Fairtrade und Co helfen wohl doch nicht so, wie wir es gerne hätten. Und jetzt?

    17. Februar 2019, 13:47
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    Mit jedem Einkauf die Welt ein kleines Stück besser machen: Das scheint schwieriger zu sein, als uns weisgemacht wird

    Die Arbeiter in Äthiopien, die meinen Kaffee ernten, die Bauern in Peru, die meine Bananen anbauen: Ihr Lohn ist nicht allzu hoch, und die Arbeitsbedingungen sind wohl auch nicht rosig. Darum kaufe ich seit vielen Jahren Kaffee und Bananen mit dem Fairtade-Siegel. Ich zahle ein bisschen mehr, dafür geht es ihnen besser. Aber wie viel wissen wir eigentlich darüber, wie sehr das wirklich hilft?

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    Bislang war es ziemlich schwierig, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Es gibt hunderte Studien, die sich zum Teil widersprechen. Nun hat aber Carlos Oya von der School of Oriental and African Studies an der University of London mit Kollegen eine Arbeit verfasst, die Orientierung im Dickicht der Untersuchungen liefert.

    foto: fairtrade
    Was bringt Fairtrade wirklich?

    Oya hat mit Kollegen hunderte zwischen 1990 und 2016 veröffentliche Studien analysiert, nach Qualität aussortiert und sie dann systematisch untersucht. Sein Ergebnis ist ernüchternd. Die positiven Effekte von Fairtrade und Co auf das Leben der Menschen sind minimal bis inexistent. Wie kann das sein?

    Fangen wir von vorne an, damit, wie das System überhaupt funktioniert. Das ist je nach Zertifikat unterschiedlich, Fairtrade ist aber ein gutes Beispiel, weil es am bekanntesten ist und dazu auch die meisten guten Studien vorliegen. Schauen wir uns den Prozess für Kaffee an.

    Fairtrade garantiert Bauern einen Mindestpreis für ihren Kaffee. Wenn die Preise am Weltmarkt also sehr niedrig sind, bekommen sie mehr als anderswo. Das gibt Sicherheit. Unabhängig davon gibt es immer einen kleinen Aufschlag auf den Preis, außerdem Schulungen für die Bauern.

    Im Gegenzug verpflichten sich Bauern zur Einhaltung gewisser Standards, manche Pestizide dürfen etwa nicht verwendet werden. Der Anbau soll umweltschonend passieren, und man muss sich kontrollieren lassen. Dafür und für die Marke sind Gebühren fällig, für eine Kooperative mit bis zu 50 Bauern im Jahr circa 1.200 Euro, im ersten Jahr 2.000 Euro.

    foto: fairtrade
    Ein Fairtrade-Baumwollfeld in Nicaragua.

    Die bisherige Forschung deutet laut Oya darauf hin, dass die Produzenten zwar schon mehr einnehmen als mit normalem Kaffee, aber am Monatsende unter dem Strich nicht mehr Geld haben. Das könnte daran liegen, dass durch die höheren Standards der Ertrag niedriger sei, man also zwar mehr bekomme, aber dafür weniger verkaufe. Arbeiter auf bäuerlichen Betrieben, die mit Fairtrade zertifiziert sind, dürften, wenn, dann sogar schlechter verdienen als auf anderen. "Das ist nicht reglementiert."

    Fairtrade arbeitet außerdem nicht mit einzelnen Bauern, sondern mit Kooperativen. Die bekommen die Prämien. Auf dem Papier müssen sie demokratisch organisiert sein, "aber in der Realität ist das fraglich". So könne das Geld für Lagerhäuser, Schulen, aber auch für Partys oder was auch immer ausgegeben werden. Oya sagt, es gebe kaum Forschung dazu, was damit passiert. "Es gibt immer auch eine dominante kleine Elite in diesen Gruppen."

    Oya sagt, es ist gut möglich, dass normale Marken wie zum Beispiel Illy für die Bauern und Arbeiter besser sind. "Illy sagt von sich, sie achten extrem auf die Qualität ihres Kaffees. Bei Fairtrade geht es nicht um Qualität. Bessere Marken investieren in spezielle Bohnen, pro Kilo bekommt der Bauer viel mehr als bei einer Fairtrade-Kooperative." Wie kauft Oya seinen Kaffee? "Ich gehe nach Qualität", sagt er, "nicht nach Zertifikaten."

