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10. Februar 2019, 09:00

Wenn es nicht der wird, dann der Nächste", sagt Ivanka. "Morgen kann ich das nächste Date haben", sagt Barbara. "Ein kleiner Makel wird nicht mehr akzeptiert, weil es ja so viele schnell verfügbare Alternativen gibt", sagt Mathias. Was die drei Millennials, 27, 28 und 26 Jahre alt, da unabhängig voneinander auf den Punkt bringen, hat im Amerikanischen sogar einen eigenen Namen bekommen: "Fobo" heißt das zeitgemäße Phänomen und steht für "fear of a better option". Simpel: die Angst, etwas zu versäumen.

Warum eine bessere Option heute gleich mit einem Gefühl der Angst konnotiert ist, wird sich im Verlauf dieses Textes vielleicht noch klären. Aber wenn hier von Sex die Rede ist, wären doch bessere Optionen zunächst einmal nicht schlecht. Und tatsächlich: Noch nie gab es ein so offenes und gutes Klima für Sex wie heute. Um ihn zu haben, braucht niemand mehr verheiratet zu sein, verschiedenste sexuelle Orientierungen werden weitgehend akzeptiert, oder zumindest herrscht breiter Konsens darüber, dass das so sein sollte, Verhütungsmittel sind unkompliziert verfügbar, Stimulanzien wie Viagra und Co auch, die HIV-Raten gehen zurück, und: Dating-Plattformen und Dating-Apps machen Sex überall und jederzeit verfügbar – in oft viel weniger als einer Stunde. Paradiesische Zustände also? Nein, nicht wirklich.

Es ist kompliziert

Denn trotz allem oder vielleicht gerade deswegen ist das alles sehr kompliziert. Warum das so ist, mit diesem Themenkomplex hat sich zum Beispiel die israelische Soziologin Eva Illouz beschäftigt, deren aktuelles Buch "Warum Liebe endet" den vorläufigen Abschluss ihres Forschungsprojekts bildet, mit dem sie erkundet hat, was der Konsumkapitalismus und das Internet mit der Liebe und dem Sexualleben der Menschen so machen. Bei ihr lässt sich nachlesen, dass die romantische Liebe über viele Jahrzehnte wenn schon keine Realität, so doch ein Leitbild für ein gelungenes Leben war: sich verlieben, heiraten, Kinder bekommen und gemeinsam alt werden. Das war einmal.

Denn noch nie war es so leicht, einen Sexualpartner, eine Sexualpartnerin für unverbindlichen Sex zu finden. Illouz: "In der Welt der vernetzten Moderne sind der Zusammenbruch der sozialen Beziehungen und des gesellschaftlichen Zusammenhalts stark mit dem Wachstum sozialer Netzwerke, mit Technologie und Konsum verbunden." Dating-Plattformen sind Marktplätze, auf denen Sex zum Konsumgut geworden ist.

Führen wir uns kurz ein paar der Herausforderungen, mit denen moderne Gesellschaften heute so konfrontiert sind, vor Augen: Der wachsende Stress am Arbeitsmarkt, Selbstoptimierungsdruck, die steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen, das Mehr an Aufmerksamkeit für komplexe Genderfragen, exzessiver Smartphone- und Social-Media-Konsum, die Verfügbarkeit digitaler Pornografie, Schlafmangel, Umweltbelastungen, Helikopter-Eltern etc. Sie können die Liste in Ihrem Kopf beliebig fortsetzen. Fest steht: Wenn sich eine Gesellschaft so radikal verändert wie die unsere, wie sollten diese Veränderungen keinerlei Auswirkungen auf das Sexualverhalten haben?

