Viktor Orbán, der Witzepräsident

Kommentar30. Jänner 2019, 17:14
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Orbán scheint entschlossen, mit seinem "Null Toleranz"-Scherz zumindest außerhalb seiner Familie und seines Freundeskreises Ernst zu machen

Dass autoritäre Machthaber im Umgang mit Humor oft wenig souverän wirken, gilt als allgemein bekannt. Besonders ausgeprägt manifestiert sich diese Verunsicherung im Ungarn unter Viktor Orbán.

Vor einiger Zeit wurde dort ein Gesetz erlassen, das "Witze und Karikaturen über die heilige Stephanskrone" mit bis zu einem Jahr Haft ahndet. Mit meinen "Wir Staatskünstler"-Kollegen Thomas Maurer und Robert Palfrader wollte ich damals vom ungarischen Botschafter in Wien wissen, wie man sich so einen strafbaren Witz in der Praxis vorstellen darf. Seine Exzellenz antwortete bemüht humorvoll und applizierte schließlich eine von uns mitgebrachte Kopie der Krone auf einer Lampe in seinem Büro, was empörte Reaktionen im ungarischen Parlament zur Folge hatte und im Weiteren zur Abberufung des Botschafters führte.

Wenn also István Hegedus, ein ehemaliger Parteikollege Orbáns, im Gespräch mit dem STANDARD angesichts wachsender Bürgerproteste in Ungarn meint: "Es gibt ziemlich brutale Witze über Orbán. Und das ist ziemlich gefährlich für einen Mann, der autoritär auftreten möchte", so würde eine heftige Reaktion des Ministerpräsidenten auf diese Witze nicht wundern.

Fleißiger Kleptokrat

Die gab es nun auch, wenngleich in eher unerwarteter Form. Nämlich mit dem Versuch, die Spötter mit deren eigenen Waffen zu schlagen. Im Rahmen einer Pressekonferenz präsentierte sich Orbán erstmals selbst als Witzerzähler, und das klang so: "Es gibt kein akzeptierbares Korruptionslevel in diesem Land, dafür habe ich null Toleranz." Aus dem Mund dieses fleißigen Kleptokraten klingt das, als würde Mark Zuckerberg null Toleranz gegenüber Steuervermeidern fordern und bestreiten, dass Facebook Daten seiner Benutzer kennt. Ein netter kleiner Gag, mit dem Orbán Bereitschaft zur Selbstironie demonstriert – könnte man meinen, doch er scheint gewillt, daraus einen großen Practical Joke werden zu lassen. Indizien dafür zeigten sich unlängst in Österreich.

Dort amtierte bis vor kurzem János Perényi als Nachfolger des glücklosen Botschafters mit der heiligen Lampenschirm-Krone. In dieser Funktion empörte sich der neue Orbán'sche Gesandte über eine STANDARD-Kolumne meinerseits, in der ich einige der kriminellen Verstrickungen Orbáns und seines Familienclans aufgelistet hatte. Kurze Zeit später geriet Perényi in die Schlagzeilen, weil er einen 250.000 Euro teuren Aston Martin Vanquish erworben habe und diesen rechtswidrig mit einem Diplomatenkennzeichen habe ausstatten lassen. Tatsächlich soll das Luxusauto von einem österreichischen Geschäftsmann genutzt werden. Es geht also bei den Ermittlungen um Zoll- und Steuerbetrug, zwei Delikte, die nach Orbán'schen Maßstäben höchstens als Bagatellen gelten sollten. Umso erstaunlicher, dass Perényi umgehend aus dem diplomatischen Dienst entlassen wurde.

Orbán scheint also entschlossen, mit seinem "Null Toleranz"-Scherz zumindest außerhalb seiner Familie und seines Freundeskreises Ernst zu machen. Sollte das dazu führen, dass er wenigstens Teile der von EU-Betrugsermittlern zurückgeforderten 43 Millionen Euro tatsächlich zurückzahlt, hätten auch wir Grund zum Lachen. (Florian Scheuba, 30.1.2019)

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