"Martin missioniert jetzt für Allah": Salafisten in ORF-Reportage

    14. Februar 2019, 11:56
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    "Am Schauplatz" heftete sich an die Fersen eines ehemaligen Barkeepers aus Wien, der bereits vor zwei Jahren porträtiert wurde

    Ethnische Konflikte im Park, Salafisten, Arbeitslose, Kaiserschnitte und Hausgeburten oder Männer, die Frauen schlagen: ORF-Redakteurin Julia Kovarik hat ein Faible für Themen mit gesellschaftlicher Brisanz. In ihrer neuen "Am Schauplatz"-Reportage, Donnerstag um 21.05 Uhr in ORF 2, war es wieder so weit: Die Journalistin zeigte in "Martin missioniert jetzt für Allah", wie es mit dem Wiener Barkeeper Martin W. weitergegangen ist. Der 41-jährige Wiener konvertierte bereits vor einigen Jahren zum Islam, um den Koran wortwörtlich zu nehmen. Sein Vorbild ist die Scharia, sein Ziel das Paradies. Gewalt lehnt er ab, sagt er.

    Der "wahre Islam"

    Beschränkte sich Martins Wirken in Kovariks erster ORF-Reportage, die im Sommer 2017 ausgestrahlt wurde, auf die private Sphäre, so hat er jetzt beschlossen, auf die Straße zu gehen, um andere zu bekehren. "Das war Grund genug für mich, einen zweiten Teil zu machen. Schließlich geht es jetzt nicht mehr darum, was er zu Hause im stillen Kämmerchen macht, sondern um Aktivitäten, die auch unsere Zuseher potenziell betreffen", sagt Kovarik zum STANDARD. "Martin ist überzeugt von den Ideen des Salafismus. Er selbst lehnt die Bezeichnung Salafismus ab, er ist der Meinung, dass er dem einzig wahren, ursprünglichen Islam anhängt. Denn im wahren Islam gebe es keine Strömungen."

    Martin möchte so leben wie die ersten Gefährten des Propheten Mohammed vor 1.400 Jahren. Erst kürzlich hat er sich einer Missionierungsbewegung angeschlossen, die sich Iman nennt. "Iman möchte Menschen auf der Straße zum Islam bekehren. In ihrem Narrativ kommt jeder, der nicht als Muslim stirbt, in die Hölle", erklärt Kovarik. Als Generalsekretär fungiert ein ehemaliger Jungfunktionär der Wiener SPÖ: Amir El-Shamy. "Egal wie ein Mensch lebt, egal wie viele gute Taten er vollbringt, wenn er nicht zum Islam konvertiert, ist diese Person ausgeschlossen für das Paradies und wird für ewig ohne Zuflucht sein", sagt El-Shamy.

    Frauen nicht mehr die Hand geschüttelt

    Der 28-Jährige war sieben Jahre lang bei der SPÖ engagiert, er hatte für den Gemeinderat kandidiert. Zum Bruch mit der Partei kam es mit dem Burkaverbot Ende 2016. "Die SPÖ hat sich von ihm getrennt, nachdem seine salafistische Weltanschauung immer offensichtlicher wurde und er zum Beispiel Frauen nicht mehr die Hand geschüttelt hat", erzählt Kovarik. Für die Missionierung habe Iman eine eigene Methode entwickelt, entlehnt von englischen Salafisten: "Im Grunde ist es ein Gesprächsleitfaden, bei dem Argumente für den Islam in einer bestimmen Reihenfolge vorgetragen werden. Ziel ist es, dass die Menschen noch direkt auf der Straße konvertieren."

    Die ORF-Journalistin lässt in ihrer Reportage auch Experten zu Wort kommen, um den Fanatismus ihrer Protagonisten einzuordnen. Iman wird aber nicht nur von Experten kritisch gesehen, sondern vom Verfassungsschutz genau beobachtet. Die Verfassungsschützer sprechen von "salafistischer Aktivität" und politischem Islam. Nimmt man den Koran wörtlich, sind Staat und Religion untrennbar verbunden. Was zwar ein Widerspruch zur Verfassung ist, aber noch kein Grund zum Einschreiten, denn: Der Verein macht zum jetzigen Zeitpunkt nichts Verbotenes, sagt Peter Gridling, Leiter des Verfassungsschutzes. Aus ähnlichen Organisationen, etwa der Koranverteilaktion "Lies", seien aber IS-Sympathisanten hervorgegangen. "Wenn göttliches über weltliches Recht gestellt wird, ist das mit unserer Verfassung nicht vereinbar", so Gridling.

    "Nichtberichten ist sicher nicht die Lösung"

    Nach dem ersten Teil der Reportage, "Martin betet jetzt zu Allah", war das Feedback enorm, resümiert Kovarik. Die FPÖ erstattete sogar Anzeige gegen Martin wegen Verhetzung. Ein ähnliches Echo könnte es auch nach der Ausstrahlung der Fortsetzung geben. Dass sie mit ihrer Sendung Salafisten eine prominente Bühne gibt, ist auch für Kovarik eine Gratwanderung, aber: Es müsse möglich sein, über jedes Thema zu berichten. "Bei der Sozialreportage landet man immer wieder in der Situation, dass man einerseits auf relevante gesellschaftliche Entwicklungen aufmerksam machen muss und andererseits fragwürdigen Positionen eine Bühne gibt." Ihr Credo lautet: "Nichtberichten ist sicher nicht die Lösung. Allerdings ist die Einordnung dabei sehr wichtig. Das ist unsere Aufgabe als Journalistinnen und Journalisten." (Oliver Mark, 14.2.2019)

    • Der gebürtige Wiener Martin (rechts) beim Beten mit einem Freund. Julia Kovarik fragt in ihrer neuen "Am Schauplatz"-Reportage, was aus dem ehemaligen Barkeeper wurde. Sie begleitete ihn bereits 2017.
      foto: orf

      Der gebürtige Wiener Martin (rechts) beim Beten mit einem Freund. Julia Kovarik fragt in ihrer neuen "Am Schauplatz"-Reportage, was aus dem ehemaligen Barkeeper wurde. Sie begleitete ihn bereits 2017.

    • Amir El-Shamy (links) und Martin. Er besucht bei dem Verein Iman ein Trainingsprogramm, das ein halbes Jahr dauert, erzählt er in der Reportage. Dort lerne er, wie man auf der Straße missioniert.
      foto: orf

      Amir El-Shamy (links) und Martin. Er besucht bei dem Verein Iman ein Trainingsprogramm, das ein halbes Jahr dauert, erzählt er in der Reportage. Dort lerne er, wie man auf der Straße missioniert.

    • ORF-Redakteurin Julia Kovarik.
      foto: privat

      ORF-Redakteurin Julia Kovarik.

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