Sexlose Gesellschaft

Klickt man sich, wie viele es tun, etwa nach einem anstrengenden Arbeitstag durch das zerstreuende Angebot von Netflix, stößt man vielleicht auf die Dokuserie Sex & Love Around The World der bekannten CNN-Reporterin Christiane Amanpour, um zu realisieren, dass längst nicht nur tatsächliche Krisen- und Kriegsregionen der Welt eine eingehende Betrachtung wert sind. Schaut man sich Amanpours Report zum Beispiel über Tokio an, gewinnt man rasch den Eindruck, dass Japan an der Spitze jener Länder steht, die sich schon jetzt in Richtung sexlose Gesellschaft entwickeln.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch der im Dezember 2018 erschienene Artikel im US-Magazin The Atlantic unter dem Titel "The Sex Recession". Die Statistik lässt überall da aufhorchen, wo es Erhebungen zum Sexualleben gibt. Australier, Briten, ja sogar die jungen Schweden haben, so The Atlantic, weniger Sex. In den Niederlanden ist das Durchschnittsalter für den ersten Sex von 17,1 Jahren 2012 auf 18,6 Jahren im Jahr 2017 angestiegen. Im Jahr 2015 hatten 43 Prozent aller japanischen Singles zwischen 18 und 34 noch keinen Sex. Würde die Statistik Austria irgendetwas in diese Richtung erheben, wäre Österreich vielleicht auch keine Insel der Sexseligen mehr.

foto: suhrkamp
Eva Illouz: Warum Liebe endet. Suhrkamp 2018.
447 Seiten, 25,70 Euro

Die Autorin Eva Illouz beschreibt in ihrem Buch eindeutig eine wachsende emotionale Verwirrung und Ungewissheit in Sachen Sex und Beziehungen. Ihre These: "Die wechselseitige Durchdringung von Kapitalismus, Sexualität, Geschlechterverhältnissen und Technologie bringt eine neue Form der Nichtsozialität hervor." Also eine neue Form der Einsamkeit. Barbara, 28, sagt: "Auf Tinder ist alles unverbindlich. Selbst wenn man jemanden ein paar Male getroffen hat, kann man wieder aufhören, zurückzuschreiben. Das machen alle. Man fühlt sich überhaupt nicht verpflichtet, weil man die andere Person ja nicht kennt. Das finde ich eigentlich sehr traurig." Beate, 28, sagt: "Zu Tinder gibt es viele Vorurteile, zum Beispiel, dass es immer nur um Sex geht. Aber da sind auch ganz normale Leute dort. Viele suchen eine ernsthafte Beziehung. Aber kaum jemand will noch etwas in eine Beziehung investieren, daran arbeiten. Es muss sofort passen, ansonsten geht man zum Nächsten. Es ist irgendwie widersprüchlich. Die Menschen wollen lockere Geschichten. Beziehung, aber ohne Verpflichtungen. Wenn man schlecht drauf ist, muss man sich nicht erklären, sich vor niemandem rechtfertigen."

Richtige Akkordarbeit

Wenn es nicht passt, dann beendet man es wieder, noch bevor es eigentlich begonnen hat. Auf der Dating-App Tinder nach links zu wischen heißt: Nein. Nach rechts zu wischen heißt: Ja. Aber führt so ein "Ja", die theoretische Verfügbarkeit von Sexualpartnern und Sexualpartnerinnen, automatisch zu mehr Sex? Oder überhaupt zu Sex? Auch darauf ist die Antwort nicht ganz einfach. Beate, 28, sagt: "Wenn man wirklich jemand finden will, ist Tinder richtige Akkordarbeit. Ständig muss man am Handy hängen." Ivanka, 27, sagt: "Letztens habe ich einen kennengelernt, der war mir zwar sympathisch, aber ich fand ihn zu klein. Dann habe ich mir gedacht: Ich muss ja nicht, es gibt viele andere, die größer sind."

Kennen Sie das Phänomen? Man steht vor einem vollen Buffet und hat plötzlich keinen Hunger mehr. Auch die ausführlichen Recherchen und Gespräche mit jungen Amerikanern und Amerikanerinnen in The Atlantic kommen genau zu einem solchen Fazit: mehr und mehr Appetitlosigkeit, wenn es um Sex geht. Unverbindliche Internetplattformen führen offensichtlich zu einem Verlust der Bindungsfähigkeit. Dating-Services scheinen nur mehr für sexuelle Minderheiten Sinn zu machen: Laut Atlantic führen die Apps für unverpartnerte, homosexuelle Menschen zu höheren Erfolgsraten. Für die heterosexuelle Mehrheit gilt: The Sex Recession, auf Deutsch Rezession, Konjunkturrückgang. Kurz: Flaute.

