40 Jahre Revolution: Widersprüche im Iran sind größer denn je

    11. Februar 2019, 06:00
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    1979 kollabierte die Monarchie und wurde von der Islamischen Republik abgelöst

    Wo steht der Iran vierzig Jahre nach der Revolution, worauf kann man noch stolz sein? Die Wirtschaft stagniert, von der Begeisterung der Massen ist kaum etwas übrig geblieben, Korruption und Fehlinvestitionen führen jeden Tag zu noch mehr Demonstrationen und Streiks." Die ernüchternde Bilanz stammt von Mohsen Safaie Farahani, früher Fußballverbandschef und Mitglied der verbotenen Mosharekat-Partei, der nach der Protestwelle – Grüne Bewegung genannt – vor zehn Jahren verhaftet wurde und monatelang im Gefängnis saß. Was er sagt, spiegeln auch viele Stimmen in den sozialen Medien wider.

    Der größte sichtbare Widerstand gegen die Verhältnisse kommt von einer neuen Frauenbewegung, die inzwischen auch die konservativen Kräfte nicht mehr ignorieren können. Seit dem Tag vor mehr als einem Jahr, als ein Mädchen an einer Kreuzung der Enghelab-Straße mitten in Teheran sein Kopftuch abnahm und aus Protest an einen Stock hängte, unterlaufen immer mehr Frauen demonstrativ den Kopftuchzwang. "Töchter der Revolutionsstraße" – Enghelab heißt Revolution – werden sie genannt.

    40 Jahre Kopftuchzwang

    Sogar manche Parlamentarier beginnen schon, das Gesetz zur Diskussion zu stellen, das bei einer Volksbefragung kurz nach der Revolution die Unterstützung der Bevölkerung bekam. Die Zeiten, wo Frauen ohne Kopftuch auf der Straße oder bei Autofahrten mit Ermahnungen oder sogar ernsthaften Schwierigkeiten rechnen mussten, scheinen zumindest im Moment vorbei zu sein. Übrig geblieben sind die besonders konservativen Freitagsimame, wie zum Beispiel jener von Mashhad, Ayatollah Ahmad Alamolhoda, die diese Entwicklung als Werk des Teufels und der Feinde des Iran bezeichnen.

    "Gerade der Widerstand der Frauen gegen Kopftuchzwang, Korruption, Arbeitslosigkeit und Misswirtschaft ist ein Zeichen, dass die Menschen sich nicht mehr von der offiziellen Propaganda beeinflussen lassen und ihren Weg gefunden haben, der nicht mehr im Einklang mit der Ideologie des Systems steht," so der Soziologe Hussein Ghazian.

    Seiner Meinung nach steht die iranische Gesellschaft kurz vor einem sozialen Erdbeben. Anzeichen dafür sind in der letzten Zeit nicht zu übersehen. Die Menschen äußern ihr Unbehagen öffentlich und nehmen kaum ein Blatt vor dem Mund. "Die Tore einer Festung lassen sich schließen, aber nicht der Mund der Menschen": Dieses persische Sprichwort bekommt zurzeit im Iran neue Gültigkeit.

    Spionagevorwürfe

    Thematisiert wird auch die Justiz. Justizchef Sadegh Larijani behauptet, im Iran gebe es keine politischen Gefangenen. Unter den 250.000 Menschen, die nach offiziellen Angaben im Gefängnis sitzen, ist aber auch eine Gruppe von Umweltaktivisten, denen Spionage vorgeworfen wird, mehr als vierzig Journalisten sowie Lehrer, Angestellte, Anhänger verschiedener religiöser Sekten, streikende Arbeiter und Anwälte. Dazu kommt eine unbekannte Zahl von Gefangenen, die vom Geheimdienst der Revolutionsgarden verhaftet und in unbekannten Haftanstalten festgehalten werden, ohne Gerichtsverhandlung und ohne die Möglichkeit, ihre Angehörigen zu kontaktieren.

    Laut den Berichten, die nach außen gedrungen sind, sind die Zustände dort vor allem für Frauen unerträglich. Zur Feier des Jahrestags der Revolution sollen 50.000 Häftlinge begnadigt werden. Aber politische Gefangene werden wohl nicht dabei sein.

    Trotz der vielen Tausend Menschen, die am Revolutionstag die Straßen bevölkern werden: Für die normalen Iraner und Iranerinnen gibt es wenig zu jubeln. Die Preise steigen fast täglich, und es zeigen sich Engpässe vor allem bei Lebensmitteln. Die Inflation ist bei Grundnahrungsmitteln auf dreißig Prozent gestiegen. Um einen Ausgleich zu schaffen, will die Regierung die Gehälter um zwanzig Prozent erhöhen, aber auch das ist ein Tropfen auf den heißen Stein.

    Umstrittenes Alkoholverbot

    Gleichzeitig kann man in Teheran und anderen großen Städten jede Art von Luxusgütern erwerben. Jede Nacht stehen vor schicken Cafés und Restaurants in Teheran und anderen Städten die neuesten ausländischen Autos mit jungen Mädchen und Burschen aus reichen Familien und der Mittelschicht, um sich für die nächste Party zu verabreden.

