Münzen, Apps und Bitcoin: Zukunft des Geldes ist Glaubensfrage

    11. Februar 2019, 06:00
    258 Postings

    Die einen sehen private Kryptowährungen als Zahlungsmittel von morgen. Die von Zentralbanken garantierten Währungen seien unersetzbar, sagen andere

    Zwischen einem Säckel mit Goldmünzen und einer Bezahl-App liegen Jahrhunderte und ganze Welten. Doch seit der Prägung der ersten Münzen vor rund 2700 Jahren dreht sich beim Geld alles um eines – um Vertrauen. Wer bereit ist, seinen Besitz oder die Frucht seiner Arbeit für Metallstücke, Papier oder Bits herzugeben, möchte sicher sein, dass andere dies ebenso tun. Geld war und bleibt eine soziale Norm – darin sind sich Ökonomen wie Soziologen einig.

    foto: reuters / leonhard foeger
    Nachrufe auf das Bargeld gelten als verfrüht.

    Bei Diskussionen um die Zukunft des Geldes geht es daher meist weniger um Bezahlsysteme. Ob im Geschäft in bar oder per Handy bezahlt wird, ob ein Betrag per Bankscheck auf ein anderes Konto wandert oder durch eine elektronische Überweisung, die mit TAN-Code, Fingerabdruck oder Irisscan gesichert wird – all das ist eine Frage der Bequemlichkeit, aber vom Prinzip her ziemlich egal.

    Was erhält den Wert des Geldes?

    Die spannendere Frage ist, wie der Glaube in den Wert des Geldes in Zukunft am besten erhalten werden kann. Und da fällt dann meist der Begriff Kryptowährung – die wohl wichtigste Innovation in der Welt des Geldes der letzten 100 Jahre.

    Und rund um Bitcoin und Co tobt nun seit Jahren ein Glaubenskrieg. Die eine Gruppe sieht darin trotz der massiven Kursschwankungen bei Bitcoin in den vergangenen zwei Jahren die Zukunft, die andere eine sinnlose, ja sogar gefährliche Sackgasse.

    Wer schafft das Geld?

    Thomas Mayer gehört jedenfalls zur ersten Gruppe. Der frühere Chefökonom der Deutschen Bank hat durch die Weltfinanzkrise den Glauben ans heutige Finanzsystem verloren. Wie andere Kritiker weist er darauf hin, dass der Großteil des Geldes im Umlauf nicht von den Zentralbanken geschaffen wird, sondern durch die Kreditvergabe der Banken.

    foto: apö / louis lanzano
    Die Pleite von Lehman Brothers am 15. September 2008 war ein Schock und ein Wendepunkt für die Finanzwelt.

    Sie gewähren Darlehen, die über Umwege wieder auf Bankkonten landen und dann erneut verliehen werden. Nur ein kleiner Teil bleibt als Sicherheitsreserve auf den Büchern, um gegen eine Bankenpanik zu schützen.

    Von Florenz bis Bretton Woods

    Dieses Giralgeld oder fraktionale Reservesystem entstand im 14. Jahrhundert in Venedig und Florenz; es ermöglichte starkes wirtschaftliches Wachstum, aber löste immer wieder Krisen aus.

    Bis 1971 bot ein mehr oder weniger glaubwürdiger Goldstandard ein Auffangnetz für allzu große Fehlentwicklungen, doch seit dem Kollaps des Bretton-Woods-Systems mir dem Dollar als Anker liegt es nur an den Notenbanken, wie viel Geld sie drucken und wie sie dieses absichern. Seither hat das Kreditvolumen dramatisch zugenommen – bis es mit der Lehman-Pleite im September 2008 zum großen Crash kam.

    Vollgeld vs. Buchgeld

    In seinem Buch "Die neue Ordnung des Geldes" trat Mayer ein paar Jahre später in das Lager der Vollgeldbefürworter über. Diese fordern, dass Banken nur noch jenes Geld verleihen können, das sie sich zuvor von der Zentralbank ausgeborgt haben – die Notenbank also die Geldmenge steuert und nicht mehr die Banken.

    "Die Abhängigkeit des Buchgeldes von der Kreditvergabe führt zu starken Schwankungen und Finanzblasen, die dann in Krisen bereinigt werden müssen", sagt Mayer. Die Folge seien ständige Instabilität und weniger Wachstum, weil die Banken nach einer Krise nur zögernd Kredite vergeben. "Wenn die Banken den Mumm nicht haben, kommt es nicht zur Geldproduktion. Wir stecken im Treibsand." Bei einem sogenannten Aktivgeld bliebe die Geldproduktion dagegen stabil.

