Wo Lüge und Hass wohnen: "Hate Speech" im Grazer Künstlerhaus

    13. Februar 2019, 18:59
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    Verrohung und Bedrohung der freien Rede im Internet steht im Fokus der Grazer Ausstellung. Es zeigt sich leider auch, wie schwierig der Transfer von Netzkunst in den Realraum ist

    Die Mäuse sind die intelligenteste Lebensform des oft für einen Planeten gehaltenen Supercomputers Erde. In Douglas Adams Science-Fiction-Klassiker Per Anhalter durch die Galaxis schien das sehr plausibel zu sein, galt es schließlich, auf der Erde die Frage nach nichts Geringerem zu finden als jene nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.

    An unsere heimlichen Herrscher hat vermutlich auch der britische Künstler Ryan Gander gedacht, als er seine sprechende Maus entwarf. Vorsichtig lugt das animierte Felltierchen aus seinem Loch hinter der Fußleiste hervor. Wenn man den süßen Nager im sonst völlig leeren White Cube des Grazer Künstlerhaus entdeckt hat, sinkt man gern auf die Knie herab und lauscht staatstragenden Worten. "Wir sollten am Glück des anderen teilhaben und einander nicht verabscheuen. Hass und Verachtung bringen uns niemals näher", sprach Charly Chaplin als vermeintlicher Führer in Der große Diktator. Dem kindlichen Mäuseheld ist dessen Rede an die Menschheit Vorlage für seine, um Schlagworte wie Angst, Zweifel, Skeptizismus aktualisierte Ermahnung.

    foto: collection lin li, china, courtesy gb agency, paris
    Ryan Gander: "2000 year collaboration (The Prophet)", 2018

    Mit Hate Speech haben diese Appelle an menschliche Werte wie Toleranz, Güte und Nächstenliebe also nur ihre völlige Umkehrung gemein. Ein Absinken in den Morast der Hasspostings darf man sich von der Ausstellung trotz des Titels – Hate Speech. Aggression und Intimität - nämlich nicht erwarten. Vielmehr geht es um die freie Rede – Grundausstattung jeder Demokratie -, ihre Verrohung, aber auch Bedrohung. Nur logisch, dass dabei dem World Wide Web, das wie wenig anderes das Kommunikationsverhalten revolutioniert hat, eine besondere Rolle zukommt.

    Instagram, Youtube und Co

    Wenig verwunderlich, dass wir hier auf Namen wie Signe Pierce, Petra Cortright oder die 2016 als "First-Great-Instagram-Artist" gefeierte Amalia Ulman treffen. Wir erinnern uns: Ulman hatte über sechs Monate hinweg knapp 5000 Follower mit "ihrer" Geschichte gefesselt: ein Mädchen aus der Provinz, das in der Großstadt versucht, Model zu werden. Weitere Ingredienzen der 180-Shots-Fotostory: Brustvergrößerung, Sugardaddy, Drogen. Dann offenbarte Ulman: Alles Lüge, alles nur Performance. Im Netz sei schließlich jeder ein Lügner.

    In Graz ist Excellences & Perfections nicht zu sehen, dafür eine Fotoserie, die weniger auf Authentizität und Selbstdarstellung im Netz anspielt als Macht- und Genderverhältnisse am Arbeitsplatz thematisiert. Für erniedrigenden Sexismus fand sie in Dignity ein eindringliches, Red-Carpet-Posen und Porno-Ästhethik vermischendes Bild: Wie ein Celebrity strahlt sie in die Kamera – trotz Spermas im Gesicht.

    Der Schwerpunkt der Schau liegt auf solcher Post-Internet-Art. So wurde das auf das Netz Bezogene, mit Social Media Operierende kurzfristig etikettiert. Wegen der Verwirrung des "Nach-dem-Internet" gab man den Begriff aber für den der "Netzkunst" auf. Wirklich elegant sind solche Labels – Stichwort "Multimediakunst" – generell nicht. Vielleicht spielt Signe Pierce als selbsterklärte "Reality Artist" ganz bewusst mit der Unschärfe solcher Attribute. Ihr Film American Reflexxx ging mit 1,7 Millionen Klicks auf Youtube regelrecht viral.

    Internet-Lolitas

    Die queere Aktivistin, die sich bewusst als "heteronormative femme Person" inszeniert, tänzelte mit Minikleid und Plateau-Highheels aufreizend über eine Südstaaten-Partymeile. Allerdings verdeckte eine verspiegelte Maske ihr Gesicht. Ein soziales Experiment. Mit der Heftigkeit der Reaktion (der ihr folgende Mob wurde immer agressiver!) hatte sie nicht gerechnet. Die über 1,80 Meter große Blondine offenbarte die extreme Phobie gegen Transidenitäten.

    alli coates signe pierce

    Auch Petra Cortright nutzt für ihre Filme Youtube als Kanal. Sie zählt wie Ulman und Pierce zu den Protagonistinnen eines Feminismus 4.0, die im Kampf um Selbstbestimmung ganz bewusst ihren Körper einsetzen. Sie treiben die Lolita-Poserei in rosa Kinderzimmern auf die Spitze, bekämpfen das Image des schwachen Weiblichen quasi in der Überaffirmation.

    foto: signe pierce
    Photoshoppen bis zur unkenntlichen Fratze: Signe Pierce karikiert den Inszenierungswahn auf Social-Media-Kanälen. ("Photoshop", 2017)
    petra cortright

    Arbeiten, die freilich die Ästhetik ihrer Kanäle bedienen und in musealem Ambiente etwas verloren wirken. Umso wichtiger wird das Setting für Monitore und blasse Prints. Und so taucht das Web als symbolisches Netz gleich mehrfach auf: So liegt etwa ein riesiges Camouflagenetz über dem Gebäude. In grelle Farben getaucht, wird Thomas Baumanns Netz kein Werkzeug des Tarnens, sondern der Inszenierung. So wie das Internet. (Anne Katrin Feßler, 14.2.2019)

    Künstlerhaus Graz. Halle für Kunst & Medien, bis 18. 4.

    foto: courtesy die künstlein und kow, berlin
    Candice Breitz lässt im Film "Sweat" (2018) Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen darüber reden, wie sie zu ihrer Arbeit gekommen sind und mit welchen Anfeindungen sie konfrontiert sind. Die Kameraeinstellungen, die auf den Mund fokussieren, stellen eine Intimität her, der man sich nicht entziehen kann.

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