Thomas Bernhards Zuhause: Verstörung im Vierkanthof

    10. Februar 2019, 08:00
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    Bernhard-Bewunderer André Heller hat einen Lokalaugenschein in den drei Behausungen des Dichters organisiert: ein Unternehmen, das viele lohnende Einblicke vermittelt

    Drei Wohnsitze besaß Thomas Bernhard zu seinen Lebzeiten: den Vierkanthof Obernathal in Ohlsdorf, die "Krucka", einen Streckhof im Hügelland in der Nähe von Gmunden, und das Quirchtenhaus in der Gemeinde Ottnang im Hausruckviertel. Alle drei erwarb Bernhard mit einer gewissen Risikolust, auf Kredit und im Vertrauen drauf, dass er sich mit seiner schriftstellerischen Arbeit diese Unterkunftsvielfalt werde leisten können. Das Vertrauen erwies sich als begründet.

    Andre Heller, ein großer Verehrer des sperrigen Nationaldichters und "Erregungshochleistungsvirtuosen", hat den Anstoß zu einem verdienstvollen Buchprojekt gegeben, in dem die irdischen Besitztümer Bernhards beschrieben, fotografisch dokumentiert sowie nach möglichen Rückschlüssen auf Eigenheiten ihres ehemaligen Eigentümers analysiert werden. "Wohnungen und Häuser von Ausnahmewesen", konstatiert Heller zu Recht, "sind immer eine kostbare Ergänzung zum Verständnis von Werk und Person."

    foto: brandstätter-verlag, hertha hurnaus
    Ordnung beherrscht das Genie.

    Zur Erkundung von Bernhards Privatkosmos hat Heller mehrere Spezialisten hinzugezogen: Dietmar Steiner, Publizist und Gründungsdirektor des Architekturzentrums Wien, nahm Bernhards Häuser, Räume und Einrichtungen in Augenschein; die STANDARD-Kollegen Ronald Pohl und Christian Schachinger taten dies bei seinen Bibliotheks- bzw. Schallplattenbeständen. Die Literaturwissenschafterin Barbara Vinken wiederum entwirft, von Bernhards Garderobe und seinem Opus magnum Verstörung ausgehend, in einem schönen Essay das Charakterbild eines österreichischen Dandys, der seinem verhassten Herkunftsland zwar nie entkam, sich aber mit distinguiertem Gebaren so gut wie möglich von ihm unterscheiden wollte.

    "Wahrlich verstörend" nennt Steiner Bernhards Manier, seine Behausungen überaus aufwendig und zugleich vollkommen artifiziell einzurichten, ohne jeden Zusammenhang mit seiner tatsächlichen Lebensführung: ein dezidierter Nichtjäger, der seine Gewehre zur Schau stellte, ein passionierter Nichtkoch, der sich blitzblanke, professionelle Edelstahlküchen einbauen ließ. Karg dagegen und für einen hochmusikalischen Dichter überraschend konventionell die Plattensammlung, die sich, "böse gesagt, als fern jeder Systematik zusammengekaufte Eduscho-Klassik bezeichnen ließe". Von den insgesamt 1309 Büchern aus Bernhards Privatbesitz machen Bernhard-Werke den weitaus größten Teil aus (in den "Spektralfarben des unsterblich bunten Willy-Fleckhaus-Designs"). Daneben Klassiker, Artaud, Baudelaire, Char, Claudel, Péguy, Kafka, Stifter und immer wieder Montaigne.

    Zum veritablen Prachtband machen dieses Buch die opulenten Bildstrecken der Fotografin Hertha Hurnaus, welche Bernhards exzentrische Interieurs perfekt abgelichtet hat. In den Anblick der Gemächer, Gärten und Schränke mit ihren picobello gefalteten Kleidern kann man sich lange meditativ versenken, und in den Anblick der Gewehre erst recht. (Christoph Winder, Album, 9.2.2019)

    André Heller (Hg.), "Thomas Bernhard, Hab & Gut. Das Refugium des Dichters". € 35,– / 176 Seiten. Brandstätter , Wien 2019

    Weiterlesen:

    "Immer noch Frost": Betrachtungen zu Thomas Bernhard

    Graphic Novel: Die Leiden des Zöglings Bernhard

    • Überaus aufwendig artifiziell: Thomas Bernhard pflegte die Einrichtung seiner Räume auf sehr eigenwillige Art zu inszenieren.
      foto: brandstätter-verlag, hertha hurnaus

      Überaus aufwendig artifiziell: Thomas Bernhard pflegte die Einrichtung seiner Räume auf sehr eigenwillige Art zu inszenieren.

    • Ein Biedermeierschrank. Innen, wie es sich gehört, blau angestrichen.
      foto: brandstätter-verlag, hertha hurnaus

      Ein Biedermeierschrank. Innen, wie es sich gehört, blau angestrichen.

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      foto: brandstätter-verlag, hertha hurnaus
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