Haben wir ein Recht auf Rache?

    16. Februar 2019, 17:00
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    Die Regierung will Vergewaltiger härter bestrafen. Aber es gibt viele Argumente, die für mildere Alternativen zur Haft sprechen. Sogar eine gefängnislose Gesellschaft ist denkbar

    Der klassische Krimi beginnt mit einem Mord. So auch dieser. Es war der 2. November 2001, als Pedro Holzhey seine Frau erschlug. Mit einem Hammer. Noch in derselben Nacht gestand er die Tat. Er wurde festgenommen, U-Haft, Verhandlung, lebenslänglich. Spätestens hier würde ein Roman in der Regel enden. Der Täter wurde gefasst. Happy End, wenn man so will. Immerhin muss der Mörder nun büßen.

    Im wahren Leben ist für den Ausgang der Geschichte ziemlich entscheidend, wie es weitergeht. Denn selbst eine lebenslange Haft endet irgendwann. Und dann ist der Straftäter wieder Teil der Gesellschaft. Jeder zweite österreichische Verurteilte, der eine unbedingte Haftstrafe abgesessen hat, wird wieder straffällig. Das zeigt der aktuelle Sicherheitsbericht des Innenministeriums. Holzhey – 61 Jahre alt, Akademiker, früher Offizier der deutschen Bundeswehr – schließt aus seiner Erfahrung nach 15 Jahren Knast: "Du wirst dort desozialisiert."

    foto: elmar gubisch
    Innenansicht der Justizanstalt Graz-Karlau. In Österreich gibt es bundesweit 28 Gefängnisse.

    Er ist mit dieser Einschätzung nicht allein. Sozialarbeiter, Bewährungshelfer, Justizwachepersonal, Juristen – fast alle Experten aus der Praxis sind sich einig: Einfach wegsperren, das macht das Problem langfristig nur größer. Aus diesem Grund wird die türkis-blaue Regierung auch gerade scharf für etwas kritisiert, was aus dem Bauch heraus jeder für richtig hält: härtere Strafen für Vergewaltiger.

    "Wer sich in Österreich an Frauen und Kindern vergeht, der hat keine Milde verdient", sagt Bundeskanzler Sebastian Kurz. Und intuitiv will man nicken. Doch es gibt auch gute Gründe, die dagegen sprechen.

    Lebensfremde Parallelwelt

    Einen davon findet man im System Gefängnis selbst. Holzhey kann sich noch ganz genau an die Zeit erinnern, als er in der Justizanstalt Stadelheim in München ankam. "Man ist plötzlich Teil einer Parallelwelt, die sehr lebensfremd ist", erzählt er. "Ich konnte nicht mehr darüber bestimmen, wann ich esse oder wann ich mich wasche. Es ist vom Wärter abhängig, ob er anklopft, bevor er eintritt, und ob man saubere Kleidung bekommt. Der Umgang ist rau." Der Ex-Häftling, der wegen besonders guter Führung ungewöhnlich früh entlassen wurde, sagt: "Innerhalb von wenigen Tagen hat man sich vom normalen gesellschaftlichen Umgang komplett entfremdet."

    foto: heribert corn
    In Österreich sind nur rund sechs Prozent der Gefangenen Frauen.

    Natürlich kann man sagen: Für einen Mörder muss man kein Mitleid empfinden. Doch nur ein kleiner Teil der aktuell 9402 Häftlinge in Österreich sind schwere Straftäter. Die meisten haben etwas gestohlen oder jemanden betrogen, bedroht oder mit Drogen gedealt – viele von ihnen sind Kleinkriminelle.

    Andreas Zembaty, Sozialarbeiter, Bewährungshelfer und Sprecher des staatlich finanzierten Resozialisierungshilfevereins Neustart, ist überzeugt: Zwei Drittel aller Gefängnisinsassen könnte man sofort enthaften. "Damit meine ich nicht freilassen, sondern mit alternativen Maßnahmen bestrafen." Denn auch er habe erlebt: "Die Isolation der Haft führt dazu, dass sich die Menschen an die Bedingungen des Strafvollzugs anpassen, das ist gut für die Zeit im Gefängnis, macht sie für ein Leben danach aber völlig unbrauchbar."

