T. C. Boyle und Michael Pollan auf LSD und Pilzen: Vom Wunder des bloßen Daseins

    17. Februar 2019, 15:38
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    Der US-Schriftsteller T. C. Boyle und der US-Sachbuchautor Michael Pollan haben ihre beiden neuen Bücher zu ein und demselben Thema geschrieben – und dafür psychedelische Reisen unternommen

    Es kommt nicht oft vor, dass ein Sachbuchautor und ein Romancier gleichzeitig über dasselbe Thema ein Buch verfassen; dass die beiden Bücher, aus dem Amerikanischen übersetzt, ebenfalls zur gleichen Zeit auf Deutsch erscheinen und die Autoren sie fast parallel dem deutschsprachigen Publikum vorstellen; und dass sie unabhängig voneinander denselben Text eines Popmusikers zitieren, wobei der Romanautor das Zitat sogar seinem Buch voranstellt.

    "Turn off your mind, relax and float downstream. It is not dying, it is not dying." Es sind Zeilen aus John Lennons Tomorrow Never Knows. Schalte dein Denken ab, sang er auf der Beatles-LP Revolver aus dem Jahr 1966, entspann dich und lass dich flussabwärts treiben, dein Denken stirbt nicht, das ist nicht Sterben.

    Für die Autoren drücken Lennons seltsam anmutende Aufforderungen – ergib dich der Leere, heißt es weiter, hör der Farbe deiner Träume zu – etwas aus, das sie eingehender beschreiben und in ihrer Wirkung verstehen wollen: die psychedelische Erfahrung.

    Pilze, Kakteen & Artverwandte

    Es sind Neuerscheinungen zur rechten Zeit. In Verändere Dein Bewusstsein führt Michael Pollan den Leser durch eine Kulturgeschichte der einschlägigen Substanzen, von vorchristlichen Sakramenten bis zu Ecstasy, und er erzählt die abwechslungsreiche Geschichte der medizinischen Forschung über sie, die in letzter Zeit wieder in Fahrt kommt. T. C. Boyle andererseits denkt sich in seinem Roman Das Licht in die Zeit hinein, als wissenschaftliches Interesse einer ungebremsten Euphorie Platz machte.

    Timothy Leary war dabei eine Schlüsselfigur, und der frühen Karriere des LSD-Propagandisten hat Boyle eine "biographie romancée" gewidmet. Faktenbasiert sind beide Schreiber, no fake news. Boyles atemlose Rekonstruktion jener Trips (in jedem Sinn des Wortes) von Learys Entourage ist ein Zeitfenster – 1962 bis 1964 – in der umfassenderen Arbeit Pollans. Es gibt weitere Überschneidungen, auf die wir noch zurückkommen.

    foto: getty images / atypeek
    Kann man über Erlebnisse unter psychedelischem Einfluss überhaupt berichten? Eigentlich nicht, so Pollans Resümee.

    Bleiben wir zunächst bei Pollan. Seit seiner ersten Veröffentlichung, Second Nature (1991), erkundet der Sachbuchautor und Journalismus-Professor den Austausch zwischen Mensch und Natur. Er schrieb Bestseller über Gärten, Ernährung, Agrobusiness, Kochen und über die evolutionären Erfolge von Pflanzen, unter ihnen Cannabis. Mit den Rausch erzeugenden, Bewusstsein verändernden Eigenschaften mancher Arten beschäftigte er sich nun näher.

    Es gebe sie, schreibt er in seinem neuen Buch, in allen Kulturen mit Ausnahme der Inuit, weil dort "keine psychoaktiven Pflanzen wachsen (zumindest noch nicht)". Ob zur Heilung, aus Gewohnheit oder als spirituelle Praxis, das Verlangen nach ihnen sei universell. Pilze, Kakteen und Artverwandte stillen es.

    Pollan widmet ihnen eine kompakte und spannende Kulturgeschichte, er zitiert Ethnologen, denen zufolge die unscheinbaren Gewächse den Ursprung von Religionen bildeten, er beschreibt, wie das aztekische "Fleisch der Götter", ebenfalls halluzinogene Samen und Pilze, das Interesse der spanischen Konquistadoren und den Zorn der katholischen Kirche erregte – und wie im 20. Jahrhundert ein neues Licht auf sie fiel.

