Künstlerin Hradil: "Wohnen ist das Sein im Kokon der eigenen Räume"

    4. Februar 2019, 06:00
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    Die Wiener Künstlerin Eva Hradil wohnt in einer abgewohnten Wohnung, die ihr Freude macht.

    Die Wiener Künstlerin Eva Hradil muss beim Staubsaugen aufpassen, dass nicht der Estrich zum Vorschein kommt. Genau diese Abgewohntheit, meint sie, macht die Freiheit ihres Wohnens und Arbeitens aus.

    "Normalerweise dürfen nur gute Freunde und Rauchfangkehrer in meine Wohnung. Ein komischer Gedanke, dass mit dem heutigen Tag gerade gefühlte 100.000 Menschen durch meine Wohnung stapfen. Man muss wissen: Mein Selbstbewusstsein hat einen ordentlichen Wackelkontakt. Wie eine Glühbirne, die nicht immer gut in der Fassung sitzt. Als ich zugesagt hatte, ist gerade Strom durch mein Ego geflossen. Jetzt aber ist das Licht aus. Ich bin doch eher verunsichert, schon weil ich mich wie ein indigenes Naturvolk nicht gern fotografieren lasse.

    foto: lisi specht
    "Ein Wunder, dass der Planschrank nicht schon längst durch die Betondecke gerumscht ist und einen Stock tiefer steht." Eva Hradil in ihrem Arbeitszimmer.

    Als ich geputzt und aufgeräumt habe, damit die Fotografin nicht über mein ganzes Zeugs drüberfliegt, habe ich mir so die Frage gestellt, was Wohnen für mich eigentlich bedeutet, und ich sag's lieber gleich, denn am Ende des Wohngesprächs werde ich das dann ja eh gefragt. Also: Wohnen ist all das Sein an all den Funktionsschauplätzen der Wohnung für Kochen, Essen, Arbeiten, Schlafen und Ins-Narrenkastl-Schauen inklusive all der dazwischenliegenden Seinszustände, die eigentlich so normal sind, dass man eh nie darüber nachdenkt. Wohnen ist quasi das Sein im Kokon der eigenen Räume.

    Das war die Wohnung meiner Großeltern. Als der Opa starb, nutzte meine Oma sie immer seltener und zog eines Tages ins ehemalige Wochenendhaus nach Orth an der Donau. Die Wohnung liegt in einem ehemaligen Bombenloch, mitten im Botschaftsviertel, einen Katzensprung vom Belvedere entfernt. Ich wohne genau zwischen Brasilien und der Türkei.

    foto: lisi specht

    Früher war das Haus ein schönes Beispiel für den Wohnbau der 1960er-Jahre. Jetzt ist es ziemlich verrenoviert. Was man von meiner 65 Quadratmeter großen Wohnung übrigens nicht behaupten kann. Die Fenster habe ich neu machen lassen. Und Küche, Bad und Klo habe ich vor Jahren selbst erneuert. Aber eigentlich müsste mal eine ordentliche Generalsanierung stattfinden. Die PVC-Fliesen in Vorraum und Schlafzimmer sind noch original, aber teilweise kleben sie nimmer. Beim Staubsaugen muss man echt aufpassen. Schon auf der niedrigsten Stufe macht's ffpp oder schllpp, und dann sieht man den Estrich.

    Gebt mir einen g'scheiten Lottogewinn, und ich renoviere sie! Aber selbst dann wäre die Wohnung bald wieder verwohnt, denn ich scheiß mir nix und klebe meine Arbeiten mit Tixo an die Wand, manchmal werden sie sogar an den Putz getuckert. Mit dem Renovieren würde diese Freiheit verlorengehen, denn dann hätte ich eine gewisse Beißhemmung beim Arbeiten, und das will ich nicht. Beim Planschrank im Arbeitszimmer, der mit Tonnen von Materialpapier und fertigen Arbeiten befüllt ist, wundere ich mich übrigens, dass der nicht schon längst durch die Betondecke gerumscht ist und einen Stock tiefer steht.

    foto: lisi specht

    In der Regel ist das Chaos gerecht verteilt, nach der Putzaktion konzentriert sich selbiges auf den Arbeitstisch, der nun komplett überquillt. Die Qualität eines Mayröcker-Schreibtisches hat das aber noch lange nicht.

    Ich finde überhaupt: Die drei besten Erfindungen der Menschheit sind Bett, Sofa und Badewanne. Ich bin in der glücklichen Situation, über alle drei zu verfügen, wobei man dazusagen muss, dass ich das Sofa und die Badewanne auch zum Arbeiten, Nachdenken und Zeichnen nutze. Und was das Bett betrifft: Jeden Morgen muss ich gegen den Trennungsschmerz kämpfen, den mein Bett und ich haben. Himmel, wie ich gerne schlafe! Immer wieder gönne ich mir in japanischer Manier in Totenstellung einen drei- bis fünfminütigen Powernap. Mit jeder Minute Schlaf kann man das Hirn rebooten und auf null stellen." (Wojciech Czaja, 4.2.2019)

    Eva Hradil, geboren 1965 in Wien, wuchs in Orth an der Donau (NÖ) auf. Sie besuchte die Handelsakademie und arbeitete zunächst zehn Jahre in einem Rechenzentrum. Seit 1995 ist sie als freischaffende Künstlerin tätig. Von 1999 bis 2003 studierte sie Malerei und Grafik an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Demnächst ist in der Galerie Eboran in Salzburg ihre Ausstellung Brotberuf Malerei zu sehen. Vernissage am Freitag, 8. Februar, 19 Uhr. Die Ausstellung läuft bis 1. März.

    Links

    www.eva.hradil.info

    www.eboran.at

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