Schikane im Spital: Wo Patienten nicht ernst genommen werden

Blog10. Februar 2019, 15:00
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Rückenschmerzen sind höllisch. In einem Spital im zehnten Bezirk wurde eine Patientin quasi sich selbst überlassen – ein beunruhigender Patientenbericht

Mitunter höre ich Geschichten, die ich nicht glauben kann. Zum Beispiel die einer Bekannten. Sie kommt aus Tirol, ist sportlich und hart im Nehmen, würde ich sagen. Auf jeden Fall ist sie nicht der Typ, der gleich zum Arzt rennt. "Ich weiß mir eigentlich immer zu helfen" – ihre Worte. Und gerade deshalb macht mich die Geschichte mit ihren Rückenschmerzen umso fassungsloser. Am 1. Jänner konnte sie sich nämlich nicht mehr bewegen. Gar nicht mehr. In der Nacht kam der Ärztenotdienst zu ihr nach Hause und spritzte Schmerzmittel. Am nächsten Tag machte die Hausärztin einen Besuch, spritzte ebenfalls und riet: "Wenn es nicht bald besser wird, rufen Sie die Rettung."

Nie hätte sie gedacht, dass das notwendig sein würde. Doch als die Wirkung der Schmerzmittel abklang, konnte sie sich nur mehr auf allen vieren fortbewegen. So wie ihr die Hausärztin geraten hatte, rief sie die Rettung. "Nehmen Sie einen Koffer mit – wer nicht mehr gehen oder sitzen kann, der muss sicher über Nacht im Spital bleiben," sagten die Sanitäter zu ihr.

"Kein Bett frei"

Man brachte meine Bekannte also in ein Spital im zehnten Bezirk. Erste Botschaft an die Patientin: "Es ist kein Bett frei." Ihre einzige Option sei, sich auf eine Art Liege zu legen. Doch weil die Lehne gewölbt war, tat ihr das einfach zu weh. Deshalb legte sie sich flach auf den Boden, das tat ihr gut. Als ein vorbeigehender Arzt das sah, sagte er zum Pflegepersonal: "Legt sie wenigstens in ein Bett, sonst kommt die Zeitung wieder und schreibt über uns."

Auf einmal gab es, so erzählt meine Bekannte, dann doch ein Zimmer. Man nimmt ihr Blut ab, gibt ihr eine Infusion und macht neurologische Tests. Sie erfährt nicht, ob sie aufgenommen wird. Es wird Abend. Die Schmerzen sind immer noch da. Es wird Nacht. Bis null Uhr erfährt die Patientin nicht, ob sie über Nacht im Spital bleiben muss. Auch das MRT, das bereits im Oktober gemacht wurde, will niemand sehen. Dann, etwa kurz nach Mitternacht, heißt es von einem Arzt: "Sie gehen jetzt heim." Die Patientin weint immer noch vor Schmerzen und erklärt, dass sie weder gehen noch sitzen könne. Alleine daheim sein, wenn der Lebensgefährte am nächsten Tag arbeiten muss, ist also keine Option.

"Etwas Besseres zu tun"

Sie wird doch aufgenommen, kommt in ein anderes Zimmer – in dem zwei weitere leere Betten stehen. Eine erboste Schwester keift: "Woher kommen Sie und warum haben Sie einen Koffer dabei?" Meine Bekannte weiß nicht, wie ihr geschieht – und noch weniger, als sie hört, die Schwester hätte etwas Besseres zu tun, als ihr erneut einen venösen Zugang für die Schmerzmittel zu legen. "Wenn Sie Schmerzen haben, bekommen Sie Tropfen", sagt sie. Der alte Zugang wurde zuvor entfernt, als die Patientin nach Hause geschickt werden sollte. Meine Bekannte kennt sich nicht aus: Warum ist man so unfreundlich zu ihr, warum diese Vorwürfe? Wegen des Koffers?

Am nächsten Tag wird dann aber doch in einer anderen Station der Bandscheibenvorfall diagnostiziert. In der Abteilung, auf der sie liegt, erfährt davon aber niemand etwas. Das Personal weiß nichts. Offensichtlich reden die Abteilungen im Spital nicht miteinander.

Aufs Klo gehen, sich duschen, die Zähne putzen: In ihrer Not ruft meine Bekannte ihre Mutter in Tirol an und holt sie zu Hilfe. Diese kommt nach Wien, und auch sie wird im Spital unfreundlich behandelt. Als sie mit der Ärztin sprechen will, hört sie: "Reden Sie mit Ihrer Tochter, die weiß eh alles."

"Nur Muskelkrämpfe"

Schließlich sind es ihre Mutter und ihr Freund, die die Patientin pflegen und sie bei den Dingen des täglichen Lebens unterstützen. Bis sie schließlich aktiv werden, in anderen Spitälern anrufen und dort um Aufnahme meiner Bekannten bitten. Am selben Tag kommt ein Arzt ins Zimmer und sagt: "Sie gehen jetzt nach Hause, Sie haben nur Muskelkrämpfe. Das Pflegepersonal sagt, Sie können alles alleine machen." Weder er noch die Pfleger hatten offensichtlich gesehen, wie sehr meine Bekannte die Hilfe ihrer Angehörigen brauchte.

In diesem Moment reißt meiner Bekannten der Geduldsfaden: "Glauben Sie, es ist lustig, mit 38 Jahren mit der Mutter auf die Toilette gehen zu müssen? Ich kann nicht gehen! Ich kann nichts alleine tun!" Auf die Frage, warum kein MRT gemacht wird, antwortet der Arzt: "Wir berufen uns nicht auf Befunde, sondern auf Erfahrung." Meine Bekannte will nur noch weg. In ein anderes Spital. Schlussendlich organisiert der Arzt ihr eine Überweisung. Die Patientin bekommt keinen Entlassungsbescheid, es gibt keine Verabschiedung.

Patientin bestimmt mit

Im neuen Krankenhaus im fünften Bezirk läuft nun alles ganz anders, endlich so, wie es sein soll. Man empfängt meine Bekannte mit Verständnis, macht Tests, verordnet Schmerzmittel, die plötzlich auch wirklich helfen. Auch über die Therapie wird sie umfassend informiert, das Personal auf der Station weiß Bescheid. Sie wird wertschätzend behandelt, per MRT wird ein akuter Bandscheibenvorfall diagnostiziert.

Als ihre neue Ärztin sagt: "Sie sind meine Patientin und ich habe Sorge zu tragen, dass Sie gesund werden", habe es unendlich gut getan, endlich das Gefühl zu haben, dass ihr jemand zuhört, sagt meine Bekannte, die bis heute nicht versteht, was sie im Spital im zehnten Bezirk falsch gemacht haben könnte. (Bernadette Redl, 10.2.2019)

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