor diesem Hintergrund zu betrachten. Hinzu kommen undurchsichtige Strukturen. So konnte das Land Tirol bis Redaktionsschluss keine Auskunft darüber geben, wie viel Steuergeld man dem Orden jährlich für seine Dienste überweist.

    Dass es im Fall Mils letztlich ums Geld geht, bewies die Reaktion der Generaloberin auf ein Versöhnungsangebot. Im Jahr 2012 lud der damalige Tiroler Bischof Manfred Scheuer die Aufdeckerin von 1980, Brigitte Wanker, zu einem versöhnenden Gespräch mit der Ordensfrau. Weil er ehrlich bemüht war, sagte Wanker zu. Doch beim Termin blieb der Stuhl der Generaloberin leer. Kätzler weigerte sich, mit Wanker an einem Tisch zu sitzen. Warum sie das Angebot ausschlug, wird auf Nachfrage nicht kommentiert.

    Um dieses Kapitel endlich für sich abzuschließen, wandte sich Wanker trotzdem noch einmal in einem Brief an die Ordensleiterin und bat um eine Aussprache. Die schriftliche Antwort der Generaloberin war eindeutig: Mit einem Gespräch sei das, was Wanker dem Orden finanziell und hinsichtlich seines Rufes angetan habe, nicht wieder gutzumachen. Daher lehne sie ein Treffen ab. (Steffen Arora, 16.2.2019)


    foto: schreiber
    Horst Schreiber erforschte den Tiroler Heimskandal.

    Wie die Verzahnung von Kirche und Staat Missbrauch fördert

    Historiker Horst Schreiber sagt, dass nur das Aufbrechen alter Strukturen künftige Heimskandale verhindern kann

    Dass ausgerechnet das Netzwerk St. Josef in Mils neuerlich für Schlagzeilen sorgt, verwundert den Zeithistoriker Horst Schreiber nicht: "Diese Einrichtung steht in jener Tradition der pflegerischen Versorgung, in der Menschen mit Behinderung als krank gelten." Die Heimstruktur schaffe einen "Schonraum", der sie letztlich von allem abschotte und dadurch abhängig sowie unmündig mache.

    Schreiber hat vor rund zehn Jahren mit seinen Forschungen die dunkle Vergangenheit Tiroler Fürsorgeheime aufgearbeitet und kennt die Strukturen, die solche Verbrechen möglich gemacht haben, gut. Und er sieht Parallelen zu den aktuellen Vorwürfen, die Mils betreffen.

    So habe sich zwar die Qualität der Betreuung in den Einrichtungen deutlich verändert, doch die Struktur eines Großheimes sei dieselbe geblieben: "Es ist ein starrer Tagesablauf, der die Bedürfnisse von Menschen mit sehr vielen Vorschriften reglementiert." Die Ähnlichkeit zur Organisation eines Klosters sei nicht zufällig, sagt Schreiber und verweist auf die oft kirchlichen Träger im Hintergrund.

    Damit solche Strukturen funktionieren, müssen die Bewohner an sie angepasst werden. Das bedeute wenig Individualität und führe zu Entpersönlichung. "Letztlich lassen sich Menschen nur mit Gewalt in ein solches Korsett zwängen", sagt Schreiber.

    In der Vergangenheit wurde dies noch mit ungehemmter physischer Gewalt erreicht, wie die Forschungen des Zeithistorikers ergeben haben. Heute sind die Methoden weniger brachial. Doch das aktuelle Beispiel in Tirol zeigt, dass Verbesserungen nicht ausreichen. Es brauche grundsätzliches Umdenken.

    Reform als Bedrohung

    Großheime, wie es sie etwa auch in Kainbach in der Steiermark noch gibt, sind für Schreiber "Überbleibsel eines längst überkommenen Zugangs zum Umgang mit Menschen mit Behinderung". Dass sie sich dennoch so lange halten konnten – die Diskussion um zeitgemäße Unterbringungsformen fand schon in den 1970ern statt -, liege im Charakter der Einrichtung selbst begründet: "Dieses in sich geschlossene System nimmt jede Veränderung und damit auch Reform von außen als Bedrohung wahr."

    Spätestens seit 1980, als die Missstände in Mils erstmals publik wurden, hätte man wissen müssen, woran "dieses Verwahrsystem krankt", kritisiert Schreiber. Trotzdem habe man sich gegen einen Bruch mit den alten Strukturen entschieden. Schreiber: "Nicht zuletzt aus Kostengründen, weil diese Heimstruktur günstiger für die Betreiber ist."

    Dass sich der Orden der Barmherzigen Schwestern auch 2010 weigerte, diese Kritik anzunehmen, wirke nun bis in die Gegenwart. Denn: "So leben die Gespenster der Vergangenheit weiter. "

    Warum die Politik hier nicht schon längst eingegriffen hat, liegt für den Tiroler Historiker auf der Hand: Die bis zu den Habsburgern zurückreichende enge Verzahnung von Kirche und Staat sei eine Ursache. Diese wurde mit der Schaffung des Konkordats im Austrofaschismus in Vertragsform gegossen und bestimmt so bis heute das Verhältnis beider Institutionen zueinander.

    Die politisch Verantwortlichen sieht Schreiber in der Pflicht, neben der reinen Kritik an den herrschenden Zuständen auch eigene, alternative Lösungen anzubieten – und den direkten Konflikt mit mächtigen Orden auch auszuhalten und durchzustehen.

    Letztlich sei aber auch die Gesellschaft gefragt, sich ihrer bislang vernachlässigten Verantwortung bewusst zu werden, fordert Schreiber. Nur so könne es gelingen, behindertenpolitische Themen, für die es nach wie vor kaum eine Lobby gebe, mit Nachdruck in Angriff zu nehmen. (ars, 16.2.2019)

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