Die großen Probleme von Vice, Buzzfeed und Co: Google, Facebook und Amazon

    6. Februar 2019, 08:00
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    Mehr als 1.000 Jobs haben digitale Medienportale in wenigen Tagen wegen zu geringer Werbeumsätze gestrichen. Die Werbeumsätze gehen an Google, Facebook und nun auch Amazon

    Es brauchte nur Tage von der dramatischen Prognose für 2019 bis zur Umsetzung: Die größte Kündigungswelle unter Journalisten seit Jahren leitete das Reuters Institute aus seiner globalen Expertenbefragung ab.

    Gleich darauf kündigte Buzzfeed 250 Mitarbeiter, rund 15 Prozent der Belegschaft des zwischen Klickmaschinen und Aufdeckjournalismus gespannten Onlineportals.

    Der US-Telekomriese Verizon strich 800 Jobs bei seinen zusammengekauften Portalen um HuffPo, Yahoo und AOL mit AOL News. Die deutsche Ausgabe der Huffington Post, ein Lizenzprodukt des Medienkonzerns Burda, wird eingestellt.

    Mic hat im November 100 Mitarbeiter gekündigt – praktisch die komplette Belegschaft des Portals, das News für die digital aufgewachsene Millennial-Generation definieren wollte.

    Vice, ebenfalls spezialisiert auf die Neuerfindung der Medien für ein jüngeres, hipperes Publikum, streicht nun ein Zehntel seiner Jobs weltweit, 250 an der Zahl. Die Vice-Redaktion in Österreich wurde schon 2017 deutlich reduziert; 2018 ging das langjährige Kernteam von Bord, als der Konzern sein deutschsprachiges Angebot länderübergreifend zusammenfasste.

    Disney wertet "Vice" ab

    Vice war eine der Hoffnungen auch traditioneller Medienmacher und -konzerne von Rupert Murdoch (News Corp, 21st Century Fox) bis Walt Disney. Der Weltkonzern mit der Maus hat 2015 noch 400 Millionen Dollar in den hippen Haufen investiert, im November schrieb Disney seine Vice-Investments auf 157 Millionen ab.

    Ihr Hauptproblem teilen die jüngeren, digitalen Medienkonzerne und -plattformen mit den traditionellen Branchenriesen wie dem großen US-Zeitungskonzern Gannet (USA Today), der gerade etwas stiller dutzende (weitere) Journalistenjobs streicht: Werbung, die über viele Jahrzehnte Medien und Journalismus großteils finanzierte, wird überwiegend nicht mehr bei Medien – ob analog oder digital – gebucht und geschaltet.

    Der US-Konzern Comcast mit NBC Universal und Kabelnetzen und seit Herbst 2018 auch dem Pay-TV-Riesen Sky ist der klassische Medienkonzern mit den weltgrößten Werbeeinnahmen. 14 Milliarden Dollar nahm Comcast 2018 mit Werbung ein, dank Sky-Übernahme, Super Bowl und Olympischen Spielen ein gutes Stück mehr als 2017.

    Suchmaschinengigant Google nimmt mit Adwords, Adsense und Videowerbung auf Youtube in nur einem Quartal mehr als doppelt so viel Geld mit Werbung ein wie Comcast im ganzen Jahr. 116 Milliarden Werbedollars gingen im Gesamtjahr 2018 an Google, gut ein Fünftel mehr als 2017. Und gut achtmal mehr als Comcast. Im Wesentlichen ohne eigene Inhalte.

    Amazon verdoppelt

    Handelsriese Amazon hat seine Werbeumsätze von 2017 auf 2018 mehr als verdoppelt. Mit nun zehn Milliarden Dollar liegt Amazon in der Rangliste der größten Werbeumsätze weltweit nicht mehr weit hinter Comcast und auf Augenhöhe mit Disney und 21st Century Fox – wenn die beiden ihre Werbeumsätze addieren. Disney übernimmt gerade große Teile von Murdochs Entertainmentkonzern. Amazon gilt als zukunftsträchtige Werbegröße und wird als ernste Konkurrenz in dem Feld für Google und Facebook gehandelt: Jeff Bezos' Konzern hat die Daten über das Einkaufverhalten seiner Kunden und ihre Kreditkarten, als Werbeplattform die Echo-Lauschsprecher.

    Weit vor allen klassischen Medienhäusern liegen die Werbeumsätze von Facebook: 40 Milliarden Dollar sammelte Mark Zuckerbergs Network 2017 ein, 2018 waren es schon 55 Milliarden.

    Facebook wertet Medien ab

    Die Plattform war die große Hoffnung vor allem digitaler Medienportale wie Buzzfeed und Co. Reichweiten- und Zugriffsmotor, Publikationsmedium mit Werbevermarktung um Bilder, Texte und vor allem Videos. Am weitaus meisten Werbegeld freilich bleibt beim Social Network hängen.

    Junge wie traditionelle Medien traf Facebook mit seinem wesentlich neuen Algorithmus Anfang 2018, der Posts von echten oder vermeintlichen "Freunden" nach oben reihte und (nicht extra bezahlte) Medieninhalte zurückstufte. Debatten über gezielte Fehlinformationen und Propaganda auf Facebook hoben laut Umfragen des Reuters Institute das Bewusstsein für Quellen und Nachrichtenmarken.

    Medien setzen nun verstärkt auf Bezahlinhalte, um ihre Angebote zu finanzieren. Lifestyle-Riese Condé Nast (Vogue) stellt gerade all seine Online-Inhalte hinter eine Paywall – und riskiert damit den Verlust eines Großteils seiner Zugriffe. 2019, fasst das Reuters Institute die Expertenprognosen zusammen, würden aber auch Bezahlmodelle "an ihre Grenzen stoßen". (Harald Fidler, 6.2.2019)

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