Tabuzone Geburtenkontrolle

    10. Februar 2019, 16:14
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    Eine Debatte um das Bevölkerungswachstum in Afrika ist dringend geboten

    Vor 100 Jahren lebten etwa zwei Milliarden Menschen auf der Erde. Heute sind es mehr als 7,5 Milliarden, also nahezu viermal so viele. Irgendwann zwischen 2050 und 2060 könnten wir den zehnmilliardsten Erdenbürger begrüßen. Für 2100 bestehen laut mittlerer (und wahrscheinlichster) Prognosevariante der Vereinten Nationen gute Chancen, dass das weltweite Bevölkerungswachstum bei einem Stand von über elf Milliarden Menschen zu einem Ende findet. Es könnten aber auch in der hohen (und weniger wahrscheinlichen) Variante gut 16 Milliarden sein, falls bis dahin die Kinderzahl pro gebärfähiger Frau nicht auf zwei sinkt, sondern nur auf 2,5.

    Man braucht kein großer Wissenschafter oder Pessimist zu sein, um zu erkennen, dass selbst die mittlere Version der Bevölkerungsprognose Explosives erhält.

    Hohe Bevölkerungsdynamik

    Für Europa sind die afrikanischen Demografieindikatoren von "naheliegender" Bedeutung, wobei sich hinter den Durchschnittszahlen eine erhebliche länderspezifische Heterogenität verbirgt. Von gegenwärtig rund 1,2 Milliarden Menschen wird sich die Bevölkerung des Kontinents bis Mitte des Jahrhunderts auf 2,5 und weiter bis zum Jahrhundertende auf 4,5 Milliarden Personen erhöhen. Die Geburtendynamik führt zu einem sehr niedrigen Durchschnittsalter und einem extrem hohen Anteil an jungen Menschen. Während in Europa ein gutes Viertel der Bevölkerung jünger als 24 Jahre ist, beträgt diese Kennzahl für Afrika rund 60 Prozent. Dort bekommt eine Frau im gebärfähigen Alter etwa 4,5 Kinder, im Weltdurchschnitt sind es 2,5.

    Diese hohe Bevölkerungsdynamik ist hauptsächlich der dramatisch gesunkenen Kindersterblichkeit dank Pharma-, Lebensmittel- und Landwirtschaftsindustrie bei fortgesetzt hoher Fertilität zuzuschreiben. Leider verhindert die exzessive Bevölkerungsdynamik einen wirtschaftlichen Aufholprozess und damit die Schaffung von ausreichend Arbeitsplätzen und mehr Wohlstand. Und breit gestreuter Wohlstand ist die wichtigste Voraussetzung für einen nachhaltigen Rückgang der Fertilität.

    Feuer am Dach

    So gesehen befindet sich Afrika in einem Circulus vitiosus, der unbedingt gebrochen werden muss. Zu all dem gesellen sich in vielen afrikanischen Ländern ungünstige politischen Rahmenbedingungen für nachhaltiges Wirtschaftswachstum.

    Man darf nicht übersehen, dass Afrika im Durchschnitt ein jährliches Wirtschaftswachstum von sechs Prozent brauchen würde, um eine Pro-Kopf-Zunahme des BIP von drei Prozent zu erreichen, ab der überhaupt eine Arbeitsplatzdynamik zu erwarten ist. Zum Vergleich: China ist in den letzten 20 Jahren um rund sieben Prozent jährlich bei nahezu stagnierender (Einkindpolitik!) Bevölkerung gewachsen. Sollten die Befunde des IPCC (Weltklimarat) zur Klimaentwicklung und zur besonderen Betroffenheit Afrikas stimmen, sind auch von dieser Seite Katastrophenszenarien nicht auszuschließen.

    Es ist also Feuer am Dach, und das in unmittelbarer Nachbarschaft Europas. Umso verwunderlicher ist es, dass das Thema Demografie sowie wirtschaftliche und politische Entwicklung Afrikas keinen wirklich zentralen Stellenwert in den Politiken der EU und den meisten ihrer Mitgliedsländer einnimmt. Die alarmierenden Bevölkerungsprognosen nehmen wir wie Lämmer hin, die zur Schlachtbank geführt werden.

    Emanzipatorisches Thema

    Der Begriff "Geburtenkontrolle" ist stigmatisiert. In den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts war Geburtenkontrolle eine global und in der Dritten Welt heftig diskutierte Frage. Diese Diskussionen mündeten in konkrete Umsetzungspläne, leider oft auch mit sehr unschönen, ja unfassbaren Begleiterscheinungen, wie Zwangssterilisierungen etc., wodurch das Thema für längere Zeit diskreditiert wurde. Das darf uns nicht daran hindern, Geburtenkontrolle wieder unter zeitgemäßen, menschenwürdigen und vor allem für die Frauen emanzipatorischen Bedingungen ganz oben auf der politischen Agenda zu platzieren.

    Ebenso wie der ökologische Fußabdruck eines Menschen und eines Staates längst nicht mehr nur deren privater oder souveräner Sphäre zugehört, ist auch der demografische Fußabdruck jedes Menschen und jedes Staates in globaler Hinsicht zu bewerten und zu behandeln. Es gibt kein Menschenrecht und kein souveränes Recht auf Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und gesellschaftlichen Ordnungen durch unkontrolliertes Bevölkerungswachstum und dessen Folgen. (Erhard Fürst, 10.2.2019)

    Erhard Fürst (Jg. 1942) ist Jurist und Ökonom. Er war Forscher am IHS und Chefökonom der Industriellenvereinigung.

    Zum Thema:

    Überbevölkerung: Sind wir auf der Welt zu viele? Worüber wir wirklich reden sollten

    Megastädte: Jede Woche ein Manhattan bauen

    • Geburtenkontrolle muss unter zeitgemäßen, menschenwürdigen und vor allem für die Frauen emanzipatorischen Bedingungen ganz oben auf die politische Agenda.
      foto: apa/afp/saber jendoubi

      Geburtenkontrolle muss unter zeitgemäßen, menschenwürdigen und vor allem für die Frauen emanzipatorischen Bedingungen ganz oben auf die politische Agenda.

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