Honor View 20 im Test: Schön, fast Premium und mit Loch

    10. Februar 2019, 13:02
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    Huaweis "Jugend-Smartphone" recycelt das Mate 20 (Pro) mit neuem Design

    Neues Jahr, neues Flaggschiff. Den Reigen der Neuvorstellungen des angebrochenen Jahres hat die Huawei-Tochter Honor eröffnet. Ende Jänner stellte man in Paris das Honor View 20 vor. Im Zentrum der Präsentation stand der Anspruch auf Jugendlichkeit. Ohne Unterlass betonte man, wie aktiv und dynamisch die Teenager und Twens heutzutage nicht seien.

    Und das neue Android-Telefon an der Spitze des eigenen Portfolios solle diesen Ansprüchen Genüge tun. Ebenso wie das "Pinhole", eine kleine Lochaussparung im Display für die Frontkamera, mit dem man den in den letzten Jahren dominanten "Notch" ersetzt. Doch kann das "Jugendhandy", das Preislich mit dem OnePlus 6T konkurriert, im STANDARD-Test überzeugen?

    foto: standard/pichler

    Display und Basics

    Hardwareseitig bringt das Gerät jedenfalls alles mit, was es als Spitzengerät qualifizieren würde. Der von Huawei selbst entwickelte Kirin 980-Chip werkt im Verbund mit 6 oder 8 GB RAM. Dazu gibt es 128 oder 256 GB Onboardspeicher. Das Testgerät bot die Maximalausstattung, also 8 GB RAM und 256 GB an Platz für Apps, Fotos und andere Inhalte.

    Beim Display setzt Honor auf ein LCD-Panel. Es bietet bei einer Diagonale von 6,4 Zoll ein gestrecktes Format mit einer Auflösung von 2.310 x 1.080 Pixel. Das sorgt für etwas schmalere Maße, dennoch ist das View 20 beileibe kein kleines Handy und nur eingeschränkt mit einer Hand bedienbar. Die Qualität des Bildschirms lässt wenig zu wünschen übrig. Es ist zwar klar zu erkennen, dass es sich nicht um eine AMOLED-Lösung handelt, dennoch überzeugen Farbwiedergabe und Kontraste. Ebenso ist eine recht hohe maximale Helligkeit erreichbar, die selbst an sehr sonnigen Tagen eine gute Sicht auf das Display erlauben sollte.

    foto: standard/pichler

    Gehäuse mit "Nanostruktur"

    Eingepackt ist das Innenleben in eine gut verarbeitete Kombination aus Metall und Glas. Mittels "Nanostruktur" sorgt Lichtreflektion für ein durchaus ansehnliches "Pfeilmuster" auf der Rückseite. Die Verwendung einer Schutzhülle ist empfehlenswert. Denn die Rückseite ist rutschig genug, um das Handy auf glatteren Tischoberflächen auf langsame Wanderschaft zu schicken, wenn es nicht komplett eben aufliegt – und das, obwohl das Kameramodul ganz leicht hervorsteht. Offiziell wasserdicht ist das Gehäuse übrigens nicht, laut Honor sollen aber Spritzwasser und Regen kein Problem darstellen.

    Während man die Frontkamera unter den Bildschirm verlegt hat, ist man beim Fingerabdruckscanner am konventionellen Pfad geblieben. Er befindet sich auf der Rückseite und arbeitet sehr flott und zuverlässig. Auf der Oberseite finden sich der 3,5mm-Klinkenstecker für Kopfhörer, Headsets und Lautsprecher. Ergänzt wird er mit einem Infrarotmodul, das per App zur Fernsteuerung von TVs und anderen Geräten verwendet werden kann. Bei der Kamera kombiniert Honor hier einen 48-Megapixel-Sensor (Sony IMX586) mit einem Tiefensensor. Auf der Frontseite, also unter dem Displayloch, verrichtet ein Fotomodul mit 25 MP seine Arbeit.

    foto: standard/pichler

    Die restlichen Basics entsprechen dem aktuellen Stand. Das Handy beherrscht LTE, ac-WLAN,NFC und Bluetooth 5.0. Es gibt zwei SIM-Slots, allerdings keine Möglichkeit zur Speichererweiterung. Der Lithium-Polymer-Akku ist mit 4.000 mAh durchaus großzügig bemessen. Aufgeladen wird er über einen USB-C 3.1-Port.

    Magic UI statt EMUI

    Vorinstalliert ist Android 9 mit "Magic UI"-Oberfläche. Diese soll für Honor ein weiteres Differenzierungsmerkmal gegenüber der EMUI auf Huaweis Geräten schaffen. Praktisch ist davon aber noch kaum etwas zu merken. Selbst auf den zweiten Blick kann man die Magic UI immer noch mit EMUI verwechseln.

