Nachhaltige Shopping-Tipps von Nunu Kaller: "Geht nicht auf die Mahü!"

    Interview21. März 2019, 06:00
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    Die Konsumentensprecherin von Greenpeace und Buchautorin über die wichtigsten Textilsiegel und Biobaumwolle zu Diskonterpreisen

    STANDARD: Wo kann ich noch ohne schlechtes Gewissen Mode kaufen?

    Kaller: In Wien und Österreich gibt es viele engagierte Designer und Händler, die Alternativen anbieten. In Wien rate ich: Geht nicht auf die Mahü!, schaut vorbei in Seitengassen wie die Neubaugasse, die Kirchengasse, die Lindengasse oder die Theobaldgasse. Auf der Homepage von Greenpeace gibt es einen Fashion-Guide, in dem für Österreich viele Adressen aufgelistet sind.

    STANDARD: Ist denn Vintage-Mode eine Alternative?

    Kaller: In meinen Augen ja. Das ökologischste Kleidungsstück ist das, das nicht produziert werden muss. Je länger man ein Kleidungsstück am Leben erhält, desto später muss ein neues produziert werden. Die Verlängerung der Lebensdauer von Kleidungsstücken ist ein gutes Gegenstatement zu Fast Fashion.

    STANDARD: Worauf sollte ich beim Onlineshopping achten? Ist es wirklich sinnvoll, nachhaltige Mode vom anderen Ende der Welt zu bestellen?

    Kaller: Es kommt darauf an, was einem am wichtigsten ist. Wenn es mir vor allem darauf ankommt, dass für die Produktion keine Menschen leiden mussten oder nicht unter dem Existenzminimum bezahlt werden, dann ist es das natürlich eine persönliche Entscheidung, so etwas zu bestellen. Aus ökologischer Sicht hingegen ist das wegen der Transportthematik eine problematische Geschichte. Ich halte es nicht für allzu schlau, superfaire Mode aus den USA zu bestellen und den Klimaaspekt außen vor zu lassen.

    STANDARD: Was wären denn verträgliche Alternativen?

    Kaller: Es gibt zum Beispiel das Modeportal Lieblingsbrand, wo österreichische Modelabel ihre Produkte verkaufen. Sehr viele österreichische Designer haben auch eigene Webshops. Daneben empfehle ich Onlineplattformen für Secondhandware, etwa Kleiderkreisel. Dort kann man die Suchkriterien einschränken und zum Beispiel nach einem "grünen Parka" "in Wien" suchen und ihn dann selbst abholen. Beim Kleiderkreisel bekommt man nicht unbedingt fair produzierte Dinge, aber der Aspekt der Lebenszeitverlängerung wird erfüllt, und man pumpt kein neues Geld in die Fast-Fashion-Hersteller.

    STANDARD: Stichwort Biobaumwolle zu Diskonterpreisen: Sind "Bio"-Linien bei Moderetailern grundsätzlich abzulehnen?

    Kaller: Diese Linien sind ein zweischneidiges Schwert. Im Lebensmittelbereich ist "Bio" ein geschützter Begriff: Wo Bio draufsteht, muss Bio drin sein. Das gilt aber nicht für die Baumwolle. Deshalb wird weitaus mehr Biobaumwolle verkauft als produziert. Allerdings können es sich die großen Hersteller längst nicht mehr leisten, einfach nur Bio irgendwo draufzuschreiben. Sie müssen auf Zertifikate zurückgreifen. Ein Unternehmen wie C&A beispielsweise gehört zu den größten Abnehmern von Biobaumwolle und treibt den Biobaumwollmarkt weltweit. Es gibt Leute, die sich damit zufriedengeben, mir persönlich reicht das nicht: Letztendlich wird einer Näherin in Bangladesch nur ein anderer Stoffballen vor die Nase gestellt. Ich zweifle das gesamte Geschäftsmodell dieser Retailer an. Deren Kerngeschäft besteht darin, möglichst viel Kleidung möglichst günstig und möglichst schnell drehend unter die Leute zu bekommen. Die Konsumenten sollen möglichst schnell wieder Bock haben, sich etwas Neues zu kaufen. Ich bin der Meinung: Wenn gerade einmal zwei Prozent des gesamten Kollektionsanteils bio sind, macht das das Kraut nicht fett.

    STANDARD: Welche Textilsiegel muss ich kennen, um den Überblick bewahren zu können?

