Letzte Berlinale für Dieter Kosslick: Das Jahr vor dem Umbruch

    6. Februar 2019, 18:05
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    Das Festival braucht künftig ein neues Profil

    Mit großem Tamtam will er sich offenbar nicht zurückziehen, alles sieht nach business as usual aus. Dabei wurde Berlinale-Chef Dieter Kosslick, der heute Abend seine 18. und letzte Ausgabe eröffnen wird, von seinen Kritikern gerne als Zirkusdirektor bezeichnet. Nach außen gab er tatsächlich gerne den heiteren Conferencier mit lustigem Schal, der Witze wie Bonbons verteilte.

    Als Manager habe er, wie er dieser Tage gerne in Interviews betont, das populäre Großfestival allerdings auch für schwierige Zeiten gewappnet, indem er etwa unterschiedliche Zielgruppen erschlossen habe. Sektionen wie "Kulinarisches Kino", die feines Essen mit thematisch passender Filmbeilage garnieren, sind seine Erfindung.

    Keine US-Produktion

    Trotz des Publikumszuspruchs wurde dies nicht nur Puristen in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit allmählich zu wenig. Jahr für Jahr vermisste man im Wettbewerb, dem künstlerischen Aushängeschild des Festivals, die entscheidenden, impulsgebenden Filmschaffenden ein wenig mehr. Das war nicht immer gerecht, denn es gab große Filme zu sehen. Aber rundherum dominierte das Mittelmaß – Arthouse-Kino, das die von der Berlinale so gern beschworene politische Aktualität oft nur wie einen Bauchladen umgeschnallt trug.

    Die 69. Berlinale scheint dahingehend keinen anderen Weg einzuschlagen – Kosslick und sein kuratorisches Team haben viele Filmemacher zurückgeholt, die man schon aus früheren Ausgaben kennt (wie die Dänin Lone Scherfig, die mit The Kindness of Strangers die Eröffnung bestreitet). Das ist bei einer Abschiedsrunde durchaus verständlich: Da setzt man gerne noch einmal auf bewährte Kräfte. Auffällig ist, dass keine US-Produktion darunter ist (außer Adam McKays Dick-Cheney-Film Vice, der außer Konkurrenz läuft). Das ist der schon länger spürbare Effekt der vorverlegten Oscar-Verleihung.

    Eine neue Rolle gesucht

    Regisseurinnen wie Angela Schanelec (Ich war zuhause, aber), der Israeli Nadav Lapid (Synonymes) oder der Franckkanadier Dénis Côté (Répertoire des villes disparues) kann man sich allerdings auch gut in einem Wettbewerb von Kosslicks Nachfolger, dem Italiener Carlo Chatrian, vorstellen. Der ehemalige Locarno-Chef ist anders als Kosslick ein aufrichtiger Cinephiler, der herausfordernde Arbeiten gerne prominent programmiert. Ab 2020 wird er mit der Niederländerin Marietta Rissenbeek (geschäftsführende Leitung) eine Doppelspitze formen.

    Die Hoffnungen, dass er der Berlinale wieder ein deutlicheres Profil verleiht, vielleicht sogar zu einem Ort für Entdeckungen macht, sind, wie übrigens schon bei Kosslicks Bestellung, groß. Die Herausforderungen sind aber auch nicht gerade winzig: Die Distributionslandschaft von Filmen ist durch die großen Streaming-Produktionen im Umbruch. Das wird auch die Rolle von Festivals nicht unberührt lassen. (Dominik Kamalzadeh, 7.2.2019)

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