In der Sperrzone von Tschernobyl blüht das Leben

    4. Februar 2019, 16:10
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    Die Wildtier-Bestände haben sich seit dem Reaktorunglück 1986 mehr als erholt: Eine Studie zeigt, wie sich das Ökosystem ohne Menschen entwickelt

    foto: reuters/vasily fedosenko
    Wisent-Herde in der Sperrzone von Tschernobyl.

    Kiew – Mehr als 30 Jahre nach der Nuklearkatastrophe gleicht das Sperrgebiet von Tschernobyl einem Tierparadies. Waren die Säugetier-Bestände in den ersten Jahren nach dem Super-GAU im Reaktor 4 des Kernkraftwerks nahe der ukrainischen Stadt Prypjat eingebrochen, hat sich inzwischen längst ein umgekehrter Effekt eingestellt: Durch die Abwesenheit von Menschen in der fast 3.000 Quadratkilometer großen Sperrzone haben sich die Tierpopulationen inzwischen wieder erholt und sind sogar deutlich höher als vor der Katastrophe – trotz der Strahlenbelastung.

    foto: reuters/vasily fedosenko
    Zu den Gewinnern von Tschernobyl zählen eindeutig die Wölfe: Ihre Population ist schätzungsweise siebenmal so groß wie in Vergleichsgebieten außerhalb des Sperrgebiets.

    Wisent, Wolf und Wildpferd

    Studien haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass unter anderem Elche, Rothirsche, Rehe, Wildschweine und vor allem Wölfe in großer Zahl in dem Gebiet leben. Auch bedrohte Arten wie Wisente und Luchse haben sich in der Sperrzone angesiedelt, inzwischen leben auch Nachfahren entlaufener (und eigentlich nicht heimischer) Przewalski-Pferde dort.

    foto: apa/afp/genya savilov
    Przewalski-Pferde waren in der Region ursprünglich nicht heimisch.

    Forscher der Universität Georgia in Athens haben die Entwicklung nun weiter untersucht und in einem einmonatigen Experiment Fischköder ausgelegt und Fotofallen aufgestellt. Ziel war es, auch im Wasser jagende oder lebende Tiere zu erfassen.

    Das Ergebnis bestätigte nicht nur die früheren Beobachtungen, sondern unterstreicht die Artenvielfalt noch deutlicher. "Wir wissen aus früheren Beobachtungen, dass es viele Wildtiere in der gesperrten Zone gibt. Jetzt sehen wir zum ersten Mal auch Seeadler, Nerze und Fischotter auf unseren Bildern", sagte James Beasley, Leiter der im Fachblatt "Food Webs" veröffentlichten Studie.

    foto: reuters/vasily fedosenko
    Ein Seeadler im Sperrgebiet.

    Komplexes Ökosystem

    Die Forscher platzierten die Fischköder an den Ufern des Prypjat-Flusses und entlang alter landwirtschaftlicher Bewässerungskanäle, um zu untersuchen, welche Aasfresser davon angelockt werden. Die Vielfalt der Konsumenten war hoch: Insgesamt zehn Säugetierarten (neben Ottern und Nerzen waren etwa auch Wölfe und Füchse darunter) und fünf Vogelspezies labten sich daran. Ganze 98 Prozent der Köder wurden binnen einer Woche vertilgt.

    foto: university of georgia
    Auch Fischotter wurden inzwischen gesichtet.

    Die Daten würden zeigen, dass die Sperrzone von Tschernobyl ein äußerst vielfältiges Ökosystem beheimate, das wichtige Auswirkungen auf die Verteilung von Nährstoffen in der Region habe, schreiben die Forscher. Das heißt freilich nicht, dass die radioaktive Kontamination folgenlos ist. Wie genau sie sich allerdings auf einzelne Tierarten auswirkt, konnte bisher nicht im Detail erforscht werden. (dare, 4.2.2019)

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