Wenn andere Eltern nerven

    10. Februar 2019, 12:00
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    Es gibt Situationen, in denen das Verhalten anderer Eltern eine Herausforderung ist

    In dieser Ausgabe des Familienrats antworten Katharina Weiner vom Jesper-Juul-Familylab in Österreich und der Buchautor, Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Otto Thomashoff sowie eine STANDARD-Mitarbeiterin auf die Frage einer Leserin.

    Frage:

    "Ich will ja nicht sagen, dass meine Erziehung und mein Umgang mit Kindern die einzig richtigen sind, aber ich ärgere mich schon oft über andere Eltern oder muss mich einfach nur wundern. Beim wöchentlichen Turnkurs gibt es zum Beispiel eine Mutter, die meine Tochter gar nicht oder nur nach langer Wartezeit an die Geräte lässt, auch wenn diese nett fragt, ob sie auch einmal darf. Sie hat wahrscheinlich Angst vor dem Wutausbruch ihres Sohnes, der gerade im Trotzalter ist. Oder: Beim letzten Lichterfest haben die Eltern und Großeltern das Fest quasi sabotiert, indem sie alle mit den Smartphones mitgefilmt haben. Nebenbei haben sie fast andere Kinder umgelaufen, weil sie nicht aufgepasst haben.

    Auf dem Spielplatz und anderswo herrscht nicht immer eitel Wonne. Das gilt auch für Eltern.

    Vor kurzem habe ich einen Vater erlebt, der nach dem Musikkurs sein Kind bei null Grad Celsius fragte, ob es draußen seine Jacke anziehen will. Ich muss mich manchmal zusammenreißen, um in solchen Situationen nicht meine Meinung zu sagen. Was sagen Sie dazu?"

    Antwort von Katharina Weiner:

    Die Kunst, auf nervige Situationen zu reagieren, liegt darin, einen Moment innezuhalten und kurz darüber nachzudenken, wie ich gerne möchte, dass Menschen, die möglicherweise meine eigene Art als unangenehm empfinden, sich mir gegenüber verhalten.

    Meine Beobachtung des zwischenmenschlichen Umgangs ist jene, dass wir generell dazu neigen, vorschnell nach unseren Kriterien zu bewerten und zu interpretieren, ohne über tatsächliche Beweggründe oder Hintergründe anderer Menschen Bescheid zu wissen. Ein Dilemma, dem wir als Eltern, in der Partnerschaft oder in Kindergarten, Schule & Co täglich begegnen.

    Betrifft dieser Umstand direkt meine eigene Familie oder die Entwicklung meines Kindes in destruktiver Weise, so braucht es zweifelsfrei ein klärendes Gespräch, um mehr über die konkrete Situation zu erfahren und in weiterer Folge in konstruktiver Form zur Lösung des Konflikts beitragen zu können.

    Im Allgemeinen ist Vorsicht geboten. Kindern tun wir, indem wir ihre Eltern (oder auch Großeltern) kritisieren, jedenfalls keinen Gefallen, auch wenn wir meinen, "objektiv" betrachtet richtig zu liegen. (Katharina Weiner, 10.2.2019)

    foto: sven gilmore
    Katharina Weiner ist Familienberaterin, Coach und arbeitet als Trainerin in der Elternbildung. Die Mutter einer Tochter leitet das Jesper-Juul-Familylab in Österreich.

    Antwort von Hans-Otto Thomashoff:

    Wenn ich die drei Situationen vor meinem inneren Auge Revue passieren lasse, stellt sich mir eine zentrale Frage: Was davon hat mit Ihnen zu tun?

    Das erste Beispiel, bei dem Ihre Tochter offenbar in Ihrer Anwesenheit benachteiligt wird, geht Sie an. Und ich finde, da sollten Sie ruhig im Interesse Ihrer Tochter einschreiten. Kinder haben schon früh ein starkes Gerechtigkeitsempfinden. Und da ist es völlig in Ordnung, wenn wir ihnen vorleben, dass wir bereit sind, für Gerechtigkeit in ihrem Sinne zu sorgen. Dadurch werden wir für sie zum Vorbild, auf das sie eines Tages als Erwachsene in Situationen zurückgreifen können.

    Im zweiten Fall, bei den fotografierenden Eltern, stimme ich zu, dass das ganz schön nervig sein kann – doch muss ich mir das zu Herzen nehmen? Oder kann ich mich da nicht innerlich schmunzelnd zurückziehen?

    Im dritten Beispiel schließlich, wo der Vater mit seinem Sohn eine absurde Diskussion führt, ist das doch eigentlich Sache der beiden. Sie können sich natürlich auch da einmischen und überall sonst, wo Ihnen das Verhalten anderer unsinnig vorkommt. Doch Sie ahnen, was dann am Ende des Tages die Konsequenz für Sie sein könnte … (Hans-Otto Thomashoff, 10.2.2019)

    foto: alexandra diemand
    Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).

    Antwort von Marietta Adenberger

    Kinder sind zwischenmenschliche Eisbrecher: Mutter oder Vater zu werden eröffnet völlig neue Möglichkeiten, Bekanntschaften zu schließen. Das fängt an bei der Schwangerschaftsgymnastik, wo Frauen sich kennen lernen, die sich sonst nie getroffen hätten, auch wenn sie um die Ecke wohnen. Später entwickeln sich auf dem Spielplatz einfache Gespräche, die meist mit der Frage beginnen: Wie alt ist er oder sie? Oder: Wie heißt das Kind, das zufällig gerade dem eigenen die Schaufel leiht? Langsam kann sich daraus sogar vorsichtig eine solidarische Freundschaft entwickeln. Wenn man in derselben Situation ist, kann man einander auch besser verstehen.

    Aber eben bei weitem nicht immer, sondern eher nur manchmal. Denn mit zunehmendem Alter der eigenen Kinder sammeln Eltern mehr Erfahrungen mit den großen Lebensbegleitern der Kleinen. Spätestens wenn andere Erwachsene das eigene Kind maßregeln oder die eigenen Kinder im Nachteil erscheinen, offenbart sich: Es gibt so viele Mütter und Väter wie Sandkörner am Meer. Woher und wohin der Wind sie weht, wird klar, wenn einem eine Brise ins Gesicht weht, die so gar nicht zu einem selber passt. (Marietta Adenberger, 10.2.2019)

    foto: standard/heidi seywald
    Marietta Adenberger ist Familienredakteurin bei DER STANDARD und hat zwei Söhne.
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