Vom Respekt vor Sozialdiensten können sich die Beschäftigten noch nicht ernähren

Kommentar12. Februar 2019, 06:00
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Eine angemessene Entlohnung würde künftige Personalknappheit verhindern helfen

Nun wird es in der Sozialwirtschaft ernst. Ab heute, Dienstag, machen Pflegerinnen, Kinderbetreuerinnen und andere Berufsgruppen des Sektors mobil, um für mehr Gehalt und bessere Rahmenbedingungen zu kämpfen. In der Pflege dürfte so manche Tagesbetreuung, in den Heimen das ein oder andere Essen ausfallen. Ja dürfen die gut 100.000 Bediensteten Verbesserungen auf dem Rücken der abhängigen Menschen fordern? Sie dürfen. Alles andere käme einer Entrechtung gleich. Die Gewerkschaft hat überdies versichert, dass die Beeinträchtigung von Patienten und Klienten gering gehalten werden soll.

Dass sich die Öffentlichkeit stärker den Problemen des privaten Gesundheits- und Sozialbereichs widmet, dafür gibt es ausreichend Anlass. Hier hat sich der Staat seiner Aufgaben elegant entledigt und verlässt sich auf karitative und andere Organisationen, die Lücken in der öffentlichen Versorgung mit großem Engagement füllen.

Vor allem Betroffene wissen die Dienste von Volkshilfe, Hilfswerk und Co zu schätzen. Die Betreuung von Alten, Behinderten und Kranken wäre ohne den Einsatz dieser Menschen kaum zu stemmen. Psychische und oft auch physische Belastung der Tätigkeiten sind enorm, die Ermüdung entsprechend groß. Vom großen Respekt vor den Sozialdiensten allein können sich die Beschäftigten aber nicht ernähren. Von einer angemessenen Bezahlung und attraktiven Rahmenbedingungen sind sie weit entfernt: Die Politik hält die privaten Sozialorganisationen an der kurzen Leine, die wiederum haben folglich bei den Löhnen keinen Spielraum. Das zeigt sich beispielsweise an den Anpassungen der letzten zehn Jahre, die deutlich unter denen der Industrie lagen.

Eine angemessene Entlohnung würde nicht nur den Respekt vor den Mitarbeitern der Sozialwirtschaft unterstreichen, sondern auch künftige Engpässe verhindern helfen. In Pflegeheimen oder bei mobilen Diensten zeichnet sich jetzt schon Personalknappheit ab. Angesichts der demografischen Entwicklung und ihrer Folgen sollte rasch reagiert werden – am besten in Form eines umfassenden Konzepts, das den gesamten Gesundheitssektor umfasst. Er verschlingt im internationalen Vergleich viel Geld, das nicht richtig eingesetzt ist. Ein effizienteres System, beispielsweise in Form einer Reduktion der Spitalaufenthalte, könnte Mittel für die Bediensteten freispielen – und so zur Aufrechterhaltung des Betriebs beitragen. (Andreas Schnauder, 11.2.2019)

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    foto: apa/helmut fohringer
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