Martinsbühel-Opfer wollen bei Aufarbeitung mitbestimmen

    7. Februar 2019, 17:20
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    Betroffene fühlen sich übergangen und fordern Aufklärung durch unabhängige Experten, Tiroler Volkspartei schweigt weiter zu Kommissionsbesetzung

    Innsbruck – Die Opfer von Martinsbühel sind außer sich. "Ich musste gestern noch zu meiner Psychaterin, weil es mich so getroffen hat, das zu lesen", sagt Frau J., die fünf Jahre Martyrium unter den Benediktiner-Nonnen erdulden musste. Grund sind die Aussagen des Benediktiner-Abtes Korbinian Birnbacher in der Donnerstagsausgabe des STANDARD. Er hat die Schilderungen der Opfer, die von sexueller Gewalt und regelrechten Folterpraktiken der Ordensschwestern berichten, als "scheinheilig" bezeichnet.

    Diese Aussage empört die Betroffenen umso mehr, als Birnbacher auf Wunsch von Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) jener Dreierkommission angehört, die vom Land Tirol nun zur "historischen Aufarbeitung" der Vorgänge im Mädchenheim Martinsbühel der Benediktinerinnen eingesetzt wurde.

    Abt will "konstruktiv" mitarbeiten

    In einer neuerlichen Stellungnahme wies der Abt am Donnerstag darauf hin, dass er sehr wohl "konstruktiv in der Kommission mitarbeiten" wolle. Eine direkte Verantwortung seiner Erzabtei, die nur Eigentümer der Liegenschaft sei, schließt er aber aus.

    Auslöser für die erneute Bildung einer Kommission waren die Schilderungen von Heidi F., die von 1978 bis 1985 in Martinsbühel war und im STANDARD ihre Erlebnisse schilderte.

    Auch Heidi F. ist fassungslos ob der Aussagen des Abtes und des Verhaltens der Landespolitik: "Es wird gegen unsere Interessen agiert." Nach dem Artikel hätten sich alle "wie die aufgescheuchten Hühner" verhalten und anscheinend gedacht, mit einer Kommission könne man kalmieren.

    Zeit für Verantwortung

    "Ich kann das Wort Kommission nicht mehr hören. Es wird wieder nichts passieren", macht F. ihrem Frust Luft. Auch J. hat genug von den Ausflüchten: "Wir erzählen nun schon seit zehn Jahren. Es ist Zeit, endlich jemanden zur Verantwortung zu ziehen."

    Die Opfer sind sich einig, sie wollen Gerechtigkeit. Und sie verstehen nicht, warum man zwar immer Vertreter der Kirche miteinbezieht, wenn es um die Aufarbeitung geht, sie und ihre Wünsche aber geflissentlich ignoriert. Dass Abt Birnbacher auch noch öffentlich sagte, angesichts bereits erfolgter Entschädigungsleistungen für einen Teil der Opfer müsse auch irgendwann Schluss sein mit dem Thema, empfinden sie als Affront: "Wann Schluss ist, bestimmen wir!"

    U-Ausschuss statt Kommission

    F. und J. fordern einen Untersuchungsausschuss im Landtag statt einer weiteren Kommission. Doch Juristen bezweifeln, ob dies der geeignete Weg sei, da ein solcher Ausschuss nur den Wirkungsbereich des Landes, aber nicht Einrichtungen Dritter beleuchten könnte. Wobei das Land als damals zuweisende Instanz auch Aufarbeitungsbedarf hat. Andere wie Erwin Aschenwald, der in der Zillertaler Bubenburg des Kapuzinerordens Opfer von Gewalt wurde, fordern, dass Kommissionen mit unabhängigen Experten besetzt werden sollten.

    Die Regierungspartei ÖVP schweigt indes weiter zu alldem. Die als Kommissionsleiterin genannte Psychotherapeutin Margret Aull ist ebenfalls nicht erreichbar. Nur die grüne Soziallandesrätin Gabriele Fischer meldete sich zu Wort: "Ich stehe auf der Seite der Betroffenen. Diese sind zu hören und anzuerkennen." Vom Benediktinerorden erwarte sie einen "Bewusstseinswandel". (Steffen Arora, 7.2.2019)

    • Die Opfer von Martinsbühel und anderen Einrichtungen fordern ihr Mitspracherecht ein.
      foto: bildagentur mühlanger / pictured

      Die Opfer von Martinsbühel und anderen Einrichtungen fordern ihr Mitspracherecht ein.

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