Wechseljahre eines Tenors: Opern-Superstar Juan Diego Flórez

    5. Februar 2019, 10:00
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    Er ist ein Superstar im Opernfach, aber so richtig populär wurde er mit Latino-Schlagern: Ab Samstag singt Flórez in Donizettis "Lucia di Lammermoor" an der Staatsoper

    Das Besprechungszimmer der Technik in der Wiener Staatsoper: ein fantastischer Ausblick auf das Palais Todesco, ein großer Tisch und Stühle aus einer Zeit, als Dominique Meyers Vorgänger Ioan Holender noch nicht einmal ahnte, dass er einmal Staatsoperndirektor werden würde. Da kommt auch schon Juan Diego Flórez. Sein Wesen ist wie seine Stimme: hell, freundlich und sanft. Die dunklen Locken glänzen. Schlank ist der 46-Jährige und elegant.

    Flórez gibt ab Samstag den Edgardo in Laurent Pellys Neuinszenierung von Lucia di Lammermoor. Die Titelfigur ist dafür bekannt, dass sie dem Wahnsinn anheimfällt – und dabei irre schön singt. Dies hat an der Staatsoper Olga Peretyatko zu besorgen. Edgardo ist zwar nicht frei von spontanen Eifersuchtsanfällen, doch der letzte Spross der Ravenswoods ist an sich ein Guter: der, in den Lucia komplett verliebt ist.

    foto: staatsoper/michael pöhn
    In Laurent Pellys Neuinszenierung von "Lucia di Lammermoor" gibt Flórez den Edgardo.

    Nicht so in dieser Werkdeutung: Lucia sei hier nicht nur Spielball und Opfer ihres Bruders Enrico, sagt Flórez. Nein, auch Edgardo benützte die Bemitleidenswerte für seine politischen Ambitionen und als Mittel, um seine Familie zu rächen, die von Enrico dezimiert und delogiert wurde. "Manchmal steht Edgardos Verhalten jetzt im Widerspruch zu Donizettis Musik", sagt der gebürtige Peruaner. Nur in Edgardos erster Szene mit Lucia würde das Publikum Edgardo so sehen, wie man ihn kennt: als liebenden Mann. Doch in Pellys Inszenierung sei dies lediglich eine Vision, eine Halluzination Lucias.

    Weich und höhensicher

    Mit seiner weichen, galanten, höhensicheren Stimme hat sich Juan Diego Flórez in den ersten eineinhalb Dekaden seiner Weltkarriere als Tenore di grazia durch das Belcanto-Repertoire gesungen, vor einigen Jahren begann eine Neuorientierung hin zu dramatischeren Partien. Auf die sanftmütigen Jünglinge der Opern von Rossini und Co folgten Charaktere mit düsteren oder heldenhafteren Seiten.

    "Normalerweise wird es mit den Jahren in der Höhe schwerer, und das Timbre der Stimme verändert sich in der Mittellage", sagt Flórez. "Ich habe die Höhe immer noch, aber ich musste dafür die Technik adaptieren."

    Sein Tenor sei immer noch hell, er färbe ihn aber in den dramatischen Passagen dunkler. "Das darf man nicht mit Druck machen, denn das schadet der Stimme. Man muss es mit technischen Mitteln bewerkstelligen." Apropos Technik: Die deutsche Tageszeitung Die Welt hat Juan Diego Flórez als den "vermutlich technisch besten Tenor der Welt" bezeichnet. Was ist die Grundlage für perfekte Technik? Man müsse sich selbst beobachten, fühlen, was beim Singen in einem vorgeht, sagt Flórez. "Ich hatte meinen letzten Gesangsunterricht mit 22 Jahren in Philadelphia. Kein Gesangslehrer der Welt kann spüren, was im Körper eines Studenten passiert. Das kann nur er selbst."

    Wie seine Technik scheint die Karriereplanung des Tenors perfekt funktioniert zu haben, den Stimmfachwechsel eingeschlossen. Oder gab es auch Missgriffe in der Rollenauswahl? "Der Duca in Rigoletto", gibt Flórez offen zu. "Ich habe die Partie erstmals 2008 in Lima gesungen, da ist alles gutgegangen. In Europa war die öffentliche Aufmerksamkeit dann größer – und mit ihr der Druck. Es war okay, aber ich habe mich nicht wohlgefühlt. Ich hätte damit noch etwas warten sollen."

    Wenn er jetzt neue Partien einstudiert und präsentiert, dann sind die zeitlichen Abstände zu den nächsten Auftritten viel größer. Flórez hat die Zahl seiner Opernauftritte in den letzten Jahren reduziert und singt mehr Konzerte. Im letzten Herbst hat er im Wiener Konzerthaus in charmanter, entspannter Weise lateinamerikanische Lieder seiner CD Bésame Mucho präsentiert.

    Die Erwartungen seien hier vielleicht weniger hoch als bei einer Opernaufführung, sagt der Sänger. Er müsse sich aber auch wahnsinnig viel Text merken. Und was den Gesang anbelangt, sei nicht der technische Aspekt schwierig, sondern der stilistische: "Ich singe da ja Stücke aus Brasilien, aus Kuba, aus Chile ... und alle sind stilistisch anders. Das ist ein bisschen, wie wenn ich erst Wagner singen würde, dann Donizetti und dann Vivaldi. Das ist schwer."

    Schulung in der Bar

    Mit populärer Musik ist Flórez groß geworden, sein Vater war Sänger. Der jugendliche Juan Diego ist ab und zu in der Bar seiner Mutter aufgetreten. Mit strahlenden Augen erzählt Floréz von damals: "Es ist ab und zu vorgekommen, dass ein Sänger ausgefallen ist. Meine Mutter hat mich angerufen, ich habe mir meine Gitarre geschnappt, bin hingefahren und habe dann gesungen. Stundenlang – meistens von zehn Uhr abends bis zwei Uhr in der Früh. Ich musste die Gäste unterhalten, ich musste dafür sorgen, dass sie tanzen. Es war eine gute Schule für mich, ich habe mich daran gewöhnt aufzutreten."

    In seiner Heimat unterstützt er als Präsident von Sinfonía por el Perú Kinder und Jugendliche: "Das Projekt gibt es seit sieben Jahren. Wir ermöglichen es Kindern aus armen Familien, ein Instrument zu lernen, mittlerweile sind es etwa 8000. Musik gibt ihrem Leben eine Perspektive, es gibt ihnen Selbstwertgefühl und öffentliche Anerkennung. Es gibt ein großes nationales Jugendsymphonieorchester, sie spielen Mahler, sie spielen Beethoven ... wir treten 2020 in der Carnegie Hall auf."

    Auch um seine eigenen Kinder kümmert er sich fürsorglich: Den Sohnemann bringt er jeden Morgen in die Waldorfschule, die Tochter in den Kindergarten. Am Nachmittag spielt Flórez mit ihnen, am Wochenende stehen Wandern, Klettern oder Tennis auf dem Programm. Ein angenehmer Ausgleich zu dem ganzen Wahnsinn, den er in diesen Tagen beruflich durchmachen muss. (Stefan Ender, 5.2.2019)

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