Beharrlich leben: Die Frauen in meiner Familie

    5. März 2019, 09:40
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    Sie gingen voran und ebneten den Weg für nachkommende Generationen an Frauen. Eine Familiengeschichte

    Wo vormals eine Gstättn war, ist nun ein wunderschöner Blumengarten. So ist es immer, wenn meine Mutter einen Flecken Erde in ihre Hände bekommt. Sie arbeitet leise und beständig vor sich hin, Stunden, Tage, und plötzlich ist die Welt um sie wieder ein Stückchen schöner geworden. Was sie nicht kann, bringt sie sich bei. Komplette Garderoben nähen, Möbel aufpolstern, Bilderrahmen restaurieren. Als Kind dachte ich noch, es sei ganz normal, dass alle meine Kleider daheim von meiner Mutter genäht wurden. Auch von anderen werden diese Dinge gerne übersehen, denn es sind vermeintliche Kleinigkeiten.

    Erst ein paar Jahre später erfahre ich, dass meine Mutter in ihrer dominikanischen Heimat das Studium der Meeresbiologie abgeschlossen hat – als erste Person an ihrer Universität. Dreimal zieht sie mit meinem Vater in ein anderes Land, zuletzt nach Österreich. Sie erkrankt schwer und verbringt über mehrere Jahre viel Zeit im Krankenhaus und auf Reha. Doch an ihrer Willenskraft ändert das nur wenig. Der Drang zu lernen lässt nicht nach, sie belegt einen achtsemestrigen Kunstgeschichtekurs und eignet sich Expertise in allen möglichen Bereichen an. Es wirkt vielleicht auf den ersten Blick nicht so, aber die Frau ist zäh. Wir mögen in vielen Dingen konträr und komplett unterschiedliche Charaktere sein, doch was Resilienz ist, habe ich von meiner Mutter gelernt.

    foto: antonius
    Drei Generationen an Frauen.

    Schwestern, Mütter, Tanten, Töchter

    Frauen, deren Leben mich inspirieren, gab und gibt es in meiner Familie einige: die Schwester meiner Mutter, die als junge Frau der Enge des erzkonservativen Landes entkommen wollte und sich in den USA selbstständig ein neues Leben aufbaute. Meine dominikanische Großmutter, die inmitten eines diktatorischen Regimes, in einer Zeit voller Gefahren und Entbehrungen, allein fünf Kinder durchgebracht hat und dabei parallel zwei Pensionen betrieb. Meine Wiener Großmutter, die sich als junge Mutter in den 1920er-Jahren entgegen allen Konventionen scheiden ließ, weil sie sich mit einer unglücklichen Ehe nicht zufriedengeben wollte. Meine Großtante, die als Theaterschauspielerin mit Soloprogrammen durch die Länder zog und zeitweise Texte von um die 40 Stücken im Kopf hatte. Mit 86 Jahren steht sie immer noch im Berufsleben, "weil sie sich sonst alt fühlt".

    All diese Leistungen werden nicht ihren Weg in die Geschichtsbücher finden, doch das macht sie um nichts weniger beeindruckend. Die Stärke liegt oft im Kleinen verborgen. Die mühsam erkämpften persönlichen Errungenschaften und überwundenen Hindernisse wirken bis heute fort. Sie gingen voran, sie ebneten den Weg für nachkommende Generationen an Frauen. Sie lebten vor, was auch in Zeiten größter Not möglich sein kann. Sie sind eine Inspiration. (Anya Antonius, 5.3.2019)

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