    Österreich ohne Gefängnisse

    Thomas Galli, deutscher Jurist, Kriminologe und Psychologe, der in seinen 15 Jahren Arbeit im Strafvollzug zwei verschiedene Justizanstalten geleitet hat, geht noch einen Schritt weiter. Er sagt: In einer modernen Gesellschaft gehören Gefängnisse abgeschafft. Die abschreckende Wirkung von harten Strafen sei durch Studien widerlegt. "Haft macht Menschen bloß gefährlicher. Die Allgemeinheit schadet sich damit schlussendlich selbst." Lediglich ein Zehntel der Verbrecher müsse im Namen der öffentlichen Sicherheit geschlossen verwahrt werden, meint Galli. Die anderen sollten besser Sozialarbeit oder andere Dienste an der Gemeinschaft leisten.

    foto: heribert corn
    Supermarkt in der Justizanstalt Korneuburg. In ganz Österreich gibt es derzeit 9402 Häftlinge.

    Die Idee ist nicht neu. Der österreichische Sozialdemokrat Christian Broda hat bereits in den 1960er-Jahren die Vision einer gefängnislosen Gesellschaft entworfen. Als Nationalratsabgeordneter lobbyierte er für die Abschaffung der Todesstrafe, die 1968 erfolgte. Als Justizminister unter Bruno Kreisky ließ er kurze Freiheitsstrafen durch Geldbußen ersetzen und die Möglichkeiten einer vorzeitigen Haftentlassung ausbauen.

    Wenn Utopien wahr werden

    Trotz des scheinbar gegenläufigen Trends muss man sagen: Österreich entwickelt sich in Richtung der Utopie Brodas, wenn auch sehr langsam. Inzwischen werden rund 14.000 Straftaten jährlich durch einen sogenannten Tatausgleich geregelt. Das heißt: Anstatt ein Gericht zu bemühen, wird ein Konfliktregler eingeschaltet, der die beste Lösung für alle Beteiligten sucht. Es gibt Bewährungshilfe, im Jahr 2018 wurden 706 Anträge auf Fußfessel bewilligt. Selbst die Pläne von ÖVP und FPÖ sehen neben härteren Strafen auch Maßnahmen zum Opferschutz und zur Täterarbeit vor.

    foto: heribert corn
    Im Jahr 2018 wurden 706 Fußfesseln bewilligt.

    Mildere Strafen und alternative Sanktionen haben jedenfalls fast ausschließlich Vorteile. Davon sind Galli und Zembaty überzeugt – auch was die Ausgaben betrifft. Ein Tag Haft in Österreich koste dem Steuerzahler pro Mann rund 120 Euro. Ein Tag Bewährungshilfe schlage sich mit 32 Euro zu Buche.

    Häftlinge überwachen sich selbst

    Auch international gibt es Vorreiter, die zeigen, dass weniger Haft ein Erfolgsmodell ist: In Finnland, Norwegen und den Niederlanden gibt es proportional eine deutlich geringere Anzahl an Gefangenen als in Österreich und mehr offenen Vollzug. "Die Rückfallquoten sind dort wesentlich geringer", weiß der Kriminologe Galli. In Brasilien – eher bekannt für menschenunwürdige Zustände in Haftanstalten – wird seit vielen Jahren mit Reintegrationszentren experimentiert, die ohne staatliches Wachpersonal betrieben werden. Die Gefangenen schauen dort selbst aufeinander, der Verantwortungsvollste steht an der Eingangstüre. Es funktioniert.

    Die Frage, die sich bei all dem dennoch stellt: Reichen der Gesellschaft gelinde Strafen? Haben wir nicht auch ein Recht auf Rache, wenn sich jemand nicht an unsere Regeln hält? "Ich kann gut verstehen, dass man als Betroffener oder Angehöriger im Entsetzen über eine Tat will, dass der Schuldige sühnt", sagt Zembaty. "Aber schlussendlich ist es nicht sehr befriedigend, wenn jemand weggesperrt wird, sich aber mit der Tat nicht weiter beschäftigen muss."

    foto: imago/future image
    Der aktuelle Sicherheitsbericht des Innenministeriums zeigt: 36 Prozent der vorzeitig Entlassenen und 53 Prozent der nicht vorzeitig Entlassenen werden rückfällig.

    Wichtig sei es deshalb, endlich mehr auf zufriedenstellende Lösungen für Opfer – und auch Täter – zu setzen, sagt Zembaty. Restorative Justice lautet das Schlagwort: die Wiederherstellung von Gerechtigkeit und sozialem Frieden, von dem möglichst alle etwas haben.

    Vom Mörder zum Helfer

    Holzhey wurde übrigens vom Mörder zum Helfer. Heute ist er Vorsitzender des Vereins Set-Free, der sich für gelingende Resozialisierung von Gefangenen einsetzt. "Ich habe im Gefängnis eine neue Berufung gefunden. Aber da bin ich wohl so ziemlich der Einzige." (Katharina Mittelstaedt, 16.2.2019)

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