Statt Liebe als soziale Form für Freundschaft, romantische Liebe, Ehe oder auch Scheidung zu definieren, haben sich in der hyperkonnektiven Moderne neue Bindungen entwickelt, die Illouz als "negative Bindungen" bezeichnet. Die durch einen anonymen Marktplatz im Internet möglichen One-Night-Stands, Seitensprünge, Spontanficks, Freundschaft-plus-Beziehungen (friends with benefits), Casual Datings oder Cybersexerlebnisse sind losgelöst von moralischen oder gesellschaftlichen Einschränkungen, die es bis vor der digitalen Wende noch gegeben hat. Klar: Die israelische Soziologin beleuchtet vor allem die Schattenseiten der digitalen Verfügbarkeit und stellt sich die Frage, was mit jenen passiert, die dabei auf der Strecke bleiben. Weil ein Foto nicht gut genug ist, weil man zu alt und/oder zu wenig attraktiv darauf ausschaut.

Den Selbstwert opfern

Illouz ist auch überzeugt, dass das Scheitern von Liebesbeziehungen gesellschaftlich noch immer als persönliches Versagen wahrgenommen wird. Aber wenn mittlerweile mehr als 50 Prozent aller Ehen scheitern, würde das ja bedeuten, dass die Hälfte aller Paare selbst daran schuld sind: "Sind sie aber nicht", sagt Illouz. Aber alle diese "Opfer dieses kapitalisierten Liebesmarkts" gehen, im besten Fall und wenn sie über genügend finanzielle Mittel verfügen, zu Psychiatern oder Psychotherapeuten, um sich dort ihr beschädigtes Selbstwertgefühl wiederherstellen zu lassen. Warum Liebe endet fragt aber keinesfalls besorgt nach der Zukunft der Ehe oder stabiler Beziehungen und ist auch kein moralinsaures Plädoyer gegen Gelegenheitssex. "Ich habe vielmehr beschrieben, wie die Aneignung des sexuellen Körpers durch den Kapitalismus das Selbst, das Selbstwertgefühl und die Regeln zur Begründung von Beziehungen transformiert hat", sagt Illouz. Und die Soziologin kommt dabei zu einem "schwindelerregenden Ausmaß an Erfahrungen von Zurückweisung, Verletzungen, Enttäuschungen, zu Erfahrungen des Ent- und Nichtliebens".

Auch das STANDARD-Forum ist immer wieder voll von Erfahrungsberichten in diesem Bereich. User "the_great_catsby": "So sehr ich Tinder zu seiner Zeit geschätzt habe, hoffe ich, dass ich mich dort nie wieder anmelden muss." User "BlameOnThrones": "Insgeheim sucht man schon die Liebe. Finden tut man aber hauptsächlich Leute mit Bindungsängsten, gepaart mit Narzissmus." Und der 26-jährige Millennial Mathias sagt: "Die Ansprüche sind extrem hoch. Zurückstecken, Fehler akzeptieren oder an einer Beziehung arbeiten ist für viele keine Option. Das macht es extrem schwierig, wirklich jemanden zu finden."

Männliche Abhängigkeit

Dabei ist die Soziologin Illouz überzeugt, dass Männer mit dieser zunehmenden Trennung zwischen Sex und Liebe wesentlich besser umgehen können als Frauen, die tendenziell stärker ein Commitment suchen. Denn parallel zum Feminismus entwickelte sich auch die Konsumgesellschaft weiter. Und die neuen Errungenschaften der sexuellen Freiheit wurden gleich auch von der Medien- und der Modebranche aufgegriffen. "Trotz feministischer Errungenschaften bleiben die Frauen in einer komplett männlichen Abhängigkeit", kritisiert Illouz und nennt die #MeToo-Debatte als aktuellstes Beispiel.

