Debatte nach Dornbirn: Die Illusion der Sicherheit

Kommentar8. Februar 2019, 17:43
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Als Westeuropäer im 21. Jahrhundert leben wir so sicher wie nie zuvor

Bluttaten wie jene in Dornbirn machen fassungslos. Sie hinterlassen ein Ohnmachtsgefühl, eine Hilflosigkeit, die verängstigt. Ein Beamter der Sozialabteilung wurde von einem Moment auf den anderen aus dem Leben gerissen, weil ein türkischer Asylwerber auf ihn einstach. Mit dem Opfer fühlen wir besonders stark mit, weil wir uns mit ihm identifizieren können. Beim verstörten Beobachter und Medienkonsumenten bleibt das Gefühl: Jedem von uns könnte so etwas passieren, auch mir. So ist es auch. Theoretisch. Selbst mit den allerbesten Sicherheitsvorkehrungen der Welt wird es nicht möglich sein, jedes einzelne Verbrechen zu verhindern.

Dennoch besteht kein Grund für das allgemeine Unsicherheitsgefühl, das unsere Zeit prägt. Als Westeuropäer im 21. Jahrhundert leben wir so sicher wie nie zuvor. Die Kriminalitätsentwicklung ist im langjährigen Vergleich rückläufig. Auch die Mordrate ist heute wesentlich niedriger als in früheren Jahrzehnten. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Terroranschlages zu werden, ist in Europa verschwindend gering. Im Global Peace Index gehört Österreich regelmäßig zu den fünf friedlichsten Staaten.

Das statistische Argumentarium ließe sich beliebig fortsetzen: Krankheiten, die in früheren Jahrhunderten abertausende Menschen dahingerafft haben, sind heute mit einfachen Behandlungen heil- oder vermeidbar. Wir legen mehr Kilometer mit unseren Autos zurück als je zuvor, und trotzdem sinkt die Zahl der Verkehrstoten von Jahr zu Jahr.

Solche Fakten helfen, Risiken besser einschätzen zu können. Die türkis-blaue Regierung lebt hingegen davon, Unsicherheit zu schüren. Auf der emotionalen Ebene können die Wähler viel besser erreicht werden als auf jener der nüchternen Argumente. Deshalb wird im politischen Diskurs permanent der Eindruck erweckt, Österreich stehe quasi vor dem Zusammenbruch. Und deshalb wird auch bei jedem Anlassfall als Erstes über Gesetzesverschärfungen diskutiert. So auch dieses Mal.

Grundsätzlich spricht natürlich nichts dagegen, regelmäßig zu hinterfragen, ob Rechtsvorschriften noch aktuell und sinnvoll sind. Als Bürger sollte man sich nur immer die Frage stellen, ob die Politik nicht als Trittbrettfahrer auftritt. Die absolute Sicherheit wird immer eine Illusion bleiben. Wer sich dessen bewusst ist, kann das Agieren der Politik besser einordnen und mit Ängsten, Sorgen und Unsicherheitsgefühlen besser umgehen.(Günther Oswald, 8.2.2019)

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