Oscar-Favorit und Buddy-Komödie "Green Book": Außenseiter unterwegs

    31. Jänner 2019, 12:00
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    In "Green Book" chauffiert ein Italoamerikaner einen schwarzen Musiker. Ein Schaulauf für Viggo Mortensen und Mahershala Ali

    Als der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi ab 1975 seine politische Gedankenarbeit in Form eines grünen Buchs herausbrachte, war ihm wohl nicht bekannt, dass es davor schon ein anderes Werk dieses Titels gegeben hatte. Es hieß mit vollem Umfang The Negro Motorist's Green Book und war ein Reiseführer mit einem speziellen Zielpublikum: Autofahrer "of color" erfuhren hier, wo sie in Amerika ein Quartier zum Absteigen oder ein Abendessen nach einem Tag auf der Straße finden konnten. Einen Bedarf für diese Hinweise gab es natürlich nur deswegen, weil Segregation damals gang und gäbe war: Viele Etablissements waren exklusiv für Weiße. In anderen konnten die Schwarzen unter sich sein. Ihnen versprach das grüne Buch "vacation without aggravation": Urlaub ohne Erschwernisse.

    In dem Film Green Book – Eine besondere Freundschaft von Peter Farrelly erlebt der Musiker Dr. Donald Shirley die Zumutungen (die "aggravations") des Rassismus zum Beispiel bei einem Empfang unter freiem Himmel in milder Abendluft. Er wird als Künstler herumgereicht, aber die Toilette im Haus der Gastgeber darf er nicht benutzen. Shirley ist schwarz, was er mit dem Klavier macht, ist außergewöhnlich, dafür bekommt er auch Applaus. Aber wenn er in demselben prunkvollen Restaurant, in dem er auftreten soll, auch essen will, wird er auf eine Besenkammer verwiesen.

    Volktümliche Interpretation

    Der Mann, der in Green Book das grüne Buch für schwarze Automobilisten in die Hand gedrückt bekommt, ist seinerseits nicht im strengen Sinn ein "negro". Als Italoamerikaner ist Tony Lip aber von der weißen Elite genauso weit entfernt wie von der schwarzen Minderheit. Er steht dazwischen und ist damit eine ideale Identifikationsfigur. Tony Lip wird von Donald Shirley für eine Tournee durch die Südstaaten als Fahrer engagiert. Es ist das Jahr 1962. Die Bürgerrechtsbewegung hat zwar schon begonnen, Amerika zu verändern, aber noch sind die Verhältnisse vielerorts von den ältesten Vorurteilen geprägt.

    universal pictures

    Viggo Mortensen zählt mit seiner dezidiert volkstümlichen Interpretation von Tony Lip zu den Oscar-Favoriten in diesem Jahr. Sein Gegenüber Mahershala Ali bekam die Trophäe 2017 für Moonlight und ist dieses Jahr unter den besten Nebendarstellern durchaus chancenreich (insgesamt ist der Film fünfmal nominiert). Die ironische Spannung zwischen dem aristokratisch auftretenden Donald Shirley und dem ständig rauchenden oder Backhendl mampfenden Tony Lip ist das komödiantische Pfund, mit dem Peter Farrelly wuchert.

    Auf breiteres Publikum aus

    Bis 2012 hat er gemeinsam mit seinem Bruder Bobby einige der radikalsten amerikanischen Filmkomödien überhaupt gemacht: There's Something About Mary oder Me, Myself & Irene waren wilde Durchmischungen sozialer und sexueller Welten, wobei am Ende in der Regel ein universalistisches Modell stand – ein Amerika, in dem die schrägsten Formen von Subjektivität und Anatomie gleichrangig, sogar harmonisch nebeneinander bestehen konnten.

    Im Vergleich dazu geht es Peter Farrelly (seit der enttäuschenden Fortsetzung Dumb and Dumber 2 ohne seinen Bruder tätig) in Green Book konventioneller an. Eine klassische Buddy-Komödie mit politischer Botschaft und weihnachtlichem Happy End zielt von vornherein auf ein breiteres Publikum als der anarchische Witz der früheren Werke, die aber fast alle auch kommerziell erfolgreich waren.

    Progressiver Populismus

    In seinen früheren Filmen fand Peter Farrelly über Exzentrik und Avantgarde, über Schizoidität und Scham zu einem progressiven Populismus. In Green Book nimmt er das direkte Roadmovie in diese Richtung. Der Wirkung des Stoffs tut es dabei sicher keinen Abbruch, dass Tony Lip eine Figur aus dem richtigen Leben ist und dass er als Schauspieler sogar eine gewisse Bekanntheit erreicht hat: In The Sopranos spielte er den Mafioso Carmine Lupartazzi und dazu weitere typische Italoamerikaner für Scorsese oder Coppola. Die Geschichte von der Expedition in den tiefen Süden ist also nicht nur erbaulich, sondern sie hat auch noch die Bekräftigung, dass sie nicht vollständig erfunden ist. (Bert Rebhandl, 31.1.2019)

    Ab Freitag im Kino

    • Die Widersprüche Amerikas bringen sie zusammen: Großmaul Tony Lip (Viggo Mortensen, li.) und Großmusiker Don Shirley (Mahershala Ali).
      foto: ap

      Die Widersprüche Amerikas bringen sie zusammen: Großmaul Tony Lip (Viggo Mortensen, li.) und Großmusiker Don Shirley (Mahershala Ali).

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