Das Manifest von Greta Thunbergs Mutter: Verzweiflung angesichts des Untergangs

    11. Februar 2019, 11:00
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    Die Mutter der 16-jährigen Aktivistin, Malena Ernman, flucht ausgiebig und warnt drastisch vor dem Klimawandel

    "Flygskam" – so bezeichnet ein neues schwedisches Wort das schlechte Gewissen beim Fliegen. Es fasst eine Debatte zusammen, die unter anderem von einer Frau angestoßen wurde, die hierzulande wesentlich weniger bekannt ist als ihre 16-jährige Tochter: Malena Ernman, die Mutter von Greta Thunberg.

    Ihre Tochter, die im Sommer 2018 in Schulstreik trat, um vor dem schwedischen Parlament gegen den Klimawandel zu demonstrieren, schaute vergangene Woche sogar vom Cover der Zeit. Ihre Mutter ist in Schweden längst das, was man eine "kändis" nennt – eine Berühmtheit.

    Sie ist nicht nur eine international erfolgreiche Opernsängerin (die auch in Wien und bei den Salzburger Festspielen auftrat) und Mitglied der Königlich Schwedischen Musikakademie, sie gewann 2009 auch das Melodifestivalen, den in Schweden sehr populären Vorentscheid zum Eurovision Song Contest. 2017 veröffentlichte Ernman mit sieben anderen Künstlern, Forschern und Sportlern in der Tageszeitung Dagens Nyheter einen Beitrag, in dem sie verkündeten: Donald Trump steigt aus dem Pariser Abkommen aus – und wir ab sofort in kein Flugzeug mehr ein.

    Schonungslos direkt

    Dass Fliegen das "absolut Schlimmste" ist, das man machen kann, berichtet Ernman in ihrem 2018 erschienenen Buch Scener ur hjärtat ("Szenen aus dem Herzen"), das habe ihr Greta gesagt. Bei ihr wird mit elf das Asperger-Syndrom diagnostiziert, später erhält auch die kleine Schwester Beata eine Diagnose: ADHS mit Zügen von Asperger und einer Zwangsstörung.

    Mit 45 Jahren erfährt auch die Mutter, dass sie ADHS hat, dazu Depressionen und Burnout. Von der Hölle, durch die ihre Familie ging, dem langen Weg durch unzählige Sprechzimmer und Beratungsstellen, den Kämpfen mit dem schwedischen Schulsystem, verständnislosen Lehrern und mobbenden Mitschülern erzählt Ernman in ihrem Buch. Geschrieben hat sie es gemeinsam mit ihrem Mann Svante und den beiden Kindern.

    So kitschig der Titel klingt: Sprachlich, aber auch intellektuell ist das Buch besser als so manches, was einem sonst als große Literatur verkauft wird. Der Ton ist schonungslos direkt – und gespickt mit Flüchen: Die Kunsthalle Artipelag im Stockholmer Schärengarten etwa wird einmal als "jävla kuk-Artipelag" bezeichnet, was so viel wie "verdammtes Schwanz-Artipelag" bedeutet.

    Gefahren des Klimawandels

    Vor allem aber ist das Buch ein Manifest. Gründlich recherchiert und mit Zahlen unterfüttert, warnt es vor der Gefahr des Klimawandels, prangert die Untätigkeit von Politikern und die Scheinheiligkeit vieler Firmen an. Man spürt aus jeder Zeile die Verzweiflung angesichts einer Welt, die genau weiß, dass ihr der Untergang droht – und einfach weitermacht wie zuvor.

    Es zeigt den Zusammenhang zwischen dem Raubbau an den menschlichen Lebensgrundlagen, erschöpften und kranken Kindern und Erwachsenen, dem Wachstums- und Konsumfetisch, der Oberflächlichkeit und dem Immer-funktionieren-Müssen der modernen Welt auf.

    Und es appelliert zu Recht an die Medien, ihre Macht, ihre Reichweite endlich zu nutzen, um in aller Deutlichkeit vom Klimawandel zu erzählen.

    Die Eltern als Sprachrohr der Töchter

    Immer wieder gibt es Vorwürfe, Ernman würde ihre Tochter für Werbezwecke missbrauchen, der Spiegel fragte mit Verweis auf einen schwedischen Journalisten: "Ist Greta Thunberg eine PR-Marionette?" Der schwedische Widerwille kommt daher, dass Ernman sehr offen über die eigene musikalische Begabung und ihren Erfolg spricht.

    Das kommt nicht unbedingt gut an in einem Land, das gerne mit dem Wort "lagom" beschrieben wird: Mittelmaß. Dass Ernman von ihrer "Superkraft" spricht, die nur wenige besäßen, ist definitiv nicht lagom. Auch die Deutlichkeit, mit der sie anspricht, dass das fortschrittliche Schweden als eines der reichsten Länder der Welt auch eines der Länder ist, die sie am meisten zerstören, ist nicht lagom.

    Liest man das Buch, hat man entgegen der Vorwürfe eher den Eindruck, die beiden Töchter benutzen ihre Eltern als Sprachrohre. Die stärksten Passagen sind jene, in denen sie zu Wort kommen, etwa wenn Greta festhält: Ob Feminismus, Humanismus, Antirassismus, Gleichberechtigung – am Ende ist die Klimabewegung der Schlüssel.

    Entweder wir arbeiten zusammen oder gegeneinander. Auch wenn sich das manchmal redundant liest, ist zu hoffen, dass das Buch auch in andere Sprachen übersetzt wird. Wer es gelesen hat, bleibt gerne am Boden. (Andrea Heinz, Album, 11.2.2019)

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