    Für Puristen ist es weniger gedacht, da im Vergleich zu "Vanilla"-Android diverse Veränderungen vorgenommen wurden. Aber immerhin lässt sich auf Wunsch ein Appdrawer zuschalten, der standardmäßig nicht aktiviert ist. Wer mag, kann das Aussehen der Oberfläche in vielerlei Hinsicht anpassen.

    foto: standard/pichler

    Performance

    Bei der Optimierung hat man aber jedenfalls Fortschritte gemacht. Das System fühlt sich performant an. Apps starten flott und laufen flüssig. Auch anspruchsvollere Games zwingen das View 20 nicht in die Knie. Benchmarkwerte bestätigen den Eindruck: Rund 280.000 Zähler gibt es beim Allroundtest mit Antutu, womit man auf Augenhöhe mit dem Pixel 3 und anderen aktuellen Flaggschiffen liegt. Nicht ganz mithalten kann die Grafikeinheit, ein ARM Mali-G76 MP10. Laut 3D Mark liegt dieser auf dem Level des Adreno 540 im Snapdragon 835. Das Benchmarkergebnis entspricht in etwa der Grafikleistung des Nokia 8.

    Was lässt sich zum Loch sagen? Das Pinhole ist natürlich gut ins System eingebunden und nach mehreren Tagen Verwendung erscheint es als eine bessere Lösung als ein Notch. Denn es verdeckt weniger Inhalte in Fullscreen-Anwendungen (so diese nicht ohnehin mangels Support für die Auflösung mit einem schwarzen Balken abgegrenzt werden) und liegt dort, wo üblicherweise keine wichtigen Informationen angezeigt werden. In vielen Spielen fällt das Loch auf einen Bereich, den man während der Bedienung von Steuerelementen ohnehin überdeckt.

    Mittig hineinragende Einkerbungen hingegen bergen tendenziell immer das Risiko, störend zu sein. Die beste Variante ist freilich immer noch eine Frontkamera im Rand, was jedoch dem aktuellen Trend hin zu deren Verschmälerung widerspricht.

    foto: standard/pichler

    Viele Kamera-Features

    Wenig überraschend liegt auch beim Honor View 20 ein großer Schwerpunkt auf der Kamera, die auch allerlei Augmented Reality-Spielereien bietet. Die kennt man zu einem guten Teil auch schon vom Mate 20 und erstaunlicherweise ist ein Großteil davon auf die Frontkamera beschränkt, die gar kein Tiefenerkennungsmodul hat. Es gibt "3D-Qmojis", also Huaweis Version von Apples Animojis, 3D-Cartoonfiguren, die man mit dem eigenen Gesicht animiert. Zudem kann man auch allerlei künstliche Beleuchtungseffekte hinzufügen oder sich in diverse Hintergründe hineinschneiden.

    Bei der Hauptkamera dient der Zusatzsensor zur Verbesserung des Fokus, ansonsten setzt man vor allem auf künstliche Intelligenz zur Aufwertung von Bildern. Wer will, kann auch allerlei Filter und Verfremdungseffekte in Echtzeit verwenden. Die Kamera-App bietet im Grunde Funktionalitäten, wie sie auch bei Instagram, Snapchat und Konsorten schon länger fixer Bestandteil sind. Auf Videoseite darf man sich über Superzeitlupe mit 960 Bildern pro Sekunde bei 720p-Auflösung freuen.

    foto: standard/pichler

    Gute Fotos

    Die Qualität der Fotos ist meist sehr ordentlich, vor allem mit Gegenlicht geht die Kamera sehr souverän um. Die Farbwiedergabe ist realistisch, der Detailgrad recht hoch, zudem reagiert die Kamera stets pfeilschnell. Huawei-typisch sind die Aufnahmen allerdings recht stark nachgeschärft. Optional kann man automatische KI-Unterstützung zuschalten. Bei dieser scheint nachgebessert worden zu sein. Sie macht sich primär dadurch bemerkbar, Farben etwas zu intensivieren – allerdings nicht mehr in einem so drastischen Ausmaß. Nach wie vor fällt allerdings auf, dass in einzelnen Situationen Details wie feine Mauerstrukturen dem Kampf gegen Bildrauschen zum Opfer fallen.

    In der Standardeinstellung erzeugt die Kamera Bilder in einer Auflösung von 12 MP. Wer will, kann stattdessen aber auch "Ultra Clarity"-Shots mit 48 MP erstellen, also Riesenfotos, die durch KI-gestütztes Kombinieren mehrerer Fotos entstehen. Das Endergebnis ist bei Detailbetrachtung einigermaßen von Rauschen behaftet und in Bildbereichen, die etwas weiter weg von der Kamera waren, auch recht detailarm. Dennoch sollte die Qualität für größere Ausdrucke gut genug sein. Mit dabei ist weiterhin auch ein hybrider Zweifach-Zoom.

    foto: standard/pichler

    Gelungener Nachtmodus

    Weiter geschraubt hat man auch am Nachtmodus. Dieser arbeitet jetzt flott und bringt auch scharfe Ergebnisse ohne Stativ. In der jetzigen Ausführung ist er wohl ein direkter Konkurrent von Googles Night Sight. Im direkten Vergleich liefert er sogar mehr Details, vermutlich weil er neben KI-Support auch auf höhere Belichtungszeit setzt. Allerdings erfolgte der Vergleich nicht mit einem Pixel-Handy, sondern einem Meizu 16 und einem Port der Google Camera-App. Das Meizu 16 nutzt eine Dualkamera mit Sony IMX380 als Hauptsensor, der auch am Huawei P20 Pro Verwendung findet.