    Der erste Trip

    Denn es waren nicht mehr nur Literaten und Künstler, die ihre Erlebnisse in hermetischen Werken verarbeiteten. Nun suchten Forscher nach Erklärungen, und neugierige Reisende beschrieben ihre Erfahrungen in den Medien. Und manchmal kam der Zufall zu Hilfe, wie etwa 1943 in Basel, als Albert Hofmann, ein Chemiker bei Sandoz, im Selbstversuch eine von ihm synthetisierte Substanz schluckte.

    Das Ergebnis war der erste LSD-Trip, den Hofmann noch dazu auf einem Fahrrad begann, und der Beginn der konfliktreichen Geschichte moderner Psychedelika, d. h. bewusstseinserweiternder Substanzen. (Je nach der Deutung ihrer Wirkung nannte man sie auch Halluzinogene, also Halluzinationen bewirkend, Psychotomimetika, Psychosen nachahmend, oder Entheogene, das Göttliche im Inneren hervorrufend.) Sie ohne Zorn und Eifer darzustellen ist Pollan bewundernswert gelungen.

    Was hinter der Nebelwand von Horrormeldungen kaum mehr bekannt ist: LSD und das (ebenfalls von Hofmann synthetisierte) Psilocybin, beide molekular mit zentralamerikanischen Pilzen verwandt ("magic mushrooms", mit "narrische Schwammerln" nur ungenügend übersetzt), waren in den 1950er- und 1960er-Jahren vielversprechende Mittel in der therapeutischen Forschung.

    Pollan zitiert Erfolge bei Suchtkranken und Depressiven und erstaunliche Fortschritte bei Patienten, deren Therapien jahrelang stagniert hatten. Die klinischen Begleituntersuchungen waren methodisch unausgereift, es gab Probleme, psychotische Anfälle, ungenügende Vorbereitungen, aber verglichen mit den Alternativen gaben die neuen Medikamente – denn das waren sie offiziell – Anlass zu Optimismus unter Forschern etwa in Stanford, Berkeley oder Harvard.

    Doch dann kam Timothy Leary, von Lärm und grellem Glanz umgeben, wie Pollan schreibt. Seine publikumswirksamen Aufforderungen an alle und jeden, Acid einzuwerfen, überschatteten die seriösere Forschung, an der er auch einen Anteil hatte.

    Sie trugen dazu bei, dass Halluzinogene zur Modedroge der Jugendkultur wurden, mit vorhersehbaren Problemen; und dass sie schließlich von der US-Regierung 1970 als "Schedule-One-Substanzen" eingestuft wurden, angeblich süchtig machend und ohne irgendeinen medizinischen Nutzen, wie etwa auch Heroin, und daher strengstens verboten. (Laut Pollan gab ein Regierungsvertreter später zu, dass Nixon mit dieser Maßnahme bloß Hippies, Schwarze und Vietnamkriegsgegner kriminalisieren wollte.)

    Neuronales Netzwerken

    Dann: Große Pause, fast vierzig Jahre lang, ein illegaler Markt, dem nicht zu trauen war, und kaum Forschung bis auf einige "Psychonauten", die im Untergrund weiterarbeiteten. Pollan widmet den Hauptteil seines Buches dem, was seit den späten Nullerjahren geschieht. Er hat eine neue Generation von Wissenschaftern in den USA, Großbritannien und der Schweiz besucht und referiert vielfältige Arbeiten mit Psychedelika.

    Grundlagenforscher fanden Bezüge zwischen deren Wirkungen und dem Akt des Meditierens, sie erforschen in den komplizierten neuronalen Netzwerken die Substrate außerkörperlicher Erfahrungen. In der klinischen Praxis erzählen Patienten im Endstadium, dass ihre Angst vor dem Tod einem Gefühl von Glück gewichen ist; Kettenraucher erlebten in einer Sitzung so viel Überwältigendes, "und es gab (...) so viel, was man tun und sehen konnte, dass der Gedanke, sich umzubringen, dumm erschien".

    Am Rande drängt sich hier die Frage auf, wie es um diese Entwicklungen in Österreich bestellt ist. Klinische Forschung gebe es keine, sagt dazu die Psychiaterin Gabriele Fische; mit LSD sei ihres Wissens zuletzt 1980 gearbeitet worden, da habe es noch Bestände von Sandoz in einem Schrank gegeben.

    Der Psychiater und Drogenexperte Alfred Springer, dem die von Pollan genannten Untersuchungen vertraut sind, gibt zu bedenken, dass Österreich, anders als viele europäische Länder, noch immer nicht die Zusatzkonvention unterzeichnet hat, die bestimmte psychoaktive Stoffe vom Schedule-One-Verbot ausnimmt.

