Der Tod als Konstante: Morgen ohne mich

    Essay10. Februar 2019, 09:00
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    Eine kleine Polemik zur langen Geschichte der großen Zukünfte

    Man kann jedoch nie genug darüber staunen, dass alle so leben, als ob niemand "wüsste".
    (Albert Camus)

    Das Einzige, das wir von der Zukunft belegbar sagen können, ist, dass wir selber darin nicht mehr vorkommen werden. Und zwar nicht nur nicht als Person. Sondern absehbarerweise auch nicht als jene Kraft, die zu sein wir uns gerne suggerieren. Obwohl uns die Landläufigkeit des Memento mori ein wenig unmodern geworden ist, ist einem jeden das eigene Verschwinden aus dieser Welt zumindest theoretisch einsichtig.

    Weniger einsichtig ist, dass es uns auch versagt bleibt, die Welt unserer Kinder und Kindeskinder einzurichten. Ja, nicht einmal sie auszurichten gelingt uns ohne die bemerkenswertesten Verrenkungen.

    Rund ums Kommende haben wir uns einen ganzen Zirkus eingerichtet, mit allerlei Jongleuren, Hochseiltänzern, Clowns, Artisten, Dompteuren. Veritable Propheten ziehen herum, gründen Schulen, wettern gegen andere Propheten, verkündigen Wahrheiten, warnen vor Untergängen und finden stets auch diesbezüglich offene Ohren, die sich nicht scheuen, irgendeinen Hoax gleich auch für einen Horx zu halten.

    Alter Wein in neuen Schläuchen

    Zuweilen beschleicht einen der Verdacht, es ginge in der modernen Prophetie aber eh weniger darum, sich tatsächlich ein Teleskop ins Künftige zu basteln, sondern darum, aus dem dort vorgeblich Festgestellten eine Art Beglaubigung fürs Heutige zu gewinnen. Das hat – alter Wein in neuen Schläuchen – einen durchaus religiösen Charakter. Während uns heute die Angelegenheiten doch recht deutlich über den Kopf wachsen, versichern wir uns unverdrossen der Angelegenheiten in der Zukunft.

    Wir beten diese gewissermaßen herbei. Sie dient uns dafür, dem Gegenwärtigen ein bisserl Sinn, wenigstens eine Art Zielgerichtetheit zu verleihen. Konrad Paul Liessmann – der längst schon vom Status beeindruckender Belesenheit zu dem der Weisheit gewechselt ist – hat vor vielen Jahren schon die Zukunftstrunkenheit als eine "säkularisierte Heilserwartung" bezeichnet.

    Mit zunehmend religiöser Inbrunst hängt man sich an die Propheterei. Die Rechtschaffenheit weltlichen Tuns ergibt sich aus seinen Konsequenzen für die Zukunft. "Man muss sich einmal überlegen", gab Liessmann vor ein paar Jahren zu bedenken, "was das für eine Selbstverachtung ist."

    Endlichkeit ignorieren

    Und eine Hybris natürlich auch. Die angemaßte Kompetenz fürs Zukünftige ignoriert mit Nonchalance nämlich die Endlichkeit nicht nur der eigenen Person, sondern auch deren Bedeutung. So wird die einzige Grundgewissheit des Daseins weggedeutelt. Man bastelt sich eine neue Art von Transzendenz für ein umfassend immanent gewordenes Diesseits; eine Krücke für den Sinn, der abhandengekommen ist einer entgötterten Welt, die uns darum aber erst recht als das alte Jammertal erscheint, aus dem wir mittels Sterndeutung oder Eingeweideschau den Ausweg suchen.

    "Wir leben", sagt Albert Camus in Der Mythos des Sisyphos, "auf die Zukunft hin: ,morgen', ,später', ,wenn du eine Stellung haben wirst', ,mit den Jahren wirst du's verstehen'. Diese Inkonsequenzen sind bewundernswert, denn schließlich geht es ums Sterben."

    In einer solcherart auf die Zukunft eingenordeten Welt kommt einem der Tod dann praktisch immer ungelegen. Immer wäre ja noch was zu tun. Und wenn schon nicht zu tun, so doch zu planen. Und wenn schon nicht ins Auge zu fassen, so zumindest was zu erwarten; oder zu hoffen, zu bangen, in Ordnung zu bringen.

    Der Tod pfuscht ins Leben

    Den wenigsten freilich ist es vergönnt, diesbezüglich ihren Frieden zu machen. Den meisten pfuscht der Tod unversehens hinein ins Leben, ins zukunftspralle. Und alles, was wir guten Glaubens und Gewissens auf morgen verschoben haben, ist heute dann schon Schnee von gestern. Jedermann muss sich das – nicht nur Salzburgsommer für Salzburgsommer – hinter die Ohren schreiben lassen. "Hie hilft kein Weinen und kein Beten / Die Reis mußt alsbald antreten."

    Sich selbst vom Ende her zu denken ist eine religiöse, aber auch philosophische Grundübung. Der Tod, so Arthur Schopenhauer, sei ein Trainingsgelände fürs Denken, "der eigentliche inspirierende Genius" der Philosophie. Manche Tiere mögen zwar den Eindruck erwecken, sie wüssten ums herannahende eigene Ende. Aber erst seit der Verkostung der Frucht des Erkennens und der Vertreibung aus der Unschuld des Paradieses werden die nunmehr erst Menschen seienden Menschen ein Leben lang geplagt von diesem einzig gesicherten Wissen über die Zukunft.

    Die verständliche Sehnsucht nach der Rückkehr in diese Unschuld des Nichtwissens – wieder "in Gott" zu sein – versorgt jede Religion mit Kraftstoff. Auch oder gerade heutzutage, da wir den diesbezüglichen Schmied in die Wüste geschickt haben und umso lieber zum Schmiedl gehen.

    Futurologischer Bann

    In einem veritablen Credo quia absurdum hegt und pflegt man die leisen Zweifel an der eigenen Sterblichkeit zu einer Art Gewissheit. Stattdessen rechnet und plant und vermisst und beschwört man ein Jenseits in diesem ewigen Diesseits. Eigene Werkstätten, Institute, Kongregationen hat man eingerichtet, der Zukunft auszurichten, wonach sie sich zu richten habe.

    Eine solche Vorgehensweise nennt sich – Pythia, schau owa! – "Delphi-Methode". Das scheint zwar ein treffliches Synonym für "Kaffeesatz" zu sein, aber der Begründer dieser Methode war ein tatsächlich hochgelehrter Mathematiker, Olaf Helmer mit Namen. 1910 kam er in Berlin auf die Welt, von der er sich 2011 in Anacortes, Washington, steinalt aber dennoch, verabschieden musste.

    Helmer und andere Emigranten – allen voran der Deutsch-Russe Ossip Kurt Flechtheim – begründeten die Futurologie, gewissermaßen die mit dem Gewicht der Zahlen versehene Lehre von den künftigen Dingen. In diesem futurologischen Bann stand auch der 1920 in Smolensk geborene Isaac Asimov, der weltberühmt wurde mit seinen bis heute gerne gelesenen und von Hollywood gerne auch verfilmten Science-Fiction-Romanen.

    Darin entwarf er unter anderem ausführlich – wenn auch ein bisserl vage – die von einem gewissen Hari Seldon begründete "Psychohistorik", mit deren Hilfe sich mit einem sogenannten Primärradianten abertausende Jahre in die Zukunft blicken ließe.

    Imperiale Wiederauferstehung

    Dieser Hari Seldon wird den Untergang des galaktischen Imperiums – davon erzählt Asimov – vorherberechnet haben mit eben dieser Psychohistorik, dank der er aber auch die imperiale Wiederauferstehung in primärradiantische Gleichungen wird gefasst haben können. In diesen werden auch naturnotwendige krisenhafte Entwicklungen enthalten gewesen sein, sodass Seldon schon am Anbeginn der Zeiten zu sagen vermocht haben wird, wann er den Seinen beizustehen gehabt haben wird mit gutem Rat.

    Ein Tempel wird eingerichtet worden sein. Immer, wenn sein Volk nicht mehr weitergewusst haben wird, wird es sich dort versammelt haben. Und wenn es sich um eine wirklich bedrohliche Krise gehandelt haben wird – eine "Seldon-Krise" -, wird der gute Hari Seldon in einem vor Ewigkeiten hergestellten Hologramm erschienen sein und verkündigt haben, welcher Weg nun zu nehmen gewesen sein wird ins Gelobte Land.

    So ein moderner brennender Dornbusch ist fraglos ein schönes Bild für die grassierende Vorstellung allgemeiner Plan- und Machbarkeit. Aber auch ein Sinnbild dafür, wie gering einem der eigene Plan- und Machbarkeitsbereich wird im Schatten futurologischer, trendforschender, prognoseinstitutioneller, gewissermaßen primärradiantischer Glaubenssätze. Das war aber, sagt nicht nur Liessmann, aber der eben auch, der Kammerton A des 20. Jahrhunderts, das "Konzept der Moderne".

    Leben im Absoluten

    In ästhetische Worte gefasst wurde dieser Kammerton schon im Jahr 1906 von Filippo Tommaso Marinetti, der unter anderem – aber wirklich nur unter anderem – hinausschrie ins junge Jahrhundert: "Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte! Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen."

    Mit diesem Manifest wurde der sogenannte Futurismus in die Welt geschleudert. Ein gewisser Benito Mussolini war ganz angetan davon. Das verkündigte Absolute ("Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht") ist dann aber auch – so weit zur Treffsicherheit futuristischer Anmaßung – unter vielen, vielen Schmerzen zersplittert.

    Bösartige Erzählungen

    Man hat die moderne Zukunftsbesoffenheit, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entfaltet hat, um mit ungeheurer Wucht ins 20. hereinzuplatzen, stets mit einer optimistischen Grundierung assoziiert. Dieser vorgebliche Optimismus war freilich stets auch verschwistert mit einer sehr pessimistischen Sicht auf den je Einzelnen.

    Nur als Gattung hatte er Geltung. Als Individuum war ein jeder und eine jede verdächtig, der schönen Zukunft – dem Fortschritt – im Wege zu stehen. Es ist eine der ungeheuerlichsten Erzählungen von der Zukunftszuversicht, mit welch naiver Bösartigkeit das 20. Jahrhundert sich der Formung des "Neuen Menschen" zugewandt hat.

    Wer nicht entsprach, wurde zur Not ausgemerzt aus dem Zukunftspool. Rassisch Unvollkommene, klassisch Unbrauchbare; Kapitalisten, Imperialisten, Trotzkisten, Titoisten – nichts als die Museumswärter, Bibliothekare und Akademiker aus den zu überwindenden alten Zeiten. Denen kann getrost der Garaus gemacht werden, die Pracht der Zukunft rechtfertigt das Elend der kurzen Gegenwart allemal. Morgen wird keiner mehr fragen, was heute mit den Gestrigen geschehen ist. Wer an der Zukunft hobelt, darf die Späne nicht scheuen.

    Die Kandare der Wirklichkeit

    Die Schockwellen des Konzepts vom Neuen Menschen schlagen immer noch ins Heute. Immer noch grassiert ja, zuweilen sehr unangenehm, die Vorstellung, es müssten die Menschen zugerichtet werden nach der je eigenen Vorstellung vom Fortschritt. Gutmenschen oder Ewiggestrige oder laue Wurschtigkeitsgfraster oder bildungsferne Modernisierungsverlierer oder wertfemde Zuwanderer – man sollte das Institut von "Selbstkritik" und "Umerziehungslager" nicht nur als Gegenstand historischer Betrachtungen sehen.

    Unheilsverkünder – Migrantenflut! Klimawandel! – laufen reichlich herum. Und Fürsten der Welt nicht minder. Ob George Soros oder Donald Trump; ob Angela Merkel oder Viktor Orbán; Emmanuel Macron oder Matteo Salvini – sie allesamt arbeiten satansgleich daran, dass es nicht so werden wird, wie es vorhergesehen – vorgesehen – ist; je nachdem. Nur an der Wall Street weiß man, wo der Bartel diesbezüglich den Most herholt. Eines der teuflischsten Instrumente unter den vielen teuflischen Instrumenten der Bankerdämonen und Börsenlucifers heißt nicht umsonst "future".

    Es ist nicht leicht, angesichts all dieser Aufgeregtheiten, die verstärkt werden durchs tausendfache Widerhallen an den digitalen Stammtischen, die eigene Aufgeregtheit an die Kandare der uralten Wirklichkeit zu nehmen, die da unumstößlich lautet: "Es sind auch schon Hausherren g'storben." Wir wollen es nur vergessen, dass immer noch gilt, was der Herrgott dem Adam und seiner Eva mitgegeben hat auf dem Weg hinaus ins Menschleben als Dämpfer allen futurologischen Überschwangs. "Denn Staub bist du", so hat das 1. Buch Mose uns überliefert, "und zu Staub wirst du werden."

    Baum des Lebens

    Dummerweise hat uns der Herrgott ja ein Alzerl zu früh hinausgeworfen aus dem Paradeisgarten. Es gab dort nämlich noch einen zweiten Baum, von dem zu kosten gewesen wäre. Aber "er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens".

    In jeder Zukunftshoffnung steckt auch ein säkularisiertes Stückerl der Frohen Botschaft: dass der Unerbittliche doch noch seinen Fluch zurücknehme und der Menschenwurm endlich "ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich".

    Wohlan, man nehme, und man esse! Janus, der römische Gott des Anfangs und des Endes, des Gestern und des Morgen – der Gott der Vergangenheit und der Zukunft, der unserem Januar den Namen geliehen hat -, grinst dabei freilich über alle zwei Gesichter. (Wolfgang Weisgram, ALBUM, 9.2.2019)

    Alles, was Sie über die Zukunft wissen müssen, finden Sie ab sofort in unserem neuen Ressort Edition Zukunft: derStandard.at/Zukunft

    STANDARD-Chefredakteur Martin Kotynek zur "Edition Zukunft": Wie wollen wir leben, arbeiten, wohnen?

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