    Ich bin kein Feinschmecker, kaufe bisher Fairtrade-Kaffee für sechs Euro für das halbe Kilo. Was soll ich tun? "Das ist schon okay", sagt Oya, "aber gehen Sie nicht automatisch davon aus, dass der andere Kaffee schlechter produziert wird. Wenn Sie sich besser fühlen und den Ethos von Fairtrade gut finden, dann kaufen Sie es. Wenn ich mehr Geld für etwas ausgebe, würde ich aber anfangen, Fragen zu stellen."

    foto: ap / manu fernandez
    Zara könnte das Leben von Millionen verbessern.

    Ist ethisches Einkaufen dann sinnlos? "Nein", sagt Oya, "denken Sie an den Textilsektor. Bewusstere Konsumenten setzen die großen Marken unter Druck. Wenn Zara dazu gedrängt wird, Arbeitsrechte ernst zu nehmen, kann das Millionen Menschen helfen. Dazu braucht es konzertierte Aktionen von Regierungen und Gewerkschaften."

    So etwas sei auch in der Landwirtschaft notwendig. "Die französische Regierung setzt sich zum Beispiel für bessere Standards in globalen Lieferketten ein. Da helfen auch laute Konsumenten! Aber Fairtrade und andere Zertifikate sind dafür im Moment nicht besonders effektiv." Marken wie Fairtrade müssten jedenfalls sorgfältiger mit ihren Versprechen umgehen, sagt Oya. "Demut ist angebracht."

    Fairtrade hat auf die Arbeit von Oya sehr allgemein reagiert und sie zur Kenntnis genommen. (Edit: Die Reaktion von Fairtrade auf diesen Artikel gibt es hier.)

    foto: fairtrade
    Ein Kaffeestrauch vor der Ernte.

    Und jetzt?

    Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Je mehr ich mich mit diesen Themen beschäftige, desto weniger Last will ich uns als Konsumenten aufhalsen. Ja, es ist wichtig, sich Gedanken zu machen, aber die globale Ökonomie ist komplex, vernetzt, wandelt sich schnell, hier "richtig" zu entscheiden ist extrem viel verlangt bis unmöglich.

    Zu einer ähnlichen Erkenntnis bin ich auch bei meiner Recherche über das "richtige" Kaufen von Kleidung gekommen (lesen Sie hier alle Teile, eins, zwei, drei, vier).

    Fairtrade ist sicher nicht das beste Mittel zur Bekämpfung von Armut. Wenn es aber Standards für ökologischeren Anbau gibt, finde ich das gut. Wenn ich Fairtrade-Kaffee kaufe, setze ich ein Signal. Andere Anbieter sehen die steigenden Absatzzahlen und merken, dass den Menschen nicht egal ist, wie und wo produziert wird.

    Das könnte ich aber auch mit einer E-Mail oder einem Tweet an ein Unternehmen oder an eine Politikerin erreichen, die zum Thema arbeitet. Der Ökonom Bruce Wydick kritisiert an Fairtrade, dass es Konsumenten ablenke. Wenn jemand wirklich nichts spendet, weil er oder sie fairen Kaffee kauft, ist es wohl klüger, lieber zu spenden. Da gibt es nämlich wissenschaftlich gut evaluierte Programme, die nachweislich funktionieren (Hier mein Beitrag dazu).

    Es ist sicher kein Fehler, sich damit zu beschäftigen, was man einkauft und warum. Meine Geldbörse ist aber wohl weniger mächtig, als ich dachte.

    Wenn Sie sich für ethischen Konsum interessieren, melden Sie sich für den Newsletter oben an. Ich melde mich, wenn neue Beiträge aus der Reihe erscheinen. (Andreas Sator, 17.2.2019)

    Fairtrade hat auf diesen Artikel reagiert. Lesen Sie die Stellungnahme hier nach.

    Quellen für obigen Artikel:

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