    Dazu komme eine mediale Öffentlichkeit, die Reformansätzen eher feindlich gesinnt ist. Dem kann man hinzufügen, dass eine Regierung, die sich bei Rauchern und Rasern anbiedert, für die Alkoholismus kaum der Rede wert ist, die aber schon bei Cannabis und erst recht bei psychedelischen Substanzen im Verbund mit dem Boulevard härtere Strafen will, kaum zu einer empirisch fundierten Neueinschätzung beitragen wird.

    Wege zur Erkenntnis

    Kann man über Erlebnisse unter psychedelischem Einfluss überhaupt berichten? Eigentlich nicht, das ist das Resümee Pollans. Doch der Weg zu dieser Erkenntnis gehört zum Besten in seinem hervorragenden Buch. Der Pflanzenfreund suchte schon länger den hautnahen Kontakt zu magischen Pilzen und ihren chemischen Verwandten (für die Welle der Gegenkultur in den Sixties war er zu jung – wenn er nach Woodstock gewollt hätte, schreibt er, hätten seine Eltern ihn, den damals Vierzehnjährigen, mit dem Auto hinbringen müssen). Um besser zu verstehen, was er immer wieder hörte, ging er das Wagnis ein, und zwar gleich viermal.

    Er hatte eine Pilze-Sitzung mit seiner Frau; einen LSD-Trip in einer Jurte bei einem in den Wäldern hausenden deutschstämmigen Aussteiger; Psilocybin aus den Händen einer jungen Dame (die sich vor seinen Augen zeitweise in eine uralte mexikanische Schamanin verwandelte); und schließlich, als "Everest der Psychedelika", inhalierte er das Molekül 5-MeO-DMT, das kristallisierte und zerstäubte Sekret einer Drüse der nachtaktiven Sonora-Wüstenkröte – wie man wohl darauf gekommen ist?

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    LSD und Psilocybin waren in den 1950er- und 1960er-Jahren vielversprechende Mittel in der therapeutischen Forschung.

    Pollan zu begleiten, wie er seine Reiseerfahrungen in Worte zu fassen versucht, ist ein intellektuelles wie literarisches Fest. Es wird ihm und dem Leser klar, dass hier Dinge passieren, für die es im gewohnten, westlich aufgeklärten, wenn man will cartesianischen Weltbild keine Sprache gibt. Von Synästhesie, Erleuchtung, Beseeltheit oder Entrückung zu reden gibt offenbar nur einen Schatten von dem wieder, was sich an Pollans Synapsen abspielt, das sagt er selbst.

    Ja, er geht weiter: Sind es wirklich nur seine Synapsen, sozusagen sein persönliches Problem, oder nähert er sich einem Zustand an, in dem Bewusstsein transpersonal wird, in dem er merkt, dass er aus nichts als Energie besteht, genauso wie die Pflanzen in ihm und um ihn herum, die plötzlich nicht weniger lebendig und bewusst sind als er selbst?

    Er zieht Beschreibungen von anderen Reisenden zum Vergleich heran. Aldous Huxley kleidete seine Erfahrungen, nach Pollans Ansicht recht erfolgreich, in Metaphern. Er schrieb von Gottesschau, vom Wunder des bloßen Daseins, von Blumen, die von ihrem eigenen, inneren Licht leuchten. Der belgische Dichter Henri Michaux hingegen verweigerte sich den eingängigen Bildern.

    Er gab zu, keine Macht über seine Worte zu haben, wenn er eine Meskalin-Erfahrung schildern sollte – dementsprechend machte in seinem Werk Misérable Miracle die Sprache immer wirreren Zeichnungen Platz. Pollan kann beide Zugänge nachvollziehen. Für ihn – und das hat er in einem langen Essay für die New York Times im vergangenen Dezember noch einmal betont – sind psychedelische Erfahrungen nur eingeschränkt vermittelbar und letztlich "ineffable" – unbeschreiblich, unaussprechlich.

    Unterwegs mit Leary

    Zur Vorstellung der deutschen Ausgabe kam Michael Pollan nach München. Unser Gespräch berührte unter anderem die Frage, welche Aussichten es für die von ihm sehr hoffnungsvoll dargestellten neuen Erkenntnisse in der Praxis gibt, vor allem angesichts der gegenwärtigen politischen Situation. Die Aussichten seien gut, versicherte er, es gebe Pilotstudien zur Behandlung von Alkoholikern in armen ländlichen Regionen und erstaunliche klinische Ergebnisse in europäischen Ländern (die zum Teil fortschrittlicher agieren als die USA).