    Kaller: Es gibt einen Dschungel an Textilsiegeln. Das hat damit zu tun, dass in der globalen Produktion die gesamte Lieferkette mittlerweile so intransparent ist, dass man keine durchgehende Zertifizierung mehr hinbekommt. Es gibt Siegel, die mehr den sozialen Aspekt, und solche, die mehr den ökologischen bewerten. Wir empfehlen das GOTS-Siegel, das recht strenge ökologische und teilweise soziale Kriterien umfasst. Dann gibt es IVN Best, dieses Siegel ist bei uns noch nicht weit verbreitet. Öko-Tex hat außerdem einen neuen Standard entwickelt, der Detox to Zero heißt und der auf Basis unserer Detox-Kampagne entstanden ist: Da geht es um die Entgiftung der Lieferkette, also um das Verbot des Einsatzes umweltgefährlicher Chemikalien. Hinsichtlich sozialer Kriterien gibt die Fair-Wear-Foundation regelmäßig einen Überblick. Auf unserer Website gibt es außerdem einen textilen Gütezeichen-Guide ("Textilsiegel unter der Detox-Lupe"), der aus ökologischer Perspektive einen guten Überblick gibt.

    STANDARD: Kann ich ein mit dem Label "made in Bangladesch" versehenes T-Shirt ohne schlechtes Gewissen kaufen?

    Kaller: Ich rate, sich nicht auf das Produktionsland, das im T-Shirt angegeben ist, zu verlassen. Die Made-in-Regelung ist sehr schwammig. Offiziell gilt die letzte Naht beziehungsweise der letzte Arbeitsschritt am Produkt. Ein T-Shirt kann komplett in China oder Bangladesch produziert sein. Wird es dann zum Waschen oder zum Annähen eines Knopfes nach Italien geschickt, darf ein "made in EU" draufstehen. Auf diese Herkunftsbezeichnung ist schlicht und einfach kein Verlass. "Made in Bangladesh" ist schwierig. Es gibt Bewegungen und Organisationen, die sagen, es gehe nun darum, die Verhältnisse vor Ort zu verbessern. Diese Arbeit steht aber noch am Anfang. Was hinter "made in Bangladesh" steht, ist in den allermeisten Fällen keine versuchte verbesserte Situation, sondern genau das, was von vielen Organisationen angeprangert wird: gefährliche Arbeitsplätze und eine Bezahlung der Textilarbeiter unter dem Existenzminimum. Ich warne davor, sich beim Label "Made in Europe" in Sicherheit zu wiegen: In der Slowakei, in Bulgarien, in Rumänien herrschen schwierige Zustände, in Rumänien beispielsweise ist der Mindestlohn geringer als in China.

    STANDARD: Marie Kondo empfiehlt, den Kasten auszumisten. Was mache ich im besten Fall mit den ganzen Sachen?

    Kaller: Man kann Kleidung spenden, in Altkleidercontainer geben, gut erhaltene Stücke direkt in Secondhandläden abgeben, nur bitte nicht einfach so wegwerfen. Derzeit steht allerdings das ganze Altkleidersystem dank des Marie-Kondo-Trends kurz vor dem Kollaps. Dabei halte ich viel davon, sich zu fragen, was man wirklich braucht – diesen Teil von Marie Kondos Konzept finde ich gut.

    STANDARD: Welche nachhaltig arbeitenden Modelabels aus Österreich empfehlen Sie?

    Kaller: Toll finde ich das Label Anzüglich, das mit gehörlosen Näherinnen in Peru arbeitet. Maronski produziert fair im europäischen Ausland, Upcycling-Labels wie km/a, Milch oder Steinwidder arbeiten Bestandsware ab. Und zum Glück gibt es auch in Österreich immer mehr faire Concept-Stores.

    STANDARD: Wie bewahre ich mir bei all den Dingen, die man falsch machen kann, die Freude an der Mode?

    Kaller: Man kann sich vor Augen führen: Ich kann auch jede Menge richtig machen! Ich konsumiere seit sieben Jahren kein Fast Fashion und fühle mich nicht schlecht angezogen. Ich bin weitestgehend vom Neukauf weggekommen. Was mich im Moment am meisten motiviert, ist das Tauschen von Kleidungsstücken unter Freunden und Secondhandware. Wir haben alle Kleidungsstücke im Kasten, die nicht getragen werden. Vielleicht findet die jemand anders toll. Jeder aber hat einen anderen Schlüssel und Zugang zu dem Thema. Es gibt jedenfalls viel zu entdecken. Das ist allemal spannender, als sich auf das zu verlassen, was bei den Fast-Fashion-Retailern im Regal liegt. (Anne Feldkamp, 21.3.2019)

    • Nunu Kaller ist Konsumentensprecherin bei Greenpeace. Sie hat 2013 das Buch "Ich kauf nix" herausgegeben.
      foto: greenpeace/ mitja kobal

      Nunu Kaller ist Konsumentensprecherin bei Greenpeace. Sie hat 2013 das Buch "Ich kauf nix" herausgegeben.

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