Türkische Regierung startet Kampf gegen Lebensmittelterroristen

14. Februar 2019, 11:00
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In Istanbul und Ankara wurden Ausgabestellen für Billiggemüse eingerichtet, um gegen starke Preissteigerungen vorzugehen

Istanbul – Terrorist zu sein ist ein populärer Vorwurf in der Türkei. Die Definition deckt sich allerdings nicht immer mit EU-Standards. So gilt zum Beispiel die kurdische Arbeiterpartei PKK sowohl in Deutschland als auch in der Türkei als terroristische Organisation. Anders sieht es hingegen schon bei den Anhängern des Predigers Fetullah Gülen aus – die gelten in der Türkei, aber sonst nur in wenigen anderen Ländern als Terroristen. Ebenso verhält es sich mit den "Lebensmittelterroristen". Gemeine Gemüsehändler nämlich beschimpfte der türkische Präsident unlängst als solche.

"Vor einigen Tagen haben sie begonnen, ein Spiel mit der Türkei zu spielen. Die Preise für Melanzani, Tomaten, Kartoffeln und Gurken explodieren. Das ist eine Terrorattacke", sagte er am vergangenen Montag in Ankara. Die Lebensmittelpreise nämlich sind im Jänner um fast 30 Prozent im Vergleich zum Vormonat gestiegen. Auf Jahresbasis haben sich Obst und Gemüse sogar um 60 Prozent verteuert – der höchste Preisanstieg seit 20 Jahren.

Vorgehen wie gegen PKK-Terroristen

Gegen diese Terroristen wolle man nun genauso vorgehen wie gegen PKK-Terroristen, "die sich in Höhlen verstecken", so Erdogan. Tatsächlich ist die Methode der türkischen Regierung etwas banaler. In Ankara und Istanbul haben die Stadtverwaltungen Ausgabestellen eingerichtet, die Gemüse verbilligt an Kunden verkaufen. Allein in Istanbul sollen in den kommenden Wochen 50 solcher Verkaufsstellen eröffnen, in Ankara 15. Zwiebeln, die laut des türkischen Statistikamts 4,9 Lira (umgerechnet 80 Cent) das Kilo kosten, gibt es dort für zwei Lira. Auch Tomaten kosten den halben Preis. Kunden können dort bis zu drei Kilo verschiedener Gemüsesorten kaufen.

Was aber halten die türkischen Gemüsehändler von der staatlichen Konkurrenz? Einer der "Terroristen" heißt Halis Koçak. Der 45-Jährige verkauft seit 25 Jahren Gemüse im Istanbuler Stadtteil Sultan Selim im europäischen Teil der Metropole. "Der Preisanstieg liegt vor allem an der schlechten Ernte dieses Jahr", sagt er. "Mit Manipulationen hat das alles nichts zu tun. Es gibt einfach ein kleineres Angebot, also steigt der Preis." Als Konkurrenz sieht er die staatlichen Verkaufsstellen nicht. "Die Stadtverwaltungen können mit unserer Qualität nicht mithalten. Die verkaufen einfach nur schlechtere Ware zu einem geringeren Preis. Deshalb sehe ich keine negativen Effekte auf unser Geschäft."

Unorthodoxe Methoden

Es ist auch nicht das erste Mal, dass Erdogan und sein Finanzminister Berat Albayrak, der auch sein Schwiegersohn ist, mit unorthodoxen Mitteln gegen die Inflation vorgehen. Im vergangenen Herbst patrouillierten Sondereinheiten der Polizei durch Supermärkte und verwarnten Händler, die den Preis ihrer Produkte um mehr als zehn Prozent angehoben hatten.

Für Ärger sorgte im vergangenen Jahr auch der Zwiebelpreis. Da sich dieser aufgrund eines verregneten Sommers verdreifacht hatte, kontrollierte die Polizei Händler, die in Lagerhäusern das Angebot angeblich künstlich verknappten. Auch in der vergangenen Wochen ging die Polizei gegen vermeintliche Preistreiber vor. Angeblich seien über 80 Verkäufer mit einer Strafe von insgesamt zwei Millionen Lira (rund 336.000 Euro) bestraft worden. Handelsminister Ruhsar Pekcan sagte am Sonntag, man habe Preissteigerungen von bis zu 800 Prozent entdeckt.

Vor allem aber dürfte es Erdogan darum gehen, bei ärmeren Bevölkerungsschichten, die traditionell sein wichtigstes Wählerklientel bilden, weiterhin zu punkten. Denn Ende März finden in der Türkei Kommunalwahlen statt. Die Preissteigerungen wurden durch eine Finanzkrise im Sommer vergangenen Jahres ausgelöst. Da die Lira rapid an Wert verlor, verteuerten sich Importe, was wiederum die Preise anheizte. Die Ursache für die Preissteigerungen bei Lebensmitteln liegt in teuren Düngemitteln und Pestiziden und auch im verregneten Sommer. (Philipp Mattheis aus Istanbul, 14.2.2019)

  • Einer von mehreren Dutzend Verkaufsständen, wo Gemüse in Istanbul und Ankara teilweise um die Hälfte verbilligt abgegeben wird.
    foto: afp

    Einer von mehreren Dutzend Verkaufsständen, wo Gemüse in Istanbul und Ankara teilweise um die Hälfte verbilligt abgegeben wird.

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