Beate, 28, sagt: "Selbst wenn man auf der Suche nach einer fixen Beziehung ist, gibt man das auf Tinder nicht an. Man glaubt dann irgendwie, man könnte was versäumen." Märkte sind klar wettbewerbsorientiert, noch mehr die sexuellen Märkte im Internet. Die Pornoindustrie und die verfälschten Vorstellungen von Sexualität und Körperlichkeit, die sie vermittelt, aber auch die wachsenden Umsätze für die Eingriffe der plastischen Chirurgie, all die Botox-Behandlungen und Schamlippen-Korrekturen sind nur weitere Belege für kapitalisierte Sex- und Liebeslandschaften. Und sie produzieren Verlierer und Verliererinnen, für die, so Illouz, wiederum eine Flut an Selbsthilfebüchern und in weiterer Folge auch jede Menge spirituelle Bewegungen zur Verfügung stehen.

Neue Einsamkeit

In seiner krassesten Ausprägung entstehen in so einem System Menschen, denen sämtliche Liebesbeziehungen verweigert bleiben. Auch für diese Spezies gibt es im Amerikanischen schon einen Namen. Sie heißen "Incels" , ein Mix aus "involuntary" und "celibacy", also unfreiwillig und zölibatär. Oft sind das Männer, die mit aggressivem Verhalten auf diesen Umstand reagieren.

Diese vollkommen veränderte Dating-Landschaft zieht mittlerweile eine Vielzahl junger, oft verwirrter Menschen nach sich, die sich – und auch das ist im Atlantic nachzulesen – viel lieber auf ihre Karriere und weniger auf mögliche und unmögliche Liebesbeziehungen konzentrieren wollen. Einfach beim Dating eine Pause einlegen, mehr Sinn in Freundschaften suchen – und finden. Und überhaupt, viele leben ohnehin bis weit in ihre Zwanziger noch bei den Eltern. Auch kein idealer Nährboden für ein eigenständiges Sexleben.

Hier tut sich tatsächlich ein "Generation Gap", ein Bruch zwischen den Generationen, auf. Denn wenn etwa zwei der Autorinnen um die fünfzig sich fortschrittlich vorkommen, weil sie noch wissen, was Tinder ist, sind Dating-Apps für die rund 30-jährige Kollegin und ihren Freundinnen-Kreis tägliche Realität. Die einfache Lösung von früher, jemanden da draußen kennenzulernen, Sex zu haben und zusammenzukommen, die funktioniert so längst nicht mehr. Sich in einer Bar treffen? Ja, vielleicht unter Freunden. Von jemandem in einer Bar angesprochen werden? Die Amerikaner nennen das: creepy, deutsch "gruselig" – und empfinden das allein schon als sexuelle Belästigung. Auch hier sitzt der Feminismus in seiner eigenen Falle, und Eva Illouz, die das differenziert anspricht, wird dafür von ihren Feminismus-Kolleginnen auch kritisiert.

Alles gleichzeitig

Frustrierend? Oh, ja. Und vielleicht mit ein Grund, warum Depressionsraten in die Höhe schnellen. Aber es ist ein Teufelskreis, denn nicht nur Depressionen, sondern auch die Antidepressiva, die dagegen verschrieben werden, wirken sich negativ auf unsere Libido aus. Früher einmal hat ein erfülltes Sexualleben zu einem erfüllten Leben gehört. Aber vielleicht wäre das heute zu viel verlangt? Vielleicht kann man nicht gleichzeitig immer am Handy sein, seine Social-Media-Kanäle und Dating-Apps verwalten, Serien und Youtube schauen, gut aussehen, seinen Körper fit halten, sich gesund ernähren, den Helikopter-Eltern keine Sorgen machen, in der Infoflut im Internet den Überblick bewahren, sich für die Umwelt engagieren, zur Psychotherapie gehen, sich gegen die Konkurrenz am Arbeitsmarkt durchsetzen – und auch noch erfüllten Sex haben.

Beate, 28, sagt: "Ich habe Tinder schon oft gelöscht und mich einige Wochen später wieder angemeldet und dann wieder gelöscht. Meinen jetzigen Freund habe ich über Tinder kennengelernt. Ich hätte ihm beim ersten Date keine Chance gegeben. Er ist ganz anders, als ich ihn eingeschätzt habe. Er ist zum Glück drangeblieben." Zum Glück. (Mia Eidlhuber, Karin Pollack, Bernadette Redl, erschienen im Album, 10.2.2019)

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