Wie die Kunst Wiens Flächenbezirke beleben soll

    6. Februar 2019, 12:00
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    Fast alle Kunsttempel sind im Stadtzentrum beheimatet. Die Wiener Landesregierung will das ändern. Die Frage ist nur: Wie?

    Wien wächst. Allein in den letzten zehn Jahren sind 200.000 Menschen nach Wien gekommen: so viele wie Linz Einwohner hat. Neue Stadtentwicklungsgebiete, wo teils tausende Wohnungen auf einmal entstehen, sind für die Politik eine besondere Herausforderung: Wie kann man die neuen Bewohner in die Stadt integrieren?

    Für Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) sind die bevölkerungsstarken Außenbezirke nicht nur sein Rückhalt innerhalb der Partei, sondern auch so etwas wie seine "Problemkinder". Liesing, Floridsdorf, Donaustadt, Simmering und Favoriten sind jene Bezirke, die beim ersten Durchgang der Präsidentschaftswahl 2016 blau gefärbt waren.

    Beim Amtsantritt versprach Ludwig, "Akzente" in den großen Außenbezirken zu setzen. Was er damit aber genau meint, bleibt vage. Er sprach von einer "Verbindung von Wohnen, Arbeit, Sport- und Kultureinrichtungen", die er in diesen Bezirken fördern will. Kultur soll dabei als Brückenbauer fungieren. Das kulturelle Angebot darf sich nicht nur auf die inneren Bezirke beschränken. Unter dem Stichwort "Dezentralisierung" kündigte man den Bau einer großen Bühne am Donauufer und eine neue Mehrzweckhalle an.

    Kürzlich präsentierte Ludwig den Standort für die Multifunktionshalle: Auf dem ehemaligen Schlachthofareal Neu Marx soll ein "Leuchtturmprojekt in Europa" entstehen. Man setzt auf Riesenevents mit bis zu 20.000 Besuchern, die mit der O2-Arena in London oder der Kölner Lanxess-Arena konkurrieren sollen. Von der Förderung lokaler Kunst und Kultur war zuletzt nicht mehr viel zu hören.

    Kulturelle Stadtlabore

    Die Erwartungen der Szene an die neue Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) sind dementsprechend groß: Die Interessenvertretungen fordern einen Wandel in Wiens Kulturpolitik, weg von "Events und Effekten" hin zu einer nachhaltigen Förderung der schon gewachsenen Initiativen. Angezweifelt wird, ob der Bau einer Donaubühne oder die Megahalle in Neu Marx der richtige Weg sind, um das knappe kulturelle Angebot in den Außenbezirken nachhaltig zu verbessern.

    Wiederholt ist davon die Rede, dass die Kunsthalle vom Museumsquartier in einen der Außenbezirke übersiedeln könnte. Vor zwei Monaten stellte Kaup-Hasler ein weiteres "wichtiges kulturpolitisches Vorhaben der nächsten Jahre" vor: die "kulturellen Stadtlabore". In den Außenbezirken soll es "Ankerzentren" geben, um mit Kulturarbeit auf die Wachstumsdynamiken zu reagieren, sagt sie zum STANDARD. Dabei spricht sie von Projekten, die auf "Kooperation zwischen Bürgerinnen und Bürgern, Bezirk, Künstlern und Kultureinrichtungen setzen". Kunst soll "soziale Räume" schaffen, so die Stadträtin.

    Wie diese genau aussehen, soll bei einer Präsentation Mitte März geklärt werden. Für Kaup-Hasler steht fest, dass sie sich an schon bestehenden Strukturen orientieren wird: "Es wäre wenig effizient, das Rad neu zu erfinden." Eine Ausschreibung oder ein Bewerbungsverfahren wird es nicht geben. Wiener Theatern, die bereit sind, ein Konzept für solche dezentralen Stadtlabore auszuarbeiten, wurde eine Erhöhung der Förderung in Aussicht gestellt, hat DER STANDARD in Erfahrung gebracht.

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    Drei Beispiele


    PIONIER

    Palais Kabelwerk

    foto: apa/gerald mackinger

    Dort, wo heute das Theater Werk X beheimatet ist, befand sich bis 2014 das erste "kulturelle Stadtlabor" Wiens: das Palais Kabelwerk. Aus einem Bürgerbeteiligungsverfahren entstand ein Nebeneinander von geförderten Wohnungen, Geschäften, Kindergarten und Freizeiteinrichtungen. Auch ein Kulturzentrum wurde für die 3000 neuen Bewohner eingerichtet. Dafür nahm die Stadt Wien viel Geld in die Hand: 3,4 Millionen für die Renovierung, 1,6 Millionen für fünf Jahre Betrieb.

