Straches Gäste und die angebliche Mär vom friedlichen Islam

13. Februar 2019, 21:42
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Der Thinktank des Vizekanzlers lud zur Debatte über islamischen Antisemitismus – und ließ sie von einem selbsternannten "linken Krokodil" moderieren

Wien – Es war schon viel berichtet worden über die Veranstaltung im Wiener Kursalon Hübner am Mittwochabend. Der Titel brisant, die Gästeliste mit umstrittenen politischen Köpfen besetzt. Sollte dennoch irgendjemand im Publikum noch Zweifel daran gehabt haben, dass er eine politische Diskussion besucht, wusste es allerspätestens bei der zweiten Wortmeldung vom Podium: Da wurde das erste Taferl hochgehalten.

Es blieb das einzige, zeigte aber auch den inhaltlichen Angelpunkt der von Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) initiierten Veranstaltung: das Cover von "Islamischer Antisemitismus", einem Buch des Politikwissenschafters Michael Ley. Neben den Inhalten des Buches kritisierte Birol Kilic, Obmann der türkischen Kulturgemeinde in Österreich, nämlich auch den Umschlag des Werks. Dazu später mehr.

Islamismus als "Erfindung der europäischen Gutmenschen"

Der Autor, der es "wichtig" findet, dass die rechtsextremen Identitären "stärker werden", war zur Verteidigung seines Buches auf Einladung Straches selbst anwesend. Und sparte nicht mit Pessimismus. Beim islamischen Antisemitismus handle es sich um ein Thema, das "jahrelang nicht behandelt wurde", weil es der multikulturellen Ideologie widerspreche. Dabei gehe man "in eine antisemitische Gesellschaft hinein, wie in den 20er- und 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts", erklärt der Autor.

Das sei den Linken geschuldet, die glaubten, dass der Antisemitismus aus dem Islam in irgendeiner Form wegzudenken wäre: Der Begriff Islamismus sei "eine Erfindung der europäischen Gutmenschen", und linken Politikern, "die uns erklären wollen, es gibt einen friedlichen Islam". Dafür bekommt man im FPÖ-affinen Publikum ordentlich Applaus.

Kilic widersprach als einziger Vertreter einer islamischen Organisation heftig und warf Ley Stimmungmache, Pauschalisierung und falsche Koran-Zitate vor. "Die Mehrheit der Muslime ist nicht antisemitisch", sondern seien "wehrhafte Demokraten". "Wir alle" müssten gegen Antisemitismus "aufstehen". Leys Buch sei da kontraproduktiv.

Unisex-Klos statt Antisemitismus-Debatte

Zumal am eingangs erwähnten Cover die antisemitische Karikatur eines "Wanderjuden" zu sehen sei, die allerdings aus einer christlichen Tradition heraus stammt. Ley bestritt gar nicht, dass er sein Islambuch mit einer Zeichnung aus dem Christentum bebildert – es habe aber in der islamischen Kultur schlicht keine Abbildung von Menschen gegeben.

Auch ein anderer sieht die Einwanderung aus muslimischen Ländern als den "Treibriemen des Antisemitismus" in Europa: Der deutsche Publizist und Kolumnist Henryk M. Broder, der jüngst in die Schlagzeilen geriet, als er sich von AfD-Co-Chefin Alice Weidel umarmen ließ ("Ich verstehe den Skandal nicht"). Er bedaure zwar sehr, dass Antisemitismus heute hauptsächlich aus dem Islam komme, "aber es ist die Wahrheit".

Leider beschäftige man sich in Mitteleuropa lieber mit genderneutralen Toiletten als mit den wirklich wichtigen Themen: "Wenn man Deutschland überdachen könnte, wär es eine geschlossene Anstalt", sagt Broder, der sich selbst als säkularer Jude bezeichnet.

"Presse"-Chef als "linkes Krokodil"

Wenig richtig machen konnte an diesem Abend "Presse"-Chefredakteur Rainer Nowak, der die Diskussion moderierte und schon im Vorfeld dafür kritisiert wurde. Das gleich zu Beginn ansprechend, kommentierte er mit dem Hinweis, dass er es als wichtigste Fertigkeit eines Journalisten ansehe, sich mit Andersdenkenden auseinanderzusetzen – und dazu in dieser Runde sicherlich die Möglichkeit haben werde: "Ich krieg' das sicher hin, das linke Krokodil zu spielen." Das tat er auch und wurde für allzu kritische Fragen mit "Buh"- und "Nowak raus"-Rufen aus dem Publikum bedacht.

Gastgeber Strache fühlte sich bei der ersten Veranstaltung seines neu gegründeten Thinktanks, pardon: Denkwerks sichtlich wohl – und ging in der Abschlussrunde noch einmal richtig in seiner Rolle als FPÖ-Chef auf: "Ich will nicht, dass wir zu einer Minderheit in der eigenen Heimat werden!", rief er in den gut gefüllten Saal und kündigte an, "Fehlentscheidungen, die durch andere Politiker entstanden sind, zu korrigieren".

"Konkret" fordere er ein Verbot des politischen Islam – auch in so einer Form, "dass Moscheen, die behördlich geschlossen werden, nicht am nächsten Tag wieder offen sind". (Sebastian Fellner, 13.2.2019)

  • Heinz-Christian Strache diskutierte mit seinen Gästen am Mittwochabend.
    foto: apa/hochmuth

    Heinz-Christian Strache diskutierte mit seinen Gästen am Mittwochabend.

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