    Hayeks Vermächtnis

    Mit dem großen Systemwechsel rechnet Mayer vorerst nicht. Die Lehren aus der Weltfinanzkrise seien rasch vergessen worden. "Niemand denkt über eine Alternative nach, solange eine neue Krise dies nicht erzwingt." Er sieht aber einen schleichenden Wandel durch die Kryptowährungen. Wie einst vom österreichischen Ökonomen Friedrich von Hayek verlangt, werde es zu einem Wettbewerb der Währungen kommen, bei dem sich das stabilste Geld durchsetzen werde. Und dies sei nicht unbedingt das staatliche.

    foto: reuters / lucy nicholson
    Für manche bleibt Bitcoin trotz der gewaltigen Kursschwankungen das Modell für die Zukunft.

    "Man kann damit rechnen, dass Kryptogeld unser Papiergeld und das heutige Bankengeld in der Zukunft ersetzen wird", sagt Mayer. "Mit dieser Technologie können das Vollgeld und die Entnationalisierung des Geldsystems verwirklicht werden."

    Die Eurozone ist nur eine Bargeldunion

    Besonders in der Eurozone sieht Mayer Bedarf für Alternativen, denn durch die fehlende europäische Einlagensicherung sei der Euro ständig gefährdet, da jedes Land seine eigenen Banken und deren Geldschöpfung versichern müsse. Ländern wie Griechenland falle das schwer. "Wir haben keine Währungsunion, sondern nur eine Bargeldunion. Nur die Banknoten haben die gleiche Qualität im ganzen Euroraum."

    Damit sich Kryptowährungen durchsetzen, müsse erst der Rechtsrahmen entsprechend angepasst werden. Mayer rechnet damit, dass dies in Ländern wie der Schweiz, Liechtenstein oder Singapur als Erstes geschehen werde. Sie würden damit einen Standortvorteil erwerben. Mayer: "In 20 Jahren werden Kryptowährungen eine ernsthafte Konkurrenz für das bestehende Kreditgeld sein. Dort, wo das Geld schlecht gemanagt wird, werden alternative Währungen übernehmen."

    Eine Frage der Wertstabilität

    Beat Weber hingegen ist überzeugt, dass Krypto-Coins, wie er sie nennt, das derzeitige Geldsystem nie ersetzen können. "Die zentrale Frage einer Währung ist nicht die Form, sondern die Wertstabilität", sagt der Währungsexperte der Oesterreichischen Nationalbank.

    "Und was das Stabilitätsversprechen, das hinter dem heutigen Geldsystem steht, toppen könnte, sehe ich weit und breit nicht." Die Erfinder von Bitcoin und Co würden staatliche Garantien bewusst ablehnen und setzten stattdessen auf eine Obergrenze bei der Geldmenge, die nicht auf die Nachfrage reagiert. Weber: "Das Ergebnis ist ein extrem volatiler Kurs."

    Versuche, diese Schwankungen durch eine Wechselkursbindung zu verhindern, seien genauso fragwürdig wie andere "Currency Pegs", warnt Weber. "Hier kehrt die Vertrauensfrage jedes Wechselkurssystems zurück: Wer hat die Dollarbestände, um eine Kursbindung aufrechtzuerhalten? Wie lässt sich das beweisen, wer reguliert sie? Hier wird die Geschichte des Bankwesens der letzten 400 Jahre neu gelernt."

    Finanzen sind kein Versandhaus

    Die Innovationen neuer Fintech-Anbieter beträfen die Form, also die Transportmittel des Geldes, sagt Weber. Er sieht einen "Trend zur Entbündelung von Bankdienstleistungen. Branchenfremde picken sich aus dem Paket einzelne Teile heraus, die sie kundenfreundlicher und billiger anbieten können."

    foto: reuters / maxim zmeyev
    Neue Zahlungsmethoden etwa über Handys ändern nichts an der Natur des Geldes.

    Dass IT-Giganten wie Apple, Google oder Amazon tatsächlich diesen Markt dominieren werden, bezweifelt er allerdings. "Die Branche ist für sie nicht unbedingt attraktiv. Ein Finanzdienstleister muss Pflichten übernehmen und ist viel stärker reguliert als ein Versandhaus."

    Wenn das Bargeld verschwindet

    Auch Nachrufe auf das Bargeld seien verfrüht, selbst wenn in Ländern wie Schweden die Bargeldnutzung schwindet, sagt Weber. "Wenn Bargeld verschwindet, dann entstehen neue Fragen und Befürchtungen: Tut sich hier eine Lücke im Zahlungsverkehr auf, wenn ein für Endnutzer kostenloses Zahlungssystem verschwindet? Wie steht es um die Datensicherheit, was passiert beim Ausfall des Internets?"

    So wie Weber sehen auch viele andere Vertreter des Finanzestablishments die Zukunft: Dank neuer Technologien werde sich das Antlitz des Geldes ständig wandeln – die Vertrauensfrage dahinter nicht. (Eric Frey, 11.2.2019)

    Alles, was Sie über die Zukunft wissen müssen, finden Sie ab sofort in unserem neuen Ressort Edition Zukunft:derStandard.at/Zukunft

    STANDARD-Chefredakteur Martin Kotynek zur "Edition Zukunft": Wie wollen wir leben, arbeiten, wohnen?

    Share if you care.