    Der Laborcharakter war Programm: "Wir brauchen keinen roten Faden – Wir haben viele bunte", war einer der Leitsprüche. Der ehemalige Geschäftsführer Alexander Lugmayr: "Der niederschwellige Zugang und der Laborcharakter ergänzten einander. Wenn die Leute die Scheu vor Kultur ablegen, probieren sie einfach etwas aus." Das Werk X hat den Betrieb 2014 übernommen und den Namen "Stadtlabor" abgelegt. Der Tradition sei man sich bewusst, man versteht sich "noch immer als Labor, in dem innovative, progressive und gesellschaftskritische Themen entwickelt werden".

    BEST-PRACTICE-MODELL

    Nordbahn-Halle

    foto: markus fattinger

    Seit Juni 2017 sind in einer ehemaligen Lagerhalle im zweiten Bezirk die MacherInnen eingezogen. Das sind junge Unternehmen und künstlerische Initiativen, die hier ihre Ideen in der Praxis erproben. In den Arbeitspausen treffen sie auf Anrainer, die diesen Ort für sich entdeckt haben. "Wir sind ein vielseitiges Impulslabor", sagt Peter Fattinger. Er ist Professor an der TU Wien und einer der Verantwortlichen des Projekts "Mischung: Nordbahnhof". "Hier treffen sich Menschen, die in unserer diversen Gesellschaft sonst nie ins Gespräch kommen würden", sagt Fattinger.

    Die Halle steht im größten innerstädtischen Entwicklungsgebiet Wiens: auf dem Areal des ehemaligen Nordbahnhofs. Bis 2025 sollen hier rund 4000 Wohnungen und 2500 Arbeitsplätze entstehen. Einige der MacherInnen werden die neuen Erdgeschoßflächen beziehen. Ende Juli läuft das Projekt aus – dann soll das Gebäude abgerissen werden. Fattinger würde sich wünschen, dass dieser Ort weiterexistiert: als überdachter "Möglichkeitsraum" der geplanten "Freien Mitte", eines zehn Hektar großen Parks, der zwischen den Wohnungen entsteht.

    ZUKUNFTSPROJEKT

    Sargfabrik F23

    foto: f23

    Der Verein F.23.wir.fabriken organisiert seit 2015 kulturelle Veranstaltungen in der alten Jugendstilfabrik an der Liesinger Breitenfurter Straße: Grätzeltreffen, Zirkusveranstaltungen bis hin zum Hyperreality-Festival der Wiener Festwochen fanden bisher dort statt. Für die Anrainer soll "eine Art Dorfbrunnen" entstehen, wo man sich trifft und Kultur das verbindende Element ist, so der Vereinsobmann Erich Sperger.

    Der städtische Wohnfonds hat das Areal an die finanzstarke Soravia-Gruppe verkauft, die im Zuge der Sofiensäle-Renovierung in Misskredit geraten war (trotz der Fördergelder entstand kein kultureller Mehrwert). Das soll nicht mehr passieren, versichern sowohl Soravia als auch der Liesinger Bezirksvorsteher Gerald Bischof (SPÖ).

    Im Flächenwidmungsplan ist ein Teil fix für kulturelle Nutzung vorgesehen, und im Kaufvertrag ist ein Wiederkaufsrecht des Wohnfonds verankert. Finanziert ist das Projekt aber noch nicht. Sperger setzt nun auf die Kulturstadträtin: "Wir wollen hier ein Kulturareal mit laborartigem Charakter etablieren." (Laurin Lorenz, 6.2.2019)

    Zum Thema Kulturpolitik und Stadtentwicklung in den Landeshauptstädten lesen Sie demnächst im STANDARD.

    Zum Weiterlesen

    Interview mit Veronica Kaup-Hasler: "Es geht nicht darum, Kunst zu instrumentalisieren"

    • "Wir wollen hier ein Kulturareal mit laborartigem Charakter etablieren", sagt F.23.wir.fabriken-Vereinsobmann Erich Sperger über die Sargfabrik F23 in Wien.
      foto: f23

      "Wir wollen hier ein Kulturareal mit laborartigem Charakter etablieren", sagt F.23.wir.fabriken-Vereinsobmann Erich Sperger über die Sargfabrik F23 in Wien.

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