David Schalkos "M": Das ABC von A wie Angst bis W wie Wir

    17. Februar 2019, 09:00
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    Welches Stück der Mörder pfeift, wie sein drittes Opfer heißt, warum der Innenminister nackt posiert: Das Wissenslexikon zum Serienstart am Sonntag

    Angst Nennt der Duden einen "mit Beklemmung, Bedrückung, Erregung einhergehenden Gefühlszustand". Ist in Großstädten im öffentlichen Raum und unter Frauen meist größer. Laut Kriminalstatistik haben Frauen hingegen in der Öffentlichkeit weniger zu befürchten als Männer. Die Rechtssoziologie spricht von Kriminalitätsfurchtparadox – tragende Voraussetzung für die Wirkung von M, dem Film von Fritz Lang aus dem Jahr 1931, ebenso wie von M, der sechsteiligen Serie von Evi Romen und David Schalko von 2019 – im ORF am Sonntag, Mittwoch und Freitag in Doppelfolgen.

    Beckert, Hans Name des Kindermörders aus M, dem Film von Fritz Lang und Vorlage von M, der Serie. 1931 spielte ihn Peter Lorre. 2019 stehen alle unter Generalverdacht: Christian Dolezal, Verena Altenberger, Gerhard Liebmann, Dominik Maringer, Johanna Orsini-Rosenberg, Lars Eidinger, Sophie Rois, Murathan Muslu, Julia Stemberger, Bela B Felsenheimer, Moritz Bleibtreu, Udo Kier, Gabriel Barylli, Juergen Maurer und Brigitte Hobmeier.

    klassikfilm

    Beckmann, Elsie Drittes Opfer des Kindermörders M. Inge Landgut spielte Elsie im Film. Schauspielerin und Synchronstimme von Olivia de Havilland. David Schalkos Elsie heißt Amanda Amry. Die Mutter ruft, der Platz am Esstisch bleibt leer. Kein Blut fließt. Kunststück.

    Deutung Ob M (1931) als Kritik an den Nazis zu lesen ist oder als Plädoyer für die Todesstrafe? Das Publikum sah beides. Bis heute gilt M als Vision vom Ende der Weimarer Republik und vom aufkommenden Nationalsozialismus. Goebbels sah es anders, Tagebucheintrag: "Fabelhaft! Gegen Humanitätsduselei. Für die Todesstrafe!"

    foto: orf/superfilm/ingo pertramer

    Dreh Der Film M entstand fast vollständig in Kulissen in Berlin, die im alten Zeppelinhangar am Rande von Berlin errichtet worden waren, wo >> Fritz Lang zuvor schon Teile von Metropolis gedreht hatte. Die Serie wurde hauptsächlich in Wien gedreht, zum Beispiel in der Wirtschaftsuniversität.

    Harbou, Thea von Schrieb das Drehbuch von "M", gleichzeitig der letzte gemeinsame Film mit ihrem Ehemann, dem Regisseur >> Fritz Lang. Harbou sympathisierte mit den Nazis und wurde 1940 Mitglied der NSDAP. Lang beendete seine persönliche und berufliche Beziehung noch vor Fertigstellung des nächsten Films "Das Testament des Dr. Mabuse" (1933).

    Kuerten, Peter Serienmörder, der als "Vampir von Düsseldorf" bekannt wurde und ins Spiel gebracht wird, wenn es um Fritz Langs "M" geht. Lang selbst bestritt die Inspiration, studierte den Fall aber mit seiner Frau >> Thea von Harbou gründlich. Kuerten wurde im Juli 1931 wegen Mordes an neun Frauen und Kinder zum Tode verurteilt. Seine Taten lösten in der Stadt eine regelrechte Hysterie aus. Den Spitznamen bekam Kuerten nach seiner Ergreifung, weil er angeblich vom Blut seiner Opfer trank.