    Und was politische Widerstände angehe: "Es gibt eine starke libertäre Strömung unter den Republikanern, die den Krieg gegen die Drogen beendet sehen möchte. Das gilt auch für das Studium von MDMA oder Ecstasy. Da gibt es keine Links-rechts-Trennung, das mindert die Gefahr eines Backlash wie in den Sechzigern."

    T. C. Boyle kam ebenfalls für sein neues Buch nach Deutschland. Im großen Sendesaal von Radio Berlin Brandenburg feierten 1000 Zuhörer mit dem Rockstar der US-Literatur die "Weltpremiere" von Das Licht – das Buch kam auf Deutsch drei Monate vor dem amerikanischen Original heraus. Er enttäuschte denn auch weder die Fans bei der Lesung noch den Leser zu Hause. Boyle nimmt ihn auf eine atemlose Reise mit, eigentlich auf mehrere.

    Im Vorspiel, "Basel 1943", geht es wieder um den berühmt gewordenen "Bicycle Friday", die Fahrt Albert Hofmanns ins Wochenende und in seltsamste innere Welten. Von einer der Spätfolgen handelt der Rest des Buches: die Wandlung Timothy Learys vom Harvard-Professor zum charismatischen Anführer einer Gruppe, die die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten von Psychedelika erkundet.

    Dafür verbringen sie zwei Sommer in Mexiko und, nachdem Leary sowohl von den dortigen Behörden wie von Harvard zur Persona non grata erklärt worden ist, zwei Jahre in Millbrook, auf dem Landgut reicher New Yorker.

    So weit die biografischen Eckpunkte, die sich auch bei Pollan finden. (Beide schreiben von der ernüchternden Begegnung in Millbrook zwischen Learys Leuten und der kalifornischen LSD-Spaßtruppe um den Autor Ken Kesey, den Merry Pranksters. Der Episode widmet auch Tom Wolfe in seinem Acid Test mehrere Seiten, und Leary und sogar Hofmann erwähnen sie in ihren Erinnerungen. East Coast meets West Coast war nicht von Erfolg gekrönt.)

    LSD als Schmieröl

    Boyle stellt die Ereignisse aus der Perspektive eines fiktiven Studenten und seiner Frau dar, die dem Charme Timothy Learys verfallen sind und bis zu ihrer Trennung in der außer Kontrolle geratenden Boheme-Szene hängenbleiben. Ihre Erfahrungen, unter Drogen und anderweitig schildert er als den Weg von Zeitgenossen, die an den Pforten der Wahrnehmung (Huxley) letztlich scheitern.

    Boyle wollte, wie er im Gespräch nach der Buchvorstellung sagt, die Zeit schildern, "in der die Kultur der Beatniks langsam in die Hippie-Szene kippte und wie LSD dabei als Schmieröl diente". Das in seinem Roman nachzuvollziehen ist selbst fast wie ein Rausch, bei aller Treue zum historischen Rahmen von wunderbar dichterischer Freiheit beflügelt.

    Ein Artikel von Michael Pollan im New Yorker vor fünf Jahren, sagt T. C. Boyle, über die Renaissance psychedelischer Forschung war eine der Anregungen zu seinem Werk. Die beiden Bücher ergänzen einander – der Roman erzählt, wie etwas schiefgehen kann, das Sachbuch breitet aus, wie es beim nächsten Mal besser gehen könnte.

    Das nächste Mal ist jetzt. (Michael Freund, Album, 16.2.2019)

    cover: hanser

    T. C. Boyle, "Das Licht". Deutsche Übersetzung von Dirk van Gunsteren. 25,70 Euro / 380 Seiten. Hanser, 2019

    cover: kunstmann verlag

    Michael Pollan, "Verändere dein Bewusstsein". Deutsche Übersetzung von Thomas Gunkel. 26,80 Euro / 496 Seiten. Kunstmann, 2019

    • Ein Artikel von Michael Pollan (unten) im "New Yorker" vor Jahren, sagt T. C. Boyle, war eine Anregung zu seinem Roman.
      foto: jamieson fry

      Ein Artikel von Michael Pollan (unten) im "New Yorker" vor Jahren, sagt T. C. Boyle, war eine Anregung zu seinem Roman.

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      foto: alia malley
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