Bringt Zuwanderung patriarchale Rollenbilder nach Österreich?

Blog31. Jänner 2019, 12:00
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Personen mit Migrationshintergrund haben per se kein traditionelleres Frauenbild, hier lebende Muslime laut einer Studie aber schon

Mehrere Morde an Frauen zu Jahresbeginn 2019 – und die Tatsache, dass die mutmaßlichen Täter meist Zuwanderer waren – haben eine Diskussion über Migration und die damit verbundenen Frauenbilder ausgelöst. Nun ist es von patriarchalen Einstellungen zu einem Gewaltverbrechen in aller Regel ein sehr weiter Weg. Dennoch ist Gewalt gegen Frauen in Gesellschaften mit verfestigten patriarchalen Strukturen deutlich stärker ausgeprägt.

Wie aber steht es um die Einschätzung, dass durch Zuwanderung verstärkt patriarchale Rollenbilder nach Österreich "importiert" würden? Anders gefragt: Haben Personen mit Migrationshintergrund traditionellere Frauen- und Männerbilder?

Um diese Frage zu beantworten, können wir die Österreich-Daten der Europäischen Wertestudie 2017 heranziehen. Rund 1.700 Befragte gaben dort ihre Meinungen zu den folgenden sieben Aussagen auf einer vierteiligen Skala (von "stimme voll und ganz zu" bis "stimme überhaupt nicht zu") an:

  • Kinder leiden darunter, wenn die Mutter berufstätig ist.
  • Ein Beruf ist gut, aber was die meisten Frauen wirklich wollen, ist ein Heim und Kinder.
  • Im Allgemeinen leidet das Familienleben darunter, wenn die Frau Vollzeit berufstätig ist.
  • Es ist die Aufgabe eines Mannes, Geld zu verdienen, die Aufgabe einer Frau ist es, sich um das Zuhause und die Familie zu kümmern.
  • Im Großen und Ganzen sind Männer bessere politische Führungskräfte als Frauen.
  • Eine Universitätsausbildung ist für einen Burschen wichtiger als für ein Mädchen.
  • Im Großen und Ganzen sind Männer bessere Geschäftsleute als Frauen.

Diese Fragen versuchen zu ermitteln, wie sehr die Befragten einer klassischen Aufgabenteilung (Frauen kümmern sich um Heim und Familie, Männer um Beruf und Einkommen) und Hierarchie (Männer sind bessere Führungskräfte in Politik und Wirtschaft) zwischen den Geschlechtern zustimmen.

Aus den Antworten auf diese Fragen können wir einen Rollenbild-Index berechnen: Wer auf alle Fragen "stimme voll und ganz zu" antwortet (uneingeschränkt traditionelles Rollenbild), bekommt den Indexwert 0. Wer immer "stimme überhaupt nicht zu" antwortet (uneingeschränkt modernes Rollenbild), erhält den Indexwert 1. Die Werte dazwischen stufen zwischen diesen beiden Extremen ab. Höhere Indexwerte bedeuten also ein moderneres Rollenbild.

Die Grafik oben bildet für bestimmte soziale Gruppen den Median-Indexwert (also den Wert genau in der Mitte der Verteilung) und die beiden Quartile ab – also jene Werte, bei denen ein Viertel der Personen in der Gruppe darunter (unteres Quartil) beziehungsweise ein Viertel der Personen darüber (oberes Quartil) liegt. Diese Darstellung mutet vielleicht etwas umständlich an, aber sie verdeutlicht, wie stark die Meinungen innerhalb der ausgewiesenen Gruppen variieren.

Einigermaßen erwartbare Unterschiede gibt es nach Parteipräferenz. ÖVP- und FPÖ-Wähler haben im Schnitt das konservativste Rollenbild, allerdings sind die Unterschiede zur SPÖ-Wählerschaft gering. Deutlich progressiver in ihren Einstellungen sind die Anhänger von Neos, Grünen und Liste Pilz (Jetzt).

Zwischen Männern und Frauen gibt es im Mittel auch erwartbare Unterschiede, allerdings sind hier die Überlappungen in der Verteilung extrem groß, wie man anhand der Quartilswerte ablesen kann. Im Gegensatz dazu findet man bei der Aufschlüsselung nach Migrationshintergrund keine relevanten Unterschiede – die Verteilungen sind hier praktisch identisch. Zuwanderer haben also nicht per se konservativere Geschlechterrollenbilder als Nichtzuwanderer.

Große Differenzen gibt es aber nach Religionsbekenntnis. Personen ohne Bekenntnis sind hier am progressivsten eingestellt. Protestanten haben im Vergleich etwas niedrigere Indexwerte und Katholiken noch einmal etwas konservativere Haltungen. Deutlichster Ausreißer nach unten sind aber muslimische Befragte, die den niedrigsten Median-Indexwert aller dargestellten Gruppen aufweisen (wobei die Fallzahl hier schon recht gering ist, siehe Erklärungen zur Grafik).

Aber auch in diesem Fall muss man die Breite an Meinungen berücksichtigen: Die konservativere Hälfte der Muslime in Österreich hat nach dieser Analyse in etwa ähnliche Einstellungen wie das patriarchalischste Viertel der Wählerschaften von ÖVP, SPÖ und FPÖ. (Laurenz Ennser-Jedenastik, 31.1.2019)

Laurenz Ennser-Jedenastik ist Politikwissenschafter am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien.

  • ÖVP- und FPÖ-Wähler haben im Schnitt das konservativste Rollenbild.
    foto: apa/dpa/wolfram steinberg

    ÖVP- und FPÖ-Wähler haben im Schnitt das konservativste Rollenbild.

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