    Kosten 6,2 Millionen Euro hat "M", die Serie, gekostet und ist bis dato die teuerste Serie aus dem Produktionshaus Superfilm. ORF und TV NOW (RTL-Gruppe) finanzierten mit.

    Lang, Friedrich Christian Anton Kurz: Fritz Lang wurde 1890 in Wien geboren, starb 1976 in den USA. Erkennungsmerkmal war die Augenklappe wegen eines Augenleidens. Schrieb Filmgeschichte mit Metropolis. M ist sein erster Tonfilm

    Licht Dient in "M" vor allem, um Schatten zu erzeugen.

    foto: orf/superfilm/ingo pertramer

    Lorre, Peter Den Triebtäter >> Hans Beckert spielt Lorre im Alter von 27 Jahren als verkorksten Psychopathen. Wollte die Rolle anfangs unbedingt, im Nachhinein verfluchte er sie als zu prägend. Floh 1933 vor den Nazis, zunächst nach Wien, dann in die USA. Legendäre Worte zum Abschied: "Für zwei Mörder wie Hitler und mich ist in Deutschland kein Platz." Machte in Hollywood Karriere in Filmen wie "Casablanca" und "The Maltese Falcon". "M" wurde 1934 von den Nazis verboten, erst 1966 wurde das Verbot aufgehoben. Lorre blieb auch im Exil politisch aktiv, zum Beispiel in dem 1944 gegründeten Council for a Democratic Germany – gemeinsam mit Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann.

    Medien 05 heißt der nicht näher definierte TV-Sender, der mit reißerischem Boulevard für zusätzliche Hetze sorgt. Neben >> Politik das niederträchtigste System im Gesellschaftsgefüge von M.

    superfilmwien

    Peer Gynt Zunächst romantisches Gedicht, dann Bühnenstück, geschrieben 1867 von Henrik Ibsen nach Märchen von Peter Christen Asbjørnsen. Die Musik dazu stammt von Edvard Grieg, als Orchesterstück hatte Peer Gynt 1876 in Oslo Uraufführung. Wird gerne als "nordischer Faust" bezeichnet. Wie bei Goethe lernt auch Peer Gynt seine Lektion. Mit dem Stück In der Halle des Bergkönigs aus der Peer- Gynt-Suite Nr. 1, Op. 46, kündigt sich in M der Mörder an.

    Pfeifen Das markante Pfeifen von Peer Gynts Melodei in M, dem Film, stammt von Fritz Lang selbst. Peter Lorre war nicht gut in dieser Technik. In der Serie wurde nach STANDARD-Infos abwechselnd gepfiffen.

    foto: orf/superfilm/ingo pertramer

    Politik Sollte die Verhältnisse im Sinne der demokratischen Ordnung wiederherstellen. Von einem Innenminister, der in M, der Serie, in seinem Büro nackt vor dem Spiegel posiert, ist diesbezüglich eher wenig zu erwarten.

    Polizei Hat in Film und Serie generell wenig zu lachen. 1931 nicht, und auch nicht 2019.

    Schmerzen Langs Perfektionismus erlebten Schauspieler mitunter hautnah und am eigenen Leib. Die Grausamkeit des Regisseurs den Schauspielern gegenüber war weithin bekannt. Peter Lorre musste angeblich ein dutzendmal die Treppe hinunterfallen, bis es Lang passte.

    Ton Fritz Langs erster Tonfilm wurde zu zwei drittel mit Ton gedreht, ein Drittel mit Stummfilmtechnik. Lizenzen für Tonfilme waren unerschwinglich, weshalb das ein Mittel war, um die Kosten im Rahmen zu halten.

    Unterwelt Nimmt die Sache in die Hand, was letztlich zur entscheidenden Wende führt. Sophie Rois reitet das Verbrecherheer als sehr wilde Kriminelle bis zum bitteren Erfolg.

    Wir? Wir müssen eben noch besser auf unsere Kinder acht geben. So endet "M", der Film. "M", die Serie? Wird man sehen. (Doris Priesching, 17.2.2019)

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