Seat Tarraco probiert die Wüstenschifffahrt

    9. Februar 2019, 13:31
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    Weil immer alle sagen, SUV und Gelände sei fast schon eine Contradictio in adiecto: Seat hat für den Tarraco extra ein Wüstencamp in der Sahara ausgerichtet

    Rechts! Ruft Instruktorin Sonja und deutet nach links. Kollege Gerhard K. am Steuer gibt sich unbeeindruckt, er folgt einfach dem Vordermann. Im Laufe des Tages folgen Kommandos wie "Go, go, go!" und "Mehr Abstand!" in unmittelbarer Abfolge, und als wir uns dann einen Spaß daraus machen, wird die gute Sonja, "Ich bin eine katalanische Frau!", in ihrer Heimat Offroad-Instruktorin, zwar nicht lockerer und unwidersprüchlicher, aber irgendwie doch noch unsere Freundin. "Ihr seid lustige Burschen!"

    foto: andreas stockinger
    Erst einmal Trainingsaufstellung in der Geröllwüste zu einem einleitenden Handling-Parcours.

    Dort, wo heute hinter Arfoud in Marokko, nahe der algerischen Grenze, Geröll- und dann Sandwüste herrscht, befand sich in kambrischen und devonischen Zeiten – und auch später immer wieder – ein Meer, Fossilien sonder Zahl zeugen davon. Lange danach kamen die Blütenpflanzen und blieben, kamen die Reptilien und blieben, kamen die Saurier und gingen, kamen die Säuger und blieben.

    Saurier. Dies Riesenwuchs-Vergleichsbild nehmen Kritiker gerne her, geht es um den SUV. Er sei der Anachronismus in der an sich schon anachronistischen motorisierten individuellen Mobilität, so die kurze Zusammenfassung.

    Demografische Entwicklung

    Dabei wird übersehen, dass die überwiegende Anzahl der SUVs in unseren Breiten, die Amis ticken hinsichtlich ihres Verhältnisses zum Phänomen Größe schon immer anders, von der Grundfläche her meist Klein-, Kompakt- oder Mittelklassewagen entsprechen. Zweitens spiegeln diese Autos auch die demografische Entwicklung wider: Sich beim Einstieg nicht verrenken zu müssen schätzen immer mehr ältere Menschen.

    foto: seat
    Dann freie Fahrt in den Dünen im Feinstaubhauptverursacher Sahara – der Tarraco wirbelt nur ein wenig Sand auf.

    Seat dringt nach Kompakt- (Ateca) und Klein- (Arona) jetzt in die Mittelklasse-Abmessungen vor: Der Tarraco mit seinen 4,74 Metern Länge entspricht recht genau dem VW Passat (4,77 m), ist aber eben im trendigen SUV-Bereich beheimatet, und der ist für die lange Zeit kränkelnde katalanische VW-Tochter ein wahrer Segen. Seit sie SUVs im Portefeuille führt, fährt sie von einem Absatzrekord zum nächsten. Seat, in Volkswagens Gärtlein die hispanische Blume, blüht endlich auf.

    2018 beispielsweise wurden weltweit 517.600 Seats verkauft, zehn Prozent mehr als 2017, bester Wert aller Zeiten, wie Seat-Mann Stefan Ilievic im Wüstencamp ausführte. Dass man dieses gerade jetzt in Marokko für den Tarraco ausrichtete, hat mehrere Gründe, einer davon fällt eh gleich mit dem Fahrzeugabsatz und weiteren Zielen zusammen.

    Arbeitsfelder

    Der VW-Konzern teilt nämlich den einzelnen Marken gern strategische Arbeitsfelder zu, Skoda etwa erschließt den Zukunftsmarkt Indien. Seat, von der Geografie her schon günstig nahe dran an Nordafrika, ward dieses neue Arbeitsfeld zugewiesen, der ganze Maghreb bis hinten zur Levante, sprich: Marokko, Algerien vor allem, aber gern auch weiter gen Osten bis Ägypten. Derzeit noch eine klare Domäne der Franzosen, auch sieht man viele Dacias, die Renault unter anderem in Marokko produziert, aber da sollte doch was zu holen sein. Für Seat.

    foto: andreas stockinger
    Stets empfehlenswert ist Konzentration am Lenkrad.

    Damit zum Wüstencamp, das zeitlich mit der Initiative zusammenfällt. Bewusst gewählt war die Ecke, weil da auch Errachidia liegt, 2006 und '07 Teil der Rallye Dakar. Und weil man dort zeigen kann, was der Tarraco abseits der Straßen draufhat. Eher unbewusst war wohl das mit den Fossilien – Verschüttungsopfer einstiger geologischer Katastrophen -, ausgestorbenen Sauriern et cetera implizierte Assoziationsnetz.

    Jedenfalls, bevor es losgeht in Barney Geröllheimers Heimat und in der Sandwüste, ein Tag, an dem wir abschließend dromedarische Wüstenschifffahrt betreiben werden, um ins Camp zu finden, kleschkalt ist es nächtens in der Wüste, Winter halt; davor also klärt uns Jaume Rabassa fairerweise auf, ein SUV sei kein Geländewagen, speziell zu berücksichtigen sei die relativ geringe Bodenfreiheit. Besser nicht in ausgefahrenen Wegen fahren. Liege dort ein Stein, könne der die Plastikabdeckung aufschlitzen. Echten Unterbodenschutz suche man am Tarraco vergeblich, logisch. In den Dünen bitte DSG-Schalthebel auf manuell stellen und mit dem ersten oder zweiten Gang durch den Sand pflügen. Fahrtmodus-Selektor auf Gelände stellen. Und etwas Luft raus aus den Reifen.

    foto: seat
    Die wahren Könige der Wüste.

    Dass dann im Sand ausgerechnet der Kollege aus der französischen Schweiz hängen bleibt und der Expeditionsleiter daraufhin allzu ambitioniertes Sandaufwirbeln untersagt, bringt den Fotografen zur Verzweiflung – "Wo soll ich jetzt noch die gewünschten tollen Bilder herzaubern?" -, wir aber, wir haben da unsere Eindrücke schon sortiert und können einigermaßen solide einschätzen, was der Tarraco offroad kann und was nicht. Wüstenschifffahrt, sie ist auch mit dem Tarraco möglich – wenngleich etwas eingeschränkt. Das gilt Pars pro Toto auch für alle anderen Geländeaktivitäten, in Schnee und Eis etwa.

    Als Fazit bleibt ein leises Staunen. Was so ein SUV, der 99 Prozent seines Lebens auf Straßen bewegt wird, dann doch im Abseits kann und leistet.

    In Österreich gibt's den Tarraco mit Frontantrieb und Allrad, je zwei Benziner und Diesel mit je 150 und 190 PS ergeben Preise zwischen 33.490 und 48.890 Euro. (Andreas Stockinger, 9.2.2019)

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