    Ordentliche Bildqualität liefert auch die Frontkamera. Ihr künstliches Bokeh im Porträtmode verfügt über gute Kantenerkennung, bei schlechteren Lichtbedingungen sieht der Hintergrund fallweise aber mehr "matschig" als verschwommen aus.

    foto: standard/pichler

    Mit der Hauptkamera hat man bei Honor noch mehr vor. Das Handy soll auch als eine Art mobile Kinect-Konsole dienen. Voraussetzung dafür ist allerdings ein eigenes Dock, das man zum Beispiel an den Fernseher anhängt und darüber Mobile Games spielt, die Bewegungssteuerung über die Tiefenkamera ermöglichen. Zum Testzeitpunkt stand derlei Equipment jedoch nicht zur Verfügung.

    Akustik und Akku

    Akustisch performt das Honor View 20 ordentlich. Die Wiedergabe per Lautsprecher ist laut und klingt für ein Smartphone passabel, obwohl nach wie vor nur ein Mono-Speaker auf der Unterseite implementiert ist. Die Sprachqualität bei Anrufen ist auf Empfängerseite überdurchschnittlich. Die Stimme des Gegenüber ist laut und verständlich, wirkt aber teilweise etwas verzerrt. Man selbst hingegen ist am anderen Ende der Leitung klar und deutlich wahrnehmbar – besser als bei vielen anderen und auch teureren Smartphones.

    foto: standard/pichler

    Sehr überzeugend ist auch die Akkulaufzeit. Selbst von fleißigem Spielen mittelmäßig anspruchsvoller Games (etwa Mobile Legends) zeigt sich der Akku kaum beeindruckt. Intensivnutzer sollten mit guten Reserven vom Morgen in den Abend kommen. Wer sein Handy eher gelegentlich verwendet, kann 1,5 bis zwei Tage als realistisch ansehen.

    Das Aufladen geht mit dem beigelegten "Supercharge"-Adapter auch flott. Versprochen wird, von null ausgehend, ein Ladestand von 70 Prozent in 30 Minuten. Im Test wurde das Handy immer von höheren Ausgangswerten geladen, wo die Aufladung sich aus elektrochemischen Gründen verlangsamt. Ausgehend von etwa 50 Prozent sind in 30 Minuten etwa 90 bis 95 Prozent zu erreichen.

    foto: standard/pichler

    Fazit

    Will man es etwas gemein ausdrücken, dann ist das Honor View 20 weitgehend eine Zweitverwendung der Hardware des Huawei Mate 20 (Pro), die in einzelnen Punkten abgespeckt wurde und dafür mit dem Frontkamera-Loch auffällt. Als Gesamtpaket macht es eine gute Figur, wenngleich die Fortschritte im Vergleich mit der Vorgängergeneration eher evolutionärer, denn revolutionärer Natur sind.

    Zugute halten muss man Honor definitiv die verbesserte Optimierung der Firmware. Und auch der neue Nachtmodus der Kamera verdient Lob. Die Augmented Reality-Features kennt man im Prinzip schon vom Mate 20. Sie sind für die Generation Snapchat vermutlich interessant, bei anderen Nutzern könnte der Zauber nach ein wenig Ausprobieren aber auch schnell wieder verfliegen.

    Gegenüber dem OnePlus 6T gibt es Vor- und Nachteile. Abgesehen vom Nachtmodus bietet das OnePlus wahrscheinlich die etwas bessere Kamera und ist auch mit einem AMOLED-Display sowie etwas besserer Grafikleistung im Vorteil. Erfahrungsgemäß bietet OnePlus auch längeren und beständigeren Support hinsichtlich Firmwareupdates. Dafür ist das Pinhole des View 20 etwas praktikabler als dessen "Tropen"-Notch und es gibt einen Klinkenanschluss für übliche Kopfhörer. Die Telefonieakustik ist außerdem deutlich besser. Auch wenn das OnePlus 6T mehr Punkte in der Stricherlliste zusammenbringt, ist das Honor View 20 definitiv keine schlechte Wahl. (Georg Pichler, 10.02.2019)

    Testfotos

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    Hinweis im Sinne der Leitlinien: Das Testgerät wurde von Honor zur Verfügung gestellt.

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