    Der Genuss von Alkohol ist offiziell verboten, aber nach einem Bericht des Gesundheitsministeriums werden im Iran pro Kopf 4,2 Liter Alkohol jährlich konsumiert. Wenn man davon ausgeht, dass 70 Prozent der Bevölkerung tatsächlich keinen Alkohol trinken, kann man ausrechnen, wie hoch der Konsum bei den restlichen ist.

    Allein in den letzten drei Monaten sind offiziell 27 Personen an Alkoholvergiftung gestorben, mehr als 200 mussten ins Krankenhaus, hauptsächlich in kleineren Städten, wo importierte Alkoholgetränke teuer sind. Auch das ist kein Tabuthema mehr: Es gibt Stimmen, die sich gegen das absolute Alkoholverbot aussprechen.

    Leben in "weißen Ehen"

    Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern verändern sich ebenfalls rasant. Immer mehr junge Leute leben in sogenannten "weißen Ehen", wie das Zusammenleben ohne Trauschein genannt wird. Es gibt auch schon religiöse Gelehrte, die dafür Verständnis aufbringen.

    Der Iran hat sich im 21. Jahrhundert von den früheren Vorstellungen und sozialen Idealen Ayatollah Ruhollah Khomeinis entfernt, auch wenn sich anlässlich des Revolutionstags öffentlich viele dazu bekennen werden. Ob die herrschende Geistlichkeit das begriffen hat oder ob sie den Mut hat, das einzugestehen, ist fraglich. Aber vierzig Jahre nach der Revolution müsste ihr klar sein, dass es nicht gelungen, dem Iran eine islamischen Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu diktieren. (Amir Loghmany aus Teheran, 11.2.2019)

    CHRONOLOGIE

    • 1. Februar 1979
      Gegen 9 Uhr landet der bis dahin im irakischen und dann französischen Exil lebende Ayatollah Ruhollah Khomeini in Teheran. Eine Boeing der Air France hatte ihn dorthin gebracht. Millionen Iraner empfangen ihn. Nach langen Protesten und dem Entzug ausländischer Hilfe hatte der Schah am 16. Jänner das Land verlassen.
    • 11. Februar 1979
      Zusammenbruch des Regimes. Aus den Straßenkämpfen zwischen Revolutionsgarden und den schahtreuen Sicherheitskräften von Premier Schapur Bachtiar gehen Erstere siegreich hervor, die Kämpfe sind weitgehend vorbei. Minister werden im TV über ihre Tätigkeit verhört, am 15. Februar beginnen Hinrichtungen.
    • 30. und 31. März 1979
      Referendum über die Errichtung einer "Islamischen Republik" im Iran. 98,6 Prozent der Wählerinnen und Wähler neben den Vorschlag an 0,7 Prozent sind dagegen, ebenso viele wählen ungültig. Die Wahl ist nicht geheim. Die Beteiligung, die deutlich über der Zahl der Wahlberechtigten liegt, lässt Fälschungen vermuten.
    • November 1979 – Jänner 1981
      Nach Aufrufen Khomeinis, die USA zur "Auslieferung des Schah" zu zwingen, besetzen Studenten die US-Botschaft. Sie nehmen 66 Geiseln. Im April 1980 schlägt eine US-Rettungsaktion fehl, acht Soldaten sterben. Der Schah geht ins ägyptische Exil, stirbt dort im April 1980 an Krebs. Die letzten Geiseln kamen 1981 frei.
    • 6. November 1979
      Übergangspremier Mehdi Bazargan tritt zurück. Der gemäßigte Politiker argumentiert mit Blick auf die Botschaftsgeiselnahme, radikale Elemente würden seiner Regierung Handlungsfähigkeit rauben. Ihm folgt Mohammad-Ali Radschai, der später Präsident wird – und 1981 bei einem Bombenanschlag umkommt. (mesc)
    • Die Frauen im Iran begehren auf: "Gerade der Widerstand der Frauen gegen Kopftuchzwang, Korruption, Arbeitslosigkeit und Misswirtschaft ist ein Zeichen, dass die Menschen sich nicht mehr von der offiziellen Propaganda beeinflussen lassen und ihren Weg gefunden haben, der nicht mehr im Einklang mit der Ideologie des Systems steht", sagt der Soziologe Hussein Ghazian.
      foto: ap/vahid salemi

      Die Frauen im Iran begehren auf: "Gerade der Widerstand der Frauen gegen Kopftuchzwang, Korruption, Arbeitslosigkeit und Misswirtschaft ist ein Zeichen, dass die Menschen sich nicht mehr von der offiziellen Propaganda beeinflussen lassen und ihren Weg gefunden haben, der nicht mehr im Einklang mit der Ideologie des Systems steht", sagt der Soziologe Hussein Ghazian.

    • Ayatollah Ruhollah Khomeini, der Revolutionsführer damals, 40 Jahre danach allgegenwärtig: Aber seine gesellschaftlichen Prinzipien sind längst am Bröckeln.
      foto: reuters / morteza nikoubazl

      Ayatollah Ruhollah Khomeini, der Revolutionsführer damals, 40 Jahre danach allgegenwärtig: Aber seine gesellschaftlichen Prinzipien sind längst am Bröckeln.

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