Piotr Beczala: "Konsequenz ist mein zweiter Vorname"

    6. Februar 2019, 18:25
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    Der Startenor hat eine schwarze Liste von Regisseuren, mit denen er nicht arbeitet. Am Donnerstag debütiert er in "Tosca" an der Staatsoper

    Bisweilen ist auch ein Tenor schachmatt. Mitunter muss er seine kostbare Stimme erheben, um ein Festival zu retten, auch wenn einige Gesundheitslämpchen rot erstrahlen. Es begab sich etwa, dass 2012 bei den Salzburger Festspielen eine neue Bohème aus der Taufe zu heben war, während Piotr Beczala wohl lieber das Bett gehütet hätte.

    Ersatz gab es jedoch keinen, Beczala sang, und es ging schließlich gut: Er glänzte, er hielt unter erleichtertem Applaus als Rodolfo Mimis eiskaltes Händchen, das Anna Netrebko gehörte. Oft jedoch braucht Beczala solcherlei Triumphe nicht. Sie erinnern ihn wohl an jene mitunter beschwerliche Zeit, da er in Linz Haustenor war und jene Strapazen kennenlernte, die eine fast permanente Verfügbarkeit nach sich zieht.

    Karrierefaktoren

    Als historisch interessierter Künstler, der gern lesend Kollegenkarrieren studiert, ist der Mann (Jahrgang 1966) aus Czechowice-Dziedzice bezüglich eines allzu schnellen Verglühens gewarnt. Übermut, Mangel an Professionalität oder schlechte Technik – es gäbe allerlei Faktoren, die Karrieren beenden können: "Ein Tenor wie Giuseppe Di Stefano hätte viel größer sein können, als er ohnedies schon war. Leider hatte er es sich mit der Metropolitan Opera verbaut, wie man den Memoiren des Opernchefs Rudolf Bing entnehmen kann: Der schrieb: 'Di Stefano, Sie hätten die Chance, der Größte zu sein, nur sind Sie zu dumm dazu!'" Bei diesen Schilderungen ist mitleidvolles Entsetzen in Beczalas Antlitz zu erkennen, der für sich in Anspruch nimmt, frei von diesen Fehlern zu sein.

    Nichts ist Zufall

    Als Vokalist wolle man sich natürlich intensiv ausdrücken, der Darbietung etwas Besonderes verleihen. All dies müsse jedoch auf dem Fundament des Gelernten aufbauen, ansonsten droht Verschleiß: "Jede Handlung hat Konsequenzen! Ich liebe Konsequenz, sie ist mein zweiter Vorname, bei mir ist nichts zufällig! Ich hatte Angebote für Meistersinger: Ich habe mir die Partie angeschaut und für mich entschieden, dass sie im Moment noch nicht interessant oder passend für mich ist. Irgendwann finde ich vielleicht zu ihr.

    Parsifal ist eine andere Geschichte. Die Rolle ist kontemplativer. Mein Leben kann allerdings nicht lang genug sein, dass ich mich zum Tristan hin entwickeln werde. Ich bin Realist und bedauere das nicht. Aber Otello wäre vielleicht etwas für mich."

    Schwarze Liste

    Es kam bei Sängern schon vor, dass der Grund für die Absage einer Rolle in der Regie zu suchen war, die dem Sänger nicht behagte. Beczala baut auch dem vor. Er hat eine schwarze Liste von Regisseuren, mit denen er nicht arbeitet. Insofern gibt es keine Unklarheiten: "Ich will keine Namen nennen. Einige der darauf Befindlichen wurden jedenfalls mit Auszeichnungen überhäuft." Es brauche nicht auf Biegen und Brechen "Neues, um eine Oper zu erklären. Ich will nicht in einer schäbigen Hose einen König spielen, wenn es nichts mit dem zu tun hat, was der Komponist geschrieben hat. Dafür ist mir meine Zeit zu schade."

    Zudem findet er es "äußerst ärgerlich, wenn sich Regisseure über klassische und daher vielleicht konservative Inszenierungen lustig machen. Das habe er bereits erlebt und empfinde es als unfair. "Natürlich muss man manche Stücke in das Heute übersetzen, bei Universalopern wie der Zauberflöte geht das sehr gut."

    Gern ins Detail

    Selbstverständlich soll nicht daraus geschlossen werden, Beczala wäre inhaltlich desinteressiert. Er geht gern ins Detail, studiert literarische Vorlagen. "Man muss sie lesen, um zu verstehen. Die Partitur ist eine Weiterentwicklung der Vorlage, und die Differenz von Libretto und Original kann gewaltig sein. Wenn man die nicht kennt, hat man ein Problem." Es mache ihn "wahnsinnig, wenn einer singt, als ob er den Text nicht verstanden hätte – wenn es klingt, als würde er aus einer Speisekarte vortragen. Man muss in die Hintergründe eintauchen, dorthin, wo der pure Text lauert."

    Insofern ist Beczala auch nicht der Meinung, eine Oper wie Tosca spitze sich für den Tenor nur auf Cavaradossis finale Arie E lucevan le stelle zu wie auf einen Elfmeter, den er zu verwerten habe. "Ich kämpfe gegen diese Meinung an. Ich finde, dass man jede Rolle ernst nehmen muss, und das heißt: die Geschichte ab dem ersten Auftritt aufzubauen und zu versuchen, einen dramaturgischen Bogen zu kreieren. Wenn man das nicht schafft, wird auch die Arie nicht helfen."

    Schöne Momente

    Selbige landet aber wahrscheinlich auf Youtube, was Beczala hinnimmt. "Natürlich muss man als Sänger damit leben, dass von einem selbst sehr viel im Netz steht – auch die nicht so schönen Momente. Auch darauf muss man eben sehr gut vorbereitet sein. Zu Carusos Zeiten gab es zwar kein Youtube, aber wenn man seine Biografien liest, sieht man, dass auch praktisch jede Vorstellung rezensiert wurde. Das ist also zu heute gar nicht so unähnlich."

    "Tosca" an der Wiener Staatsoper am 7., 10., 14., 17. Februar; am 23. 2. Great Voices Recital im Wiener Konzerthaus, am 5. Juni im Wiener Musikverein

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    • Piotr Beczala: "Es ist äußerst ärgerlich, wenn sich Regisseure über klassische  und daher vielleicht konservative Inszenierungen lustig machen!"
      